Kultur

Twiggy zwitschert

Von Hanspeter Künzler. Aktualisiert am 08.02.2012

Burschikos und graziös zugleich: Twiggy war das Gesicht der Sechziger. Heute singt die 62-Jährige, «Romantically Yours» heisst ihr Album.

1/10 «Ich konnte essen wie ein Pferd»: Twiggy, klein und dürr, gilt als erstes Topmodel der Branche.
Bild: Reuters

   

Twiggy und «Romantically Yours»

Die 62-jährige Engländerin Lesley Hornby alias Twiggy Lawson (engl. twig: dünner Zweig) wurde in den Sechzigerjahren als ultradünnes Model und neues Schönheitsideal berühmt. Zudem gilt sie als das erste eigentliche Topmodel. Als Sängerin und Schauspielerin machte sie erstmals Anfang der Siebzigerjahre von sich reden. Twiggy verfügt keineswegs über eine Nebelhornstimme, ganz im Gegenteil. Aber ihre bisweilen fast zögerlichen Darbietungen und das kindfrauliche Timbre auf dem neuen Coveralbum «Romantically Yours» verleihen dem Werk sympathischen Charme und Frische. Ein Album für traute Abende mit Wein und Cheminée.

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Reinhören: Ein Medley des aktuellen Albums «Romantically Yours».

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Twiggy, seit Ihrem letzten Album sind sage und schreibe 35 Jahre vergangen. Warum gerade jetzt ein neues?
Weil man mich gefragt hat! Es kam unerwartet und hat mich riesig gefreut. Jemand von der Plattenfirma kannte einen Freund von mir und liess anfragen. Wenn man keine eigenen Songs schreibt, ist man darauf angewiesen, dass andere Leute Einfälle haben und an einen denken.

Das neue Album «Romantically Yours» ist eine Sammlung Ihrer Lieblingssongs. War die Auswahl schwierig?
Und wie! Am Anfang wollten wir uns auf Lieder aus den 20er-, 30er- und 40er-Jahren beschränken. Aber dann fiel uns der Titel «Romantically Yours» ein, und ich wollte unbedingt den Richard-Marx-Song «Right Here Waiting» aufnehmen, der ist ja sooo romantisch! Und so habe ich dann noch einige neuere Lieder ausgesucht.

Sie können eine vielseitige Karriere vorweisen: Model, Schauspielerin, TV-Moderatorin, Mode-Designerin, Sängerin. Was hat Ihnen am besten gefallen?
Ich habe so viel Glück gehabt – man hat mir viele tolle Dinge angeboten, die mir riesig Spass gemacht haben. Aber am aufregendsten war mein erster Film, «The Boy Friend». Ich hatte keinerlei Ambitionen, Schauspielerin zu werden, aber dann lernte ich Regisseur Ken Russell kennen. Er war ein ausserordentlich verrückter Mensch – grossartig! Eines Abends schwärmte ich vom Musical «The Boy Friend», das ich gerade gesehen hatte. Plötzlich sagte er: «Das verfilmen wir, mit dir in der Hauptrolle!» Ich dachte, er hätte zu viel Wein gehabt. Aber er kämpfte ein Jahr lang für die Finanzen und hatte schliesslich Erfolg. Das hat mein Leben auf den Kopf gestellt.

Sie gaben Ihre Karriere als Model mit 20 auf. Inzwischen haben Sie mit dem Metier Frieden geschlossen – Sie präsentierten «America’s Next Top Model» und arbeiten als Model für Marks&Spencer. Was ist passiert?
Models hatten damals nicht gerade einen guten Ruf. Man glaubte nicht, dass sie etwas anderes könnten als Kleiderpferdchen spielen. Ich wollte vermeiden, in der Rolle stecken zu bleiben. «The Boy Friend» änderte alles. Ich bekam Filmangebote, einen Plattenvertrag, es taten sich ungeahnte Möglichkeiten auf. Ich wäre eine Närrin gewesen, hätte ich diese nicht ergriffen. Interessante Angebote haben mich auch wieder zurück zum Modelling gebracht.

Sie hätten schrecklich abstürzen können.
Oh, ja. Aber ich schätze mich glücklich – ich stehe mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Das war wohl der Einfluss meines Vaters. Meine Mutter hatte Probleme mit den Nerven, er aber war durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Ich und meine Schwestern haben das geerbt.

Wie hat sich die Modelwelt seit den Sechzigern verändert?
Ich vermute, dass der Wettbewerbsdruck viel grösser geworden ist. Ich würde mir wünschen, dass das Metier besser beaufsichtigt würde, denn es gibt sicher Models, die zu dünn sind, die dem Druck der Modehefte und Designer nachgeben. Ich war ja auch sehr, sehr dünn, aber ich war erst sechzehn Jahre alt, und mein Vater war auch sehr schlank. Das lag in der Familie. Und ich konnte essen wie ein Pferd.

Ich habe den Eindruck, dass es heute unter den Models mehr Gesichter gibt als vor zwanzig Jahren, die nicht genau in die Kategorien von Modelschönheit passen. Stimmt das? Ich glaube, es trifft zu. Interessant übrigens: Kate Moss und ich werden ja gemeinhin als das Gesicht unserer Zeit dargestellt. Dabei entsprechen wir beide überhaupt nicht den Normen. Wir waren beide zu klein und zu schlank, auch unsere Gesichter sind nicht auf konventionelle Weise schön. Aber irgendwie hatten wir einen ungewöhnlichen Look, der einschlug. So was lässt sich nicht planen. Niemand konnte voraussehen, was passieren würde, als dieser Coiffeur an mir seine neue Frisur ausprobierte und das Bild dann ins Schaufenster hängte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.02.2012, 15:51 Uhr

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