Und plötzlich klingts wie «Wonderwall»

In zwei Wochen veröffentlicht Noel Gallagher sein zweites Soloalbum. Wir haben es schon gehört und stellen «Chasing Yesterday» – Stück für Stück – vor.

Wait! Noel Gallagher hat den Passepartout für den Britpop.

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Langeweile ist super. Das muss man denken, liest man aktuelle Interviews mit Noel Gallagher, dem ehemaligen Songschreiber und Chef von Oasis. In der deutschen Musikzeitschrift «Spex» jedenfalls sagte der 47-jährige Musiker, er habe die tollste Frau, die tollsten Kinder, und diese tollsten Kinder hätten überdies den tollsten Vater. Und ausserdem habe er gerade ein paar der tollsten Songs seiner Karriere geschrieben und aufgenommen. Im Wesentlichen aber, sagte Gallagher, bestehe sein Leben aus Langeweile.

Nun, vielleicht heisst sein neues Album, das in zwei Wochen erscheint, darum «Chasing Yesterday». Herrje, die guten alten Zeiten, mit Bruder Liam am Mikrofon und mit Oasis in Knebworth und Glastonbury, wie lange ist das alles her. Eine gewisse melancholische Reife, ein certain Ennui ist den neuen Songs folglich nicht abzusprechen. Und doch muss man zugeben, dass Noel Gallagher auch für sein zweites Album mit den High Flying Birds wieder eine Handvoll mehr als passabler Britpopsongs eingefallen sind. Doch nun von vorne, schön der Reihe nach und von Stück zu Stück.

1. Riverman: Eine «Wonderwall»-Gedenkgitarre führt hinein in dieses Album, und tatsächlich hätte auch dieser Song vor, sagen wir: zwanzig Jahren einen schönen Hit abgegeben. Das gniedelnde Gitarrensolo hätte sich Gallagher damals aber noch verkniffen, und ebenso das – bitte jetzt kurz den Atem anhalten: Saxofon. Erstes Fazit: Worauf man so alles kommt, wenn einem langweilig ist ob all der tollen Songs, die einem den lieben langen Tag aus dem Ärmel fallen.

2. In the Heat of the Moment: Einer dieser kindischen Songs, die Liam in seinen besten Tagen so singen konnte, dass man dachte, die Weltrevolution sei ausgebrochen, aber das sei ihm sehr egal. Bei Noel merkt man sehr viel schneller, was da nicht los ist.

3. The Girl With X-Ray Eyes: Und schon folgt wieder eine ausnehmend hübsche Grossballade. Auf wolkig-weichen Synthesizern rollt sie an und zerfliesst in psychedelisch schimmernden Gitarrenlinien. Raum und Zeit werden geschluckt, wie es im Text heisst, wir schreiben wieder den harten Kokainwinter von 1996, und Oasis sind die «grösste Band der Welt» (N. Gallagher).

4. Lock All the Doors: Ein ordnungsgemäss davonpreschender Rocksong. Der aber schnell einmal klingt, als sei Noel Gallagher schon während des Schreibens recht langweilig geworden.

5. The Dying of the Light: Das sterbende Licht verfolgt die Sonne, und überhaupt ist der ganze Song wie ein leuchtendes Naturschauspiel für die Fototapeten hinter der Gitarrensammlung von Mittvierzigern. Der Song ist gut geschrieben, der Refrain sehr hübsch, aber die Musik ist so sehr in die Mitte abtemperiert, dass einem nicht viel anderes übrig bleibt, als damit die Kinder in den Schlaf zu summen.

6. The Right Stuff: Das Saxofon ist zurück in diesem Song, der lange auf dem gleichen Akkord stehen bleibt, dann jazzige Bläser aufzieht, den Bass durch die Lounge schlängeln und die Gitarre rumheulen lässt. Seltsam cool.

7. While the Song Remains the Same: Eine weitere Grosstat dieses Albums, und wie gelassen sie in Szene gesetzt ist. Gallagher hat gesagt, hier gehe es um eine Wiederbegegnung mit Manchester, seiner Heimatstadt, in der nichts mehr so ist, wie es war. Und tatsächlich ist sich der Song seiner Nostalgie bewusst, in seinem Klang wie im Duktus des Gesangs, und gerade das macht ihn so glaubwürdig in seiner fast schon heiteren Sentimentalität.

8. The Mexican: Ein alter, lange liegen gebliebener Song, dessen einziger Sinn darin besteht, das Album aufzufüllen. Und genau so behandeln ihn Noel Gallagher und seine Band auch.

9. You Know We Can't Go Back: Einerseits auch eher ein Füller, andererseits dann aber doch ein klassischer Gallagher. Und vergessen wir nicht das Pub, irgendein Song muss ja das Bier verschütten.

10. Ballad of the Mighty I: Aber kommen wir nun zu etwas ganz anderem. Zu, voilà, einem der besten Songs, die Noel Gallagher in den 25 Jahren seiner Karriere geschrieben hat. Ein federnder, fast schon in die Disco passender Groove führt durch diese meisterhafte Anwendung des ältesten Tricks im Popsongwriting überhaupt, nämlich des plötzlichen Akkordsprungs. Gefeiert wird das mit halb ohnmächtigen Chören und den ausgelassenen Jubelgesten der Streicher.

Fazit: Alles toll, mehr oder weniger. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.02.2015, 11:57 Uhr

Noel Gallagher's High Flying Birds: Chasing Yesterday (Sour Mash / TBA); erscheint am
27. Februar.

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