Kultur

Sophie Hunger triumphiert mit Aufrichtigkeit

Am ersten von zwei ausverkauften Zürcher Konzerten brillierte Sophie Hunger mit Intimität und Experimentierwillen. Und gab eine Lektion in jugendlicher Authentizität.

Sophie Hunger, hier in einer Aufnahme aus 2008, begeisterte im ausverkauften Kaufleuten.

Sophie Hunger, hier in einer Aufnahme aus 2008, begeisterte im ausverkauften Kaufleuten.

Und dann, als niemand mehr klatschte und das Saallicht schon wieder an war, kam sie doch noch einmal zurück auf die Bühne, mit einem Notebook in der Hand. «Ich habe einen Brief geschrieben», sagte Sophie Hunger und begann aus ihrem offenen Brief an Madonna zu lesen. «Ständig die Kleider zu wechseln, bedeutet nicht, sich zu verändern, es bedeutet einfach, ständig die Kleider zu wechseln», hiess es darin. Sophie Hunger war am Ende eines zweistündigen Konzerts angekommen, das verhalten begonnen hatte und mit einer Lektion in Aufrichtigkeit endete.

Aufregendes Phrasieren

Hunger ist keine tanzende Popmaschine, sie ist eine Künstlerin, und in erster Linie eine Sängerin. Das machte sie zu Beginn des Konzertes klar, als sie sich in «Walzer für niemand» und «Shape», beides Lieder des aktuellen Albums «Monday's Ghost», nicht an die Gesangslinien der Aufnahmen hielt und stattdessen ziemlich frei phrasierte. Statt auf Nummer sicher zu gehen und die anfängliche Anspannung mit Routine zu bekämpfen, entschied sich Hunger für das Eintauchen ins kalte, aber aufregende Wasser der Möglichkeiten. Verlor sie sich im ersten Drittel des Abends hie und da in Vokalausflügen, gelangen Hunger im Verlauf des Abends immer berührendere Momente. Nicht nur in musikalischer Hinsicht. Als sie nach sieben Liedern ihre vier Musiker vorstellte, tat sie das langsam und deutlich, damit auch alle ihre Namen verstünden.

Otis Redding statt Madonna

Danach war das Eis gebrochen. Es folgte «Ruler of My Heart», Irma Thomas Vorlage für Otis Reddings «Pain in My Heart» . – Irma Thomas statt Madonna: Hier stand eine Frau auf der Bühne, der die Arbeit an der musikalischen Tradition wichtiger scheint als das ironische Spiel mit der Popkultur. Musik mag zwar immer gespielt sein, aber bei Hunger wird das Spiel zum heiligen Ernst.

Und doch überwiegte bei Hunger der Eindruck der Freude am Spiel. Den Grossteil des Konzert sitzend, gab sie sich förmlich in ihre Lieder hinein, tänzelte mit den Beinen, krümmte sich oder legte den Kopf in den Nacken. Das Zürcher Publikum folgte Hunger denn auch gern aus der andächtigen Stille heraus in den grossartigen Zugabenblock. Hunger erschien zuerst alleine und erklärte, «Zürich ist meine Heimatstadt, ich habe mich extrem darauf gefreut, hier zu spielen, und es ist so schwierig, hier zu spielen», worauf tosender Beifall folgte. Die Sängerin war zu Hause angekommen und genoss jetzt ihr Heimspiel. Mit einem für eine 25-Jährige seltenen Gespür für Bühnenwirksamkeit bat sie ohne weitere Worte ihren Gast Stephan Eicher auf die Bühne.

Das Bestehen auf Authentizität

Zusammen mit der Band, die den ganzen Abend äusserst einfühlsam und auf die Sängerin fokussiert spielte, gaben die beiden eine rührend detailverliebte (der Schellenring!) und originalgetreue Version von Bob Dylans «Like A Rolling Stone», und Hühnerhaut stellte sich ein. Dylan selbst nudelt das Lied seit Jahren als Zugabe herunter, so jugendlich feurig wie von Hunger hat man das Lied lange nicht mehr gehört.

Mit Sophie Hunger geht eine junge Künstlerin ihren Weg, die mit einer ausserordentlichen Authentizität alles aufsaugt, was sie antrifft. Es ist das Privileg der Jugend, auf künstlerische und menschliche Aufrichtigkeit zu bestehen. Dass sie sich dieses Recht in einer nicht unzynischen Zeit nimmt, dafür waren ihr an diesem Montagabend viele von Herzen dankbar.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.02.2009, 09:17 Uhr

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6 Kommentare

Ezra Pierpaoli

21.02.2009, 11:07 Uhr
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Ich war gestern am Sophie Hunger Konzert in Basel. Der obige Artikel beschreibt auch das Konzert im ausverkauften Volkshaus Basel ausgezeichnet. Sophie Hunger ist unglaublich vielseitig, ebenso wie ihre Musiker. Für mich ist Sophie Hunger das Beste, das ich seit langem in der Schweizer Musikszene gehört habe. Antworten


Daniel Nufer

04.02.2009, 09:22 Uhr
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Danke Rienk! Wollte diesbezüglich auch grad in die Tasten greifen. Und zu Christian Schweiter's Kommentar: Sogenannte 'hypes' gibt's doch seit eh und je. Es gibt so viel Mittelmässiges und Dünnes. Wenige bewahren Eigenständigkeit und Grösse. - Norah Jones und Sophie Hunger, genau. Antworten


christian schweiter

03.02.2009, 23:08 Uhr
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Ich weiss nicht.. S.H ist ohne Zweifel eine begabte Künstlerin aber irgendwie wird man nie so den Gedanken los das alles nur kopiert wird was erfolg hat seien es Songs oder andere Künstler. Seit man Sophie Hunger z.B kennt, kommen plötzlich immer mehr Singer SongwriterInen nach. Zufall? Nein. Bei Nora Jones kam der erste Hype, mit Sophie Hunger kommt der nächste.. Antworten


Rienk Jiskoot

03.02.2009, 20:43 Uhr
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"Ruler of my heart" ist ein Song geschrieben von Naomi Neville, besser bekannt als Allen Toussaint, zuerst aufgenommen und gesungen von Irma Thomas in 1962. Otis Reddings "Pain in my heart" ist der abgeänderte Version dieser Song, und erst später aufgenommen worden als Soulqueen Irmas Original-Version. Ein Detail, gewiss, aber Ehre, wem Ehre gebührt. Antworten


Peter Zurbrügg

03.02.2009, 19:52 Uhr
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Danke für diese informative Kritik! Diese Künstlerin ist das weitaus Beste seit langem in der Schweiz! Welch ein Himmelweiter Unterschied zu den Unsäglichen Musicstars à la Baschi und Louves! Absolut genial! Antworten


Hans-Joachim HaJo

03.02.2009, 14:04 Uhr
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Danke für diese informative und Neugierig machende Kritik! Antworten



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