Kultur

So klingen Züri Wests verlorene Songs

Von Christoph Fellmann und Thomas Wyss. Aktualisiert am 21.04.2010

Züri West blicken zurück: 25 Jahre nach ihrer ersten Maxi-Single bringt die Band eine CD mit verschollenen Songs und Demos heraus. Hier erzählen sie, wie Songs verloren gehen.

Zwei, die sich (manchmal) verstehen: Kuno Lauener (l.) und Tom Etter von Züri West.

Zwei, die sich (manchmal) verstehen: Kuno Lauener (l.) und Tom Etter von Züri West.
Bild: Ruben Wyttenbach

Neue CD: «HomeRekords»

Vor 25 Jahren veröffentlichte eine junge Berner Band vier Songs, die sie bei ihrem Konzert im Kino Splendid ein paar Monate zuvor mitgeschnitten hatte: Die Maxi-Single «Splendid» war der Auftakt zur höchst erfolgreichen Plattenkarriere von Züri West mit bis heute zehn Studioalben. Die Band um den Texter und Sänger Kuno Lauener wurde seither mehrfach umbesetzt, zu einer grösseren Rochade kam es 2000. Das neueste Album «HomeRekords» (Sound Service) sammelt 16 Demos für Songs, die nie oder in anderen Versionen veröffentlicht wurden.

Hörproben:

«Haubi Songs» (passerelle):


«Liebi niene meh»:


«L.I.M.S.»:


«Was tribt de di Gäng dür die Nacht»:


«U3»:


Stichworte

Montagmorgen. Erst vor wenigen Stunden hat YB die Führung in der Schweizer Fussballmeisterschaft an Basel abgegeben, und Kuno Lauener ist froh, mit der neuen CD ein Projekt zu haben, das ihn von der Niederlage seines Lieblingsklubs ablenkt. Den ganzen Tag empfängt der Sänger von Züri West die Journalisten im Penthouse des Berner Kursaals. Mit dabei ist auch Tom Etter, Gitarrist bei der Band seit 2000.

Kuno Lauener, die grosse Frage heute Morgen lautet: Wird YB noch Meister?
Kuno Lauener: Schwierig. Mir kommts vor wie auf Tournee: Du bist eingespielt, alles läuft gut, und dann kommt aus dem Nichts eine Serie von Scheisskonzerten.

Und wie kommen Züri West da raus?
Lauener: Irgendwann an einem Konzert wieder ein frühes Tor schiessen. Tom Etter: Jeder überlegt für sich, wie er wieder besser spielen kann. Und dann gibt es Gemeinschaftsmassnahmen. Lauener: Die sind erst recht schwierig. Wir sind ja manchmal furchtbar darin, nicht miteinander zu reden.

Worüber diskutieren Sie, wenn Sie diskutieren?
Etter: Kleider, Fussball, Frauen. Lauener: Früher haben wir nur über Musik diskutiert, heute haben sich die Themen schon verschoben, wir reden viel über Fussball. Aber wenn wir eine Platte produzieren, arbeiten und diskutieren wir schon sehr fokussiert.

Dann müssen Sie darüber reden, welche Songs auf die Platte kommen. Was geht vor, wenn bei Züri West ein Song durchfällt?
Lauener: Bei uns nimmt jeder zu Hause seine Ideen auf und schickt sie mir. Dann kommt der Text. Wenn ich dann in die Probe komme, kann es vorkommen, dass die anderen das Resultat als nicht so zwingend erachten.

Und Sie bemühen sich dann, das nicht persönlich zu nehmen, aber es geht nicht.
Lauener: Genau. Das sind schlimme Momente.

Etter: Aber dann beginnt die Arbeit. Wir haben noch nie einen Song nach dem ersten Hören durchfallen lassen.
Lauener: Meistens sagt dann einer: Lass ihn noch mal laufen.

Tom Etter, wie sagen Sie Kuno Lauener, wenn eine seiner Strophen nicht gut ist? Oder sagen Sie nichts und gucken aus dem Fenster?
Lauener: Gut, ich merks ja schon. Und nach einer Weile rafft sich einer auf und fragt: Du, ist dieser Song wichtig? Ich weiss, es ist mühsam, wenn man nicht redet, aber wir funktionieren ein bisschen so. Und manchmal ist es erstaunlich, was aus diesem Geknorz entsteht.

Etter: Über «Liebi niene meh», das ein Kandidat für «Haubi Songs» war, haben wir viel geredet. Über den Text...

Lauener: Es ist auch kein lustiger Song für ein paar Leute in meinem Umfeld.

Etter: ...und die Musik. Man probiert, probiert, irgendwann sagt einer: Lassen wir ihn weg. Und man merkt, dass man nicht der Einzige ist, der aufatmet.

Lauener: Ich habe auch aufgeatmet.

Warum taucht der Song jetzt auf?
Lauener: Ich habe ein neues Musikzimmer eingerichtet und wollte mal aufräumen und das alte Zeug digitalisieren. So ist die Idee zu «HomeRekords» entstanden. Stundenlang spulte ich dann durch die Kassettli in meinem Koffer.

Die Kassettli auf dem Artwork der CD wecken Erinnerungen – an die Musik, die man einst für die Freundin aufgenommen hat.
Etter: Ja, und dann hat der unglaublich wichtige Song, den man für den Schluss vorgesehen hatte, nicht mehr ganz draufgepasst. Lauener: Und dann hast du nochmals von vorne begonnen. Etter: Da gab es einen guten Trick: Man konnte den Plattenspieler etwas schneller laufen lassen. Lauener: Darauf wär ich nie gekommen. Etter: Natürlich fanden auch einige, das dürfe man den Songs nicht antun.

Bestimmt sind Sie auch auf vergessene Peinlichkeiten gestossen.
Lauener: Ja, schon. «L.I.M.S.» («Läck, isch mier schlächt») ist ein Demo von 1990, und ich habe keine Ahnung, wie und warum ich das geschrieben habe. Ich finde, dieser Song geht gar nicht, aber die Band fand ihn cool. Klar liegt viel komisches Zeug rum, aber wir wollten keine Kabarett-CD machen. «HomeRekords» sollte gut durchhörbar sein. Bei einigen Songs merkt es der Fan vielleicht gar nicht, dass nicht die Band spielt, sondern nur Tom, der alle Instrumente zu Hause aufgenommen hat.

Stimmt, es klingt zum Teil richtig gut.
Etter: Wenn man so zu Hause hockt und ein Demo aufnimmt, erwacht irgendwann der Eifer. Es gibt ja diese unausgesprochene Konkurrenz, sodass man denkt: je besser das Demo, umso grösser die Chance, dass Kuno es besingt.

Um die anderen auszustechen, spielen Sie das perfekte Demo ein?
Etter: Ich muss zugeben, ich habe schon Freunde gefragt, ob sie rasch vorbeikommen, um etwas einzuspielen, das ich selber nicht richtig konnte. Lustigerweise sind es oft nicht diese ausgefeilten Ideen, die es auf die Platte schaffen. Lauener: Das ist frustrierend. Ich höre, wie viel die Musiker gearbeitet haben, und dann kommt mir dazu nichts in den Sinn. Von Tom bekomme ich für eine CD acht, neun coole Demos, und es kann sein, dass ich nur zwei davon verwende. Als Texter wird man wohl oder übel zur Instanz, die entscheidet, was weiterbearbeitet wird.

Lauener: Ja, ich habe in gewissem Sinn diese Freiheit, weil es immer sehr viel Musik hat. Das heisst aber auch, dass ich sehr ernsthaft und respektvoll arbeiten muss. Manche Texte probiere ich zu drei, vier verschiedenen Tracks.

Hat sich an Ihrer Position mit der grossen Umbesetzung von 2000 etwas verändert?
Lauener: Die Neubesetzung hatte es nach den Erfolgen der 90er-Jahre sehr schwer. Aber weil das Projekt nicht Lauener heisst, sondern Züri West, gibt es Platz für Brüche. Sogar ich kann gehen, wenn ich nicht mehr mag.

Sie haben Züri West als alte Maschine besungen, die läuft und läuft. Lauener: Das unterschreibe ich immer noch.

Die Band ist ja ein kleines KMU, von dem mehrere Leute leben. Haben Sie auch das Gefühl, die Band am Laufen halten zu müssen?
Lauener: Ja, das ist so.

Also gibt es Sinnkrisen?
Lauener: Ja, wo denn nicht! Was will man sagen: Ich wüsste nicht, was ich sonst machen sollte. Ich bin jedes Mal froh, wenns weitergeht. Sobald es läuft, werde ich wieder zum jungen Hund.

Gab es Krisen, die das Weitermachen ernsthaft infrage stellten?
Lauener: Immer, wenn einer ging. Das stellt schon alles infrage. Aber nachher machst du einfach, was du machst.

Das unterschätzt man wohl von aussen: Wenn eine gewachsene Band umbesetzt und damit von einem freundschaftlichen zu einem rein künstlerischen Projekt wird.
Etter: Ihr ward ja nah befreundet, oder? Lauener: Es geht. Nicht so nah, ausser mit Küse Fehlmann. Man weiss von den Neuen ja, dass sie Supermusiker sind. Aber dann stehen sie da, und du sagst, der Song soll rockiger tönen, und sie beginnen wild rumzurocken. Da merkst du, dass nicht mehr klar ist, was «rockig» ist. Das Vokabular ist weg, wie die Band über Musik redet oder Misstrauen artikuliert.

Wie wirkte sich das auf «Radio zum Glück» aus, der ersten Platte in der neuen Besetzung?
Lauener: Wenn du nicht weisst, was es beim anderen leiden mag, geht halt Zeug durch, das bei einer eingespielten Band nicht durchginge. Und weil ich wollte, dass es weitergeht, musste ich mich um sehr vieles kümmern. Ich hatte kaum Zeit für die Texte, hab hier eine Story erfunden, da eine Idee geklaut. Ich merkte, dass die Songs noch nicht so weit waren, und bin fast verzweifelt, aber... Als die Kritiken kamen, war ich einsichtig genug, zu wissen, dass das nicht meine besten Texte waren. Bei gewissen Artikeln dachte ich aber auch: Hoffentlich liest es der andere. Etter: Der andere? Lauener: Ihr, die anderen in der Band.

Heute ist es besser?
Etter: Wir sind ein heterogener Haufen, und manchmal verstehen wir uns nicht gut. Aber dass wir uns nicht so nahe sind, erzeugt manchmal eine ganz eigene Dynamik – einen richtigen Boost in eine bestimmte Richtung. Weil wir uns nicht absprechen, wer was für Demos macht, gibt es auch nicht die grosse Idee, die den Kurs vorgibt. Lauener: Früher haben wir jede Platte ausgewogen mit langsameren, mittleren und schnelleren Songs bestückt. Das ist uns heute völlig egal. Wenn der Boost dazu führt, dass wir viele langsamere Songs haben, ist das okay. Selbst wenn wir später auf der Bühne darunter leiden. Jemand hat uns nach dem Konzert auf dem Gurten gesagt, «Haubi Songs» sei live wie ein Schaumbad, das den Berg hinabblubbere. Mag sein, aber die Platte ist immer der Chef.

So eingehend wie heute haben Sie sich länger nicht über persönliche Befindlichkeiten unterhalten.
Etter: Bilateral machen wir das schon. Lauener: Das ist ja das Problem. Irgendeiner ist immer grad am Rumfummeln auf seinem Instrument, wenn man was zu sagen hätte. Aber ich finde nicht, dass wir beste Freunde sein müssen. Etter: Die lose Konstellation hat musikalisch Vorteile. Ich kann auch mal sagen, dass ich eine Basspassage anders will. Lauener: Und mich fragen sie, ob ich nicht «und» statt «oder» singen müsste. Etter: Manchmal verstehe ich wirklich etwas nicht in einem Text von dir. Lauener: Das Wort? Etter: Nein, eher die Bedeutung. Du hast ja viele versteckte Botschaften... Lauener: Es geht so. Etter: Find ich schon. Manchmal getraue ich mich einfach nicht zu fragen, was du damit meinst, weil du ja so lange dran geschrieben hast und ich befürchte, dass es dich irritieren könnte. Lauener: (lacht) Tut es auch. Etter: Aber manchmal, ein paar Monate oder Jahre später, bei irgendeinem Soundcheck, frage ich doch.

Lauener: Und dann habe ich das Gefühl, etwas Gescheites sagen zu müssen.

Dabei wissen Sie selber nicht, was die Textstelle genau bedeutet?
Lauener: So ist es (lacht herzhaft).

War es eigentlich in den Anfängen in den 80ern auch schon so kompliziert, bei Züri West zu sein?
Lauener: Ach, das war was ganz anderes. Wir wollten immer weiter und hatten diese Träume. Wir hingen die ganze Zeit zusammen rum, kauften die gleichen Platten, all das schöne Bubenzeug halt. Das kann nicht mehr dasselbe sein.

Was sagen Sie zu den alten Songs?
Lauener: Ich habe oft Mühe, meist damit, wie sie gesungen sind. Bei den frühen CDs merkt man halt schon, dass die eine oder andere Idee vergeben wurde. Etter: Ich mag einige Songs sehr gerne aus der Zeit, als ich noch nicht dabei war. Bei den Songs, zu denen ich beigetragen habe, bin ich weniger locker. Dann höre ich sie im Radio, finde sie zu schnell oder zu langsam – und leide.

Ein endloses Leiden.
Lauener: Oh ja (lacht)! Am schlimmsten war es aber, als wir mit anderen Berner Musikern im Car nach Livorno fuhren, wo das Kreuzfahrtschiff wartete, auf dem wir spielen sollten. Der Car hatte einen CD-Wechsler, gefüllt mit Berner Musik, darunter auch unsere Best-of-CD «Retour». Da hats schlimme Aufnahmen, und ausserdem war die CD lauter gemastert als die anderen. Wenn einer unserer Songs lief, war er extrem laut, und im Car wurde es ganz still. Das Peinlichste, was ich je erlebt habe.

Ein Glück war aber, dass Sie mit «I schänke dir mis Härz» den Erfolg hatten – ein wirklich toller Song.
Lauener: Ja, das sage ich immer gern, wenn einer fragt, ob das Stück nicht eine Hypothek sei oder ob es mich störe, dass die Leute denken, es sei ein Liebeslied. Es ist eine coole Nummer, und es ist mir egal, ob die Leute sie richtig interpretieren.

Im Demo zu «Sensibel» treten Sie ans Himmelstor, und Petrus fragt, ob Sie nicht der Typ mit «Alperose» sind.
Lauener: Und ich haue ihm eine rein.

Aber es gibt auf «HomeRekords» auch eine Hommage an Polo Hofer: eine Soloversion von «Rote Wii».
Lauener: Rumpelstilz fanden wir schon in den 80ern huere geil, nur der Rest war Scheisse.

Eine akustische Gitarre, eine Stimme, ein alter Song: Hören wir da schon die Vorboten zum Alterswerk von Züri West? Eigentlich fehlt nur noch Rick Rubin.
Lauener: Ja, an seine «American Recordings» mit Johnny Cash hab ich kurz gedacht, als ich den Song jetzt wieder hörte. Wobei das natürlich vermessen ist, reines Wunschdenken.

Haben Sie schon Vorstellungen vom Alterswerk von Züri West?
Lauener: «HomeRekords» ist voller nie verwirklichter Vorstellungen.

Die Viertelsongs dieser CD folgen auf das Album «Haubi Songs». Was kommt als Nächstes?
Lauener: Spoken Word? Nein, im Ernst, wir wollen bald eine neue Platte machen. Ich habe drei Demos bekommen, zwei von Küse und eines von Tom. Etter: Küse hat schon zwei? Lauener: Und ich freue mich darauf, Texte zu schreiben. Darum gehen wir jetzt auch nicht auf Tournee.

Diese Songs haben das, was man im Fussball einen «nicht bewertbaren Kurzeinsatz» nennen würde.
Lauener: Ja. Sie haben trainiert wie die Verrückten, aber es hat dann doch nicht ganz gereicht. Ewige Talente.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2010, 22:41 Uhr

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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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