«Roger Schawinski war ein Fan von uns»

Heute startet die Komödie «The Boat that Rocked». Wie das Leben als Radiopirat tatsächlich aussah, weiss Edwin Bollier. Der Schweizer sendete vor 40 Jahren von der Nordsee - trotz Bombenanschlag, Spionagevorwürfen und seekranken DJs.

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Herr Bollier, warum wurden Sie zum Radiopiraten?
Weil Radiomachen in den 70ern in Europa ein Privileg der Regierungen war. Stellen Sie sich vor: Gab es in der Schweiz einen Unglücksfall, lief auf Beromünster den ganzen Tag Trauermusik. Dagegen haben wir gekämpft. Aber natürlich spielte auch die Liebe zur Musik sowie die Faszination Radiomachen mit. Und nicht zuletzt das Geld, das damit zu verdienen war.

Geld? Mit einem Piratensender?
Ja, in den paar Jahren machten wir mit Radio Nordsee immerhin 13 Millionen Franken Umsatz. Als es richtig einzuschenken begann, mussten wir den Betrieb leider einstellen.

Wie finanzierten Sie sich?
Mit Reklame. Toshiba, Iberia und andere Grossfirmen warben bei uns.

Warum haben Sie nicht für ein Schweizer Publikum gesendet?
Tatsächlich hatten wir einmal die Idee, vom Bodensee aus zu senden. Aber dort einen grossen Mittelwellen-Sender aufzubauen, war nicht realistisch. Deshalb sind wir auf die Nordsee ausgewichen, von wo aus mit England und Holland natürlich auch mehr Hörer zu erreichen waren.

Deswegen kennt Sie in der Schweiz kaum jemand. Im Gegensatz zu Roger Schawinski…
Schawinski arbeitete damals bei der «Tat» und schrieb praktisch jede Woche einen Bericht über Radio Nordsee. Vielleicht packte in das Radiomachen ja wegen uns. Nachdem wir aufgehört hatten, fragte er mich, ob ich bei ihm mitmache. Ich habe abgesagt, weil ich keine Zeit hatte – etwas, was ich heute bereue.

Dennoch gelangten Sie in die Schlagzeilen. In ihrem Zürcher Club High Life verweigerten Sie Mick Jagger 1968 den Eintritt.
Nicht ich war das, sondern mein Türsteher, Herr Stöckli. Er hat einfach nach Vorschriften gehandelt. Damals ging man noch mit Krawatte in den Ausgang - und eine solche trug Mick Jagger halt nicht.

Zurück auf die hohe See. Aus wie vielen Personen bestand ihre Mannschaft?
Mit Kapitän, Maschinist, Crew und DJs waren insgesamt 15 Personen an Bord. Alle 14 Tage wurde die Crew ausgewechselt. Das Tenderboot brachte dann gleichzeitig neue Platten an Bord.

…und Seekranke an Land?
Bei stürmischem Wetter wars schon problematisch. Ein DJ hats einmal besonders schlimm erwischt. Der wollte aber unbedingt weiter auflegen, so dass ich ihn gegen seinen Willen vom Schiff holen liess.

Die Piraten-Crew im Film besteht nur aus Männern. Wie war das bei Ihnen?
Da waren auch nur Männer. Trotzdem wars die beste Zeit meines Lebens.

Im Film entern immer wieder Groupies das Schiff…
Nein, so lief das damals nicht. Ab und zu legte eine Frau Platten auf. Andere Sachen mit Frauen gabs keine. Auch keine Drogen – obwohl das behauptet wurde. Einmal stand eine ganze Polizeieinheit bereit, als wir an Land anlegten. Angeblich hätten wir eine Ladung Drogen nach Holland geschmuggelt. Das war natürlich bloss ein weiterer Trick, um uns abzuschalten. Dabei waren wir es, die Schutz brauchten.

Warum?
Unsere Konkurrenz war nicht gerade zimperlich. Radio Veronica, ein holländisches Piratenradio-Schiff, verübte einen Bombenanschlag auf uns. Dass niemand ums Leben kam, war reines Glück: Die Veronica-Leute befestigten die Bombe am Wasser- statt beim Dieselöltank. Die Verantwortlichen mussten für ein Jahr ins Gefängnis. Aus Angst vor Übergriffen hatten wir übrigens stets Pistolen an Bord.

Sie selber hielten sich auch nicht immer ans Gesetz. So sollen Sie bei der SRG eine Sende-Röhre abgeschraubt haben?
Das ist ein Gerücht, das einer unserer DJs in die Welt gesetzt hat. Die Geschichte stimmt aber nicht. Wir haben bloss einmal eine Röhre als Blumenstock getarnt und sie nach Holland geschmuggelt.

Es gab auch Spionage-Vorwürfe...
Weil ich damals mit der DDR Geschäfte machte, hat man uns verdächtigt, internationale Telefonleitungen für die Stasi abzuhören. Auch das ist erfunden. In Tat und Wahrheit ging es darum, uns kaputtzumachen. Deswegen hat man mir in der Schweiz auch meine Amateur-Sendekonzession entzogen - mit der Begründung ich betreibe mit Radio Nordsee einen Sender, der nicht den internationalen Standards entspreche. Engländer und Holländer hatten auf höchster Ebene bei der Schweiz reklamiert. Bereits als ich für Radio Nordsee im «Tages-Anzeiger» ein Inserat schaltete, hatte ich den Nachrichtendienst am Hals.

Was stand in dem Inserat?
«Mitarbeiter gesucht für freies Radio.»

Was war den Regierungen eigentlich ein Dorn im Auge?
Ihr Monopol zu verlieren, Hörer zu verlieren. Angst auch vor dem Einfluss der neuen Musik auf die Jugend.

Haben Sie das Gefühl, mit Radio Nordsee etwas verändert zu haben?
Dass es heute in der Schweiz freies Radio gibt, liegt – neben anderen Pionieren wie Roger Schawinski – sicher auch an uns. Vor allem aber haben wir einzelne Songs bekannt gemacht. «In the Summertime» etwa haben wir gross gemacht, nicht etwa die BBC. Indem wir die Platte zehn Mal pro Tag spielten, nahmen es andere Radiostationen auf – bis es schliesslich auch auf BBC lief und weltberühmt wurde.

Ihr Lieblingssong damals?
«Peace» von…Moment…keine Ahnung mehr von wem. Müsste man wieder einmal spielen, das gäbe bestimmt wieder einen Hit. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.04.2009, 13:25 Uhr

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