Wie Diva Iva Bittovà den Schweizer Pierre Favre umgarnt
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Abschluss des Unerhört-Festivals am Montag, 21 Uhr, im Zürcher Musikklub Mehrspur: Russ Johnson & Workshop Band der Zürcher Hochschule der Künste.
Muss Kunst denn immer nur im stillen Kämmerlein wachsen? Manche Kunst realisiert sich nämlich erst in der menschlichen Begegnung. Und genau dieser Gedanke gehört auch zur Philosophie des Unerhört-Jazzfestivals: Musikerinnen und Musiker des Zürcher Jazz bekommen an diesem Festival eine Bühne für Auftritte mit ausländischen Kollegen.
Ein Begegnung in mehrfacher Hinsicht
Leicht haben sie es sich nicht gemacht, so denkt man am Freitagabend: Zoom, das Trio des Zürcher Schlagzeugers Lucas Niggli, trifft im Klubraum der Roten Fabrik aufs Trio der deutschen Saxofonistin Ingrid Laubrock. Eine Begegnung ist das in mehrfacher Hinsicht: Zum einen fordern sich die Spieler wechselseitig heraus mit komplexen, tüfteligen Kompositionen. Aufregend ist dieses Ensemble aber vor allem darum, weil es sich passagenweise reduziert zum Quartett, Trio, Duo – und so immer wieder andere Instrumente zusammenfinden, aufeinanderprallen.
Reizvoll etwa, wenn abgedämpfte Töne der Posaune von Nils Wogram sich verbinden mit poetisch-verschrobenen Klängen des britischen Pianisten Liam Noble; reizvoll auch, wenn Lucas Niggli und Tom Rainey, die beiden Schlagzeuger, simultan ihre Rhythmen klöppeln, aber nicht Perkussions-Matsch das Ergebnis ist, sondern ein flockiges Geschehen; und reizvoll ebenso, wenn sich im Duo introvertierte Skurrilklänge des E-Gitarristen Philipp Schaufelberger mit schillernden Akkordgebilden von Pianist Noble verschlaufen. Das sind fesselnde Momente. Dennoch: Der Auftritt der beiden Trios gerät insgesamt etwas angestrengt. Das forcierte Kunstwollen, die teilweise überkomplexen Stücke führen manchmal doch zu einem etwas mechanischen und wenig befreiten Musizieren.
Inspirierender Dialog
Dass eine Begegnung vor allem betört, wenn sie sich im seelenvollen, freien Gespräch vollzieht, offenbart sich an diesem Festival nirgends so stark wie beim Zusammentreffen des grossen alten Mannes der Perkussion in der Schweiz, Pierre Favre, mit der in New York wohnenden tschechischen Sängerin und Geigerin Iva Bittovà – ebenfalls am Freitag. Allein kommt die Bittovà zuallererst auf die Bühne. Sie gibt bei ihrem koketten Auftritt auch den Vamp, trägt ein auffallendes blaues Kleid, rotes Schuhwerk. Sie singt zunächst einen schlichten, lang gezogenen, durchdringenden Ton in den Saal hinab – man ist sogleich elektrisiert von dieser charismatischen Persönlichkeit; Pierre Favre kommt hinzu, die beiden heben an zu einem inspirierten Dialog.
Musikalisch passiert im Grund verblüffend wenig. Einmal nimmt Bittovà eine Spieldose, lässt auf ihr ohne Eile ein repetitives Muster ablaufen. Auf der Violine spielt Bittovà nicht viel mehr als einige scheinbar von Arvo-Pärt inspirierte Muster. Und auch gesanglich ist das fast nur der pure Ausdruck – Bittovà quengelt mit der Stimme auch mal wie ein Kleinkind. Dann erteilt sie einen Befehl, dann trauert sie, dann zürnt sie.
Immer geht es scheinbar um etwas Menschliches. Musik ist hier nichts Angelerntes, sie ist wie ein Lied, das die Bittovà in sich trägt. Bittovà lehrt einen, dass es nicht viel braucht für eine grosse Musik. Dass das Entscheidende vor aller Technik passiert.
Klischeevermeidung
Bittovà, bei der die Musik immer auch eine Geste ist, kommuniziert ständig mit Favre. Die 51-Jährige macht an diesem Abend die ganze Bühne zu ihrem Raum, steht vor Favre, neben, hinter ihm, umgarnt, umtänzelt ihn. Und so hat man bei den Dialogen von Bittovà und Favre nie den Eindruck eines nur fachlichen Austausches. Hier reden zwei Persönlichkeiten miteinander. Ein unvergesslicher, wenn mit einer knappen Dreiviertelstunde auch etwas kurzer Auftritt.
Eine Begegnung nochmals von ganz anderer Art ist am Samstag zu hören – mit dem Zürcher Kontrabassisten Christian Weber, dem New Yorker Trompeter Nate Wooley und dem englischen Altmeister am Schlagzeug, Paul Lytton. Auch hier lässt sich in der überschaubaren Trio-Konstellation das Gespräch dreier Individuen verfolgen. Keine Kontroverse gegensätzlicher Geister, sondern ein Roundtable von Gleichgesinnten: Diesen Musikern geht es in der Behandlung ihrer Instrumente zuallererst um Klischeevermeidung – die wunderlichsten, bizarrsten, entlegensten Geräuschklänge kommen hier so zusammen in einer grösstenteils sehr leise gehaltenen Musik. Eine Gesamttextur, wo sich alles die Waage hält. Eine Begegnung auf Augenhöhe. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.11.2009, 06:51 Uhr
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