Sophie Hunger triumphiert mit Aufrichtigkeit

Von Mauro Guarise. Aktualisiert am 04.02.2009 6 Kommentare

Am ersten von zwei ausverkauften Zürcher Konzerten brillierte Sophie Hunger mit Intimität und Experimentierwillen. Und gab eine Lektion in jugendlicher Authentizität.

Sophie Hunger, hier in einer Aufnahme aus 2008, begeisterte im ausverkauften Kaufleuten.

Sophie Hunger, hier in einer Aufnahme aus 2008, begeisterte im ausverkauften Kaufleuten.

Und dann, als niemand mehr klatschte und das Saallicht schon wieder an war, kam sie doch noch einmal zurück auf die Bühne, mit einem Notebook in der Hand. «Ich habe einen Brief geschrieben», sagte Sophie Hunger und begann aus ihrem offenen Brief an Madonna zu lesen. «Ständig die Kleider zu wechseln, bedeutet nicht, sich zu verändern, es bedeutet einfach, ständig die Kleider zu wechseln», hiess es darin. Sophie Hunger war am Ende eines zweistündigen Konzerts angekommen, das verhalten begonnen hatte und mit einer Lektion in Aufrichtigkeit endete.

Aufregendes Phrasieren

Hunger ist keine tanzende Popmaschine, sie ist eine Künstlerin, und in erster Linie eine Sängerin. Das machte sie zu Beginn des Konzertes klar, als sie sich in «Walzer für niemand» und «Shape», beides Lieder des aktuellen Albums «Monday's Ghost», nicht an die Gesangslinien der Aufnahmen hielt und stattdessen ziemlich frei phrasierte. Statt auf Nummer sicher zu gehen und die anfängliche Anspannung mit Routine zu bekämpfen, entschied sich Hunger für das Eintauchen ins kalte, aber aufregende Wasser der Möglichkeiten. Verlor sie sich im ersten Drittel des Abends hie und da in Vokalausflügen, gelangen Hunger im Verlauf des Abends immer berührendere Momente. Nicht nur in musikalischer Hinsicht. Als sie nach sieben Liedern ihre vier Musiker vorstellte, tat sie das langsam und deutlich, damit auch alle ihre Namen verstünden.

Otis Redding statt Madonna

Danach war das Eis gebrochen. Es folgte «Ruler of My Heart», Irma Thomas Vorlage für Otis Reddings «Pain in My Heart» . – Irma Thomas statt Madonna: Hier stand eine Frau auf der Bühne, der die Arbeit an der musikalischen Tradition wichtiger scheint als das ironische Spiel mit der Popkultur. Musik mag zwar immer gespielt sein, aber bei Hunger wird das Spiel zum heiligen Ernst.

Und doch überwiegte bei Hunger der Eindruck der Freude am Spiel. Den Grossteil des Konzert sitzend, gab sie sich förmlich in ihre Lieder hinein, tänzelte mit den Beinen, krümmte sich oder legte den Kopf in den Nacken. Das Zürcher Publikum folgte Hunger denn auch gern aus der andächtigen Stille heraus in den grossartigen Zugabenblock. Hunger erschien zuerst alleine und erklärte, «Zürich ist meine Heimatstadt, ich habe mich extrem darauf gefreut, hier zu spielen, und es ist so schwierig, hier zu spielen», worauf tosender Beifall folgte. Die Sängerin war zu Hause angekommen und genoss jetzt ihr Heimspiel. Mit einem für eine 25-Jährige seltenen Gespür für Bühnenwirksamkeit bat sie ohne weitere Worte ihren Gast Stephan Eicher auf die Bühne.

Das Bestehen auf Authentizität

Zusammen mit der Band, die den ganzen Abend äusserst einfühlsam und auf die Sängerin fokussiert spielte, gaben die beiden eine rührend detailverliebte (der Schellenring!) und originalgetreue Version von Bob Dylans «Like A Rolling Stone», und Hühnerhaut stellte sich ein. Dylan selbst nudelt das Lied seit Jahren als Zugabe herunter, so jugendlich feurig wie von Hunger hat man das Lied lange nicht mehr gehört.

Mit Sophie Hunger geht eine junge Künstlerin ihren Weg, die mit einer ausserordentlichen Authentizität alles aufsaugt, was sie antrifft. Es ist das Privileg der Jugend, auf künstlerische und menschliche Aufrichtigkeit zu bestehen. Dass sie sich dieses Recht in einer nicht unzynischen Zeit nimmt, dafür waren ihr an diesem Montagabend viele von Herzen dankbar.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.02.2009, 09:17 Uhr

6

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

6 Kommentare

Hans-Joachim HaJo

03.02.2009, 14:04 Uhr
Melden

Danke für diese informative und Neugierig machende Kritik! Antworten


Peter Zurbrügg

03.02.2009, 19:52 Uhr
Melden

Danke für diese informative Kritik! Diese Künstlerin ist das weitaus Beste seit langem in der Schweiz! Welch ein Himmelweiter Unterschied zu den Unsäglichen Musicstars à la Baschi und Louves! Absolut genial! Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Kultur

Bestenlisten

Kino
Kinoeintritte Schweiz

17.Mai 2012- 23. Mai 2012

1.14The Dictator52'345
2.1Dark Shadows18'047
3.3The Avengers13'622
4.2American Pie: Reunion13'491
5.28Salmon Fishing In The Yemen6'807
Mehr
Musik
Schweizer Hitparade

19.Dezember 2011 - 25.Dezember 2011

1.221, Adele
2.1Lioness; Hidden Treasures, Amy Winehouse
3.6Christmas, Michael Bublé
4.3Imaginaerum, Nightwish
5.5Made In Germany 1995-2011, Rammstein
Mehr
Bücher
Bestseller

14.Mai 2012 - 20.Mai 2012

1.1Mein Weg zu dir, Nicholas Sparks
2.2Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, Jonas Jonasson
3.3Delikatessen, Martin Walker
4.4Spaziergänge, Franz Hohler
5.5Die Tränen der Maori-Göttin, Sarah Lark
Mehr

Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?

Ja, auf jeden Fall

 
15.1%

Nein, interessiert mich nicht

 
40.2%

Erst wenn die Geräte billiger geworden sind

 
35.1%

Ich habe schon einen

 
9.7%

3308 Stimmen