Schreie für Millionen

Janis Joplin suchte Bestätigung und fand den Blues. Der Dokumentarfilm «Little Girl Blue» erzählt vom Leben und vom Method Acting des ersten weiblichen Rockstars.

Bluessängerin im Hippiegewand: Janis Joplin. Foto: PD

Bluessängerin im Hippiegewand: Janis Joplin. Foto: PD

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Sie wollte es den Spiessern zeigen. Im Sommer 1970 besuchte Janis Joplin eine Klassenzusammenkunft in Port Arthur, Texas, wo sie aufgewachsen und in der Schule gequält worden war. Sie trug ihre grösste Sonnenbrille und ihre Federboas und paradierte durch die Menge als Pearl, wie sie sich zuletzt nannte; als irre kicherndes Hippiegespenst zwischen all den braven Bürgern, in die sich ihre Kameraden im natürlichen Lauf der Dinge verwandelt hatten. Man kann jetzt auf der Kinoleinwand sehen, wie Joplin glaubte, sie komme im Triumph zurück, und wie sie doch nur fehl am Platze war.

Trauriger als in dieser späten Szene wird es nicht mehr in den 107 Minuten von «Little Girl Blue», in denen Amy J. Berg mitreissend das Leben von Janis Joplin dokumentiert: Die muffigen Bilder vom Klassentreff zeigen, wie gefangen die Sängerin kurz vor ihrem Tod am 4. Oktober 1970 in ihrem Image war. Sie habe sich in ihrer Heimatstadt immer ausgeschlossen gefühlt, sagt Joplin in die Mikrofone der herbeigeeilten Presse, und falsch daran ist nur der Stolz, mit dem sie den Satz vorträgt. Dann blitzen die Fotoapparate und fangen sie ein, diese Karikatur eines Rockstars.

Es gab begabtere Sängerinnen

Die Geschichte, welche die 47-jährige Filmemacherin aus Kalifornien hier auffächert, ist darum so traurig, weil man sie als die Geschichte einer Selbstermächtigung begreifen kann; aber genauso gut, ohne ein Wort oder eine Blue Note zu ändern, auch als die einer Selbstzerstörung. Janis Joplin brach aus den Grenzen der kleinbürgerlichen Arbeiterstadt aus, die sich rühmte, sie öle die Welt, und wurde zum ersten weiblichen Rockstar. Doch sie wurde es nicht in erster Linie durch ihr Talent. Es gab in den USA der 60er-Jahre begabtere weisse Bluessängerinnen, Karen Dalton etwa oder Judy Henske.

Was Joplin zu einer Ikone ihrer Zeit machte, das war ihr Ruf als gründlich ausgeflippte Bühnenexistenz. Keine trug ihr Herz so heillos auf der Zunge, keine brannte so lichterloh. Es war eine Performance von «Ball and Chain», die sie berühmt machte, im Sommer 1967 in Monterey. Die Organisatoren des ersten grossen Open Airs der Popgeschichte ringelreihten ihre Mottos bereits in Hippiesprache: Sei glücklich, sei frei, trage Blumen, bring Glöckchen. Doch Joplin war noch befeuert vom alten Beatnikglauben. Ihre Kunst sollte intensiv sein, in jedem Moment ein authentischer Ausfluss ihrer Seele. Was das bedeutet, kann man in der rollenden Prosa von Jack Kerouac lesen. Oder hören, in den sechs Minuten von «Ball and Chain».

Vier schnell aufsteigende blaue Noten braucht James Gurley auf seiner Stromgitarre, um den Song auf einen ersten dramatischen Höhepunkt zu bringen. Er wartet einen Moment und lässt den Akkord dann zerfliessen, als sei er aus Quecksilber. Dann setzt Janis Joplin ein. Langsam zieht sie den Song an sich, mit Zeilen über das Fenster und den Regen davor. Es kommen ihr erste Schreie und der Refrain: «Ich werde dich lieben bis an mein Ende / Aber diese Liebe ist wie eine Kette an meinem Fuss mit einer Kugel dran.» Ein Guss aus der schmerzverzerrten Gitarre, der Song lodert auf und geht in die zweite Strophe.

Zu weiss für den Blues

In einem Brief an die Eltern erkundigte sich Janis Joplin, ob die Presse in Port Arthur über ihren erstaunlichen Auftritt denn berichtet habe. Sie wollte, dass Texas von den Ovationen erfuhr, die sie bekommen hatte; sie wollte, dass die Mitstudenten, die sie am College zum «hässlichsten Mann des Campus» gewählt hatten, einsahen, dass sie jetzt sexy war. Doch die Verletzungen, die Janis Joplin als Teenager erlitten hatte, waren zu gross. Trotz all des Ruhms und Rummels, der nun über sie kam, blieb sie unsicher und einsam.

Ihre Selbstermächtigung, die in Monterey ihren triumphalen Moment hatte, trug den Keim der Selbstzerstörung in sich. Denn sie glaubte, dass ihre Verletzungen nicht gross genug waren für das, was sie tat. Das war ihr tragisches Verhängnis: Den Blues zu singen, gab Joplin die Bestätigung, von der sie nie genug bekommen sollte. Also sang sie immer mehr von diesem Blues, für den sie sich im Grunde aber zu privilegiert fühlte, zu erfolgreich, zu weiss. «Sie imitierte die schwarzen Bluessängerinnen», sagt im Film eine ehemalige Mitbewohnerin in San Francisco, «weil sie wie die sein und deren Schmerz fühlen wollte.» Sich schlecht zu benehmen, zu viel zu trinken und Meth zu nehmen, das war ihr Method-Acting auf dem Weg nach unten.

Sie glaubte, dass ihre Verletzungen nicht gross genug waren, um den Blues zu singen. Das war ihr Verhängnis.

Das ist erstaunlich, weil sie es eigentlich besser wusste. In den frühen Jahren hatte sie sich an Odetta orientiert, der eleganten schwarzen Folksängerin, die es bis in die Carnegie Hall geschafft hatte. Und wesentliche Teile ihres Bühnenauftritts, etwa das stakkatoartige Wiederholen einzelner Silben, hatte sie sich bei Otis Redding abgeschaut. Der junge schwarze Soulstar zeigte mit Songs wie «Respect» und einer hippen, in Anzügen eingelassenen Band gerade, dass die Black Music den Bluesglauben überwunden hatte – die Idee nämlich, dass gute Musik aus der persönlichen Leidenserfahrung entstehen muss.

Janis Joplin war nicht die Einzige, die weiter daran glaubte. Während schwarze Bluesstars wie Muddy Waters oder Willie Dixon in den Sechzigern gutes Geld verdienten, Cadillacs kauften und Grossfamilien gründeten, begeisterte sich eine ganze Generation weisser Bluesmusiker für den prekären Lebenswandel von Robert Johnson, einem ominösen Wandermusiker der Depressionszeit. Joplin nahm sich Bessie Smith zum Vorbild, das Mutterschiff des Blues. Smith hatte 1923 als Erste einen traurig gefärbten Blues auf Schallplatte gepresst. Sie schaffte es an den Broadway, verfiel dem Gin und immer neuen Affären – und starb bei einem Autounfall.

Aus dem Gesang von Bessie Smith drang ihre Zerrissenheit, und Janis Joplin fühlte sich rundum verstanden. Sie umgab sich mit Federboas und modellierte, obwohl es jetzt ja Mikrofone gab, ihre Stimme nach dieser wuchtigen, im Zirkuszelt geschulten Sängerin. Doch je mehr sie sich an Smith orientierte, umso klarer muss der nachgeborenen Texanerin ihr Ungenügen geworden sein. Auch fiel ihr auf, dass sich ihre Auftritte von Abend zu Abend glichen, dass sie keineswegs aus dem Augenblick eines aufrichtigen Gefühls geboren wurden. «Der beste Lehrer ist die Erfahrung», hatte Kerouac in seinen heiligen Beatnikschriften notiert, doch jetzt begannen sich die Erfahrungen verdächtig zu gleichen. So wurde für Joplin wahr, was da ebenfalls stand: «Ich hatte nichts anderes anzubieten als meine Verwirrung.»

Wie eine Kette am Fuss

Das Ergebnis war Pearl. Ein Image, das an Janis Joplin hing wie eine Kette am Fuss mit einer Kugel dran. Diese groteske Hippiefratze einer Bluessängerin schrie im Studio so umstandslos ins Mikrofon, dass sich die Produktionsleiter, wie man im Film sieht, bald Sorgen um die schöne Platte machten, die sie aufnehmen wollten. Als «verzweifelte Paarungsrufe» hat ein Kritiker ihre Bühnenschreie besungen, ein anderer verglich sie mit dem Gefühl, «gründlich und gut gebumst zu werden». Und das ist die bittere Pointe: Der erste weibliche Rockstar taugte nicht zum Vorbild für alle weiteren. Zu gierig ihr Gesang, zu elend ihre Hingabe an den Blues und ihr Komfort im Southern Comfort.

Wenn die Savages, eine junge Girlband aus London, auf ihrem neuen Album die Musik ihrer Idole grandios ineinanderknebeln, dann zeigt sich: Die Geschichte der coolen, selbstbewussten Mädchenmusik, die sich vom heterosexuellen Rockstampfen des weissen Mannes emanzipiert, sie beginnt mit den Kieksern der androgynen Patti Smith. Und nicht mit dem Urschrei der bisexuellen Janis Joplin. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.01.2016, 17:24 Uhr)

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Die Filmkritik

Ein früher Tod ist der Karriere förderlich: Im Gegenlicht der Ewigkeit verblassen alle Unzulänglichkeiten, die Verklärung nimmt ihren Lauf. Und so ­figuriert Janis Joplin denn auf der «Rolling Stone»-Liste sowohl in der Kategorie ­«Beste Sängerin» als auch «Beste Künstlerin aller Zeiten» weit oben. Joplin selbst sah das anders: Sie habe Kraft, sagte sie, und mit der Zeit werde sie vielleicht auch noch gut.

Dies erfährt man aus Amy J. Bergs ­Dokumentarfilm «Janis: Little Girl Blue», und das macht dessen Stärke aus: Da werden nicht einfach Klischees wiedergekäut, sondern öfter mal zerstört. Beliebt ist auch die Aussage, Joplin sei frei von Manierismen gewesen, da sei alles im Moment erfunden worden. Im Film sagt sie, vom Soulsänger Otis Redding habe sie die Wiederholung der Floskel «You gotta, gotta» übernommen. Aber, gestand sie 1968 dem Radiomann Studs Terkel, die Subtilität der Jazzsängerin Billie Holiday oder der Soulsängerin Aretha Franklin gehe ihr völlig ab: «Dafür brauche ich noch ein paar Jahre.»

Die waren ihr nicht gegönnt: Am 14. Oktober 1970 starb sie in einem Motelzimmer in Los Angeles an einer Überdosis Heroin. Der Film folgt ihrem Leben von der Geburt 1943 in Port Arthur, Texas, über ihre Studentenzeit in Austin – sie wurde von den lieben Kommilitonen zum «hässlichsten Mann (!) auf dem Campus» erkoren –, den Durchbruch in San Francisco mit der Band Big Brother and the Holding Company über die Solojahre bis zu ihrem Tod. Dabei kommen viele Verwandte und Weggefährten zu Wort, die beim ersten Statement auch brav vorgestellt werden. Doch nach zehn weiteren weiss man nicht mehr: Ist das jetzt der Bruder oder ein ehemaliger Lover? Der Film setzt auch voraus, dass man selbst merkt: Ah, da hat Janis also auch einmal mit Mitgliedern der Band Grateful Dead herumgealbert.

Stark sind aber all die Interviews mit ihr – Janis Joplin war eine sehr sympathische Frau, die im Gegensatz zu heutigen Stars frisch von der Säuferleber weg redete – und ihre Briefe, die Chan Marshall (bekannt als die Sängerin Cat Power) vorliest. Und spätestens bei einer Liveversion von «Ball and Chain» wird einem klar, warum Janis Joplin ihr Publikum als Performerin dermassen faszinierte: Da brannte jemand auf der Bühne lichterloh.
Thomas Bodmer

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Der Durchbruch: Janis Joplin und Big Brother & the Holding Company in Monterey, im Sommer 1967.

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Vorbild I: der Soulsänger Otis Redding.

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Vorbild II: die Folksängerin Odetta.

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Vorbild III: Bessie Smith singt den ersten traurig gefärbten Bluessong auf Schallplatte.

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Nicht so bekannt, aber genauso gut wie Janis Joplin (I): Judy Henske.

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Nicht so bekannt, aber genauso gut wie Janis Joplin (II): Karen Dalton.

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Später Konzertauftritt: Janis Joplin mit «Summertime».

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