Sophie Hunger triumphiert mit Aufrichtigkeit
Von Mauro Guarise. Aktualisiert am 04.02.2009 6 Kommentare
Und dann, als niemand mehr klatschte und das Saallicht schon wieder an war, kam sie doch noch einmal zurück auf die Bühne, mit einem Notebook in der Hand. «Ich habe einen Brief geschrieben», sagte Sophie Hunger und begann aus ihrem offenen Brief an Madonna zu lesen. «Ständig die Kleider zu wechseln, bedeutet nicht, sich zu verändern, es bedeutet einfach, ständig die Kleider zu wechseln», hiess es darin. Sophie Hunger war am Ende eines zweistündigen Konzerts angekommen, das verhalten begonnen hatte und mit einer Lektion in Aufrichtigkeit endete.
Aufregendes Phrasieren
Hunger ist keine tanzende Popmaschine, sie ist eine Künstlerin, und in erster Linie eine Sängerin. Das machte sie zu Beginn des Konzertes klar, als sie sich in «Walzer für niemand» und «Shape», beides Lieder des aktuellen Albums «Monday's Ghost», nicht an die Gesangslinien der Aufnahmen hielt und stattdessen ziemlich frei phrasierte. Statt auf Nummer sicher zu gehen und die anfängliche Anspannung mit Routine zu bekämpfen, entschied sich Hunger für das Eintauchen ins kalte, aber aufregende Wasser der Möglichkeiten. Verlor sie sich im ersten Drittel des Abends hie und da in Vokalausflügen, gelangen Hunger im Verlauf des Abends immer berührendere Momente. Nicht nur in musikalischer Hinsicht. Als sie nach sieben Liedern ihre vier Musiker vorstellte, tat sie das langsam und deutlich, damit auch alle ihre Namen verstünden.
Otis Redding statt Madonna
Danach war das Eis gebrochen. Es folgte «Ruler of My Heart», Irma Thomas Vorlage für Otis Reddings «Pain in My Heart» . – Irma Thomas statt Madonna: Hier stand eine Frau auf der Bühne, der die Arbeit an der musikalischen Tradition wichtiger scheint als das ironische Spiel mit der Popkultur. Musik mag zwar immer gespielt sein, aber bei Hunger wird das Spiel zum heiligen Ernst.
Und doch überwiegte bei Hunger der Eindruck der Freude am Spiel. Den Grossteil des Konzert sitzend, gab sie sich förmlich in ihre Lieder hinein, tänzelte mit den Beinen, krümmte sich oder legte den Kopf in den Nacken. Das Zürcher Publikum folgte Hunger denn auch gern aus der andächtigen Stille heraus in den grossartigen Zugabenblock. Hunger erschien zuerst alleine und erklärte, «Zürich ist meine Heimatstadt, ich habe mich extrem darauf gefreut, hier zu spielen, und es ist so schwierig, hier zu spielen», worauf tosender Beifall folgte. Die Sängerin war zu Hause angekommen und genoss jetzt ihr Heimspiel. Mit einem für eine 25-Jährige seltenen Gespür für Bühnenwirksamkeit bat sie ohne weitere Worte ihren Gast Stephan Eicher auf die Bühne.
Das Bestehen auf Authentizität
Zusammen mit der Band, die den ganzen Abend äusserst einfühlsam und auf die Sängerin fokussiert spielte, gaben die beiden eine rührend detailverliebte (der Schellenring!) und originalgetreue Version von Bob Dylans «Like A Rolling Stone», und Hühnerhaut stellte sich ein. Dylan selbst nudelt das Lied seit Jahren als Zugabe herunter, so jugendlich feurig wie von Hunger hat man das Lied lange nicht mehr gehört.
Mit Sophie Hunger geht eine junge Künstlerin ihren Weg, die mit einer ausserordentlichen Authentizität alles aufsaugt, was sie antrifft. Es ist das Privileg der Jugend, auf künstlerische und menschliche Aufrichtigkeit zu bestehen. Dass sie sich dieses Recht in einer nicht unzynischen Zeit nimmt, dafür waren ihr an diesem Montagabend viele von Herzen dankbar.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.02.2009, 09:17 Uhr
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