Wie die Hippies schwarze Musik links liegen liessen

Mit dem ersten Open Air der Popgeschichte begann heute vor 50 Jahren der psychedelische «Summer of Love».

Die Verschmelzung von weisser und schwarzer Musik war ein kurzer Flirt: Chuck Berry und Mick Jagger 1969. Foto: Getty Images

Die Verschmelzung von weisser und schwarzer Musik war ein kurzer Flirt: Chuck Berry und Mick Jagger 1969. Foto: Getty Images

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Die Ankunft auf dem magischen Berg erfolgte am Samstag, 10. Juni 1967, also heute vor fünfzig Jahren. An der Südflanke des Mount Tamalpais, nicht weit von San Francisco, begann an diesem Tag das Fantasy Fair and Magic Mountain Music Festival. 36'000 Marktfahrer und Musikfans kamen an dieses erste Open Air der Popgeschichte, an dem so bekannte Bands spielten wie die Doors, die Byrds und Jefferson Airplane.

Die Doors am Fantasy Fair and Magic Mountain Music Festival (1967). Quelle: Youtube/ Morrison Moon

Es war der Auftakt zum «Summer of Love», in dem aus den Hippies eine Massenbewegung wurde und aus der Rockmusik die Leitkultur der jungen Leute.

Und es war der Sommer, in dem diese Musik lange Schlieren zog und das wurde, was man «experimentell» oder «psychedelisch» nannte, was andere Wörter waren für «auf LSD». Erst ein paar Tage zuvor hatten die Beatles in England die magisch verspulten Songs von «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» herausgegeben, jetzt wurden in Kalifornien die ersten Freiluftmessen abgehalten. Eine Woche nach dem Treffen am Mount Tamalpais strömten gegen 90'000 Menschen nach Monterey. «Sei glücklich, sei frei», so hatten die Organisatoren des «Pop Festival» sie hergerufen: «Trage Blumen, bring Glöckchen.»

Zurück in die Natur

Nur wenige Anlässe waren in der Geschichte der Popmusik so bedeutend wie das Monterey Pop Festival, an dem nacheinander Janis Joplin, Otis Redding und Jimi Hendrix der Durchbruch auf dem Massenmarkt gelang. Die Auftritte dieser Musiker wurden ikonisch. Sie täuschen aber darüber hinweg, wie weiss die Popszene war, die an diesem Festival ihre Macht demonstrierte. Neben Redding und Hendrix spielte in Monterey noch der Soulsänger Lou Rawls, in der Butterfield Blues Band spielten schwarze und weisse Musiker zusammen. Ravi Shankar war aus Indien gekommen, Hugh Masekela aus Südafrika.

24 der 30 Acts in Monterey aber waren weiss. Schon am Mount Tamalpais vertraten neben 31 weissen Gruppen bloss Rodger Collins, Dionne Warwick und The 5th Dimension das schwarze Amerika. Es ist sehr deutlich und ein bisschen peinlich: Auf ihrem Höhepunkt begann die Rockkultur, ihre Herkunft abzustreifen. 15 Jahre vorher war sie aus der Vermischung von schwarzer und weisser Musik entstanden, doch schon 1969 am Festival von Woodstock gab es keinen Soul mehr zu hören und auch keinen Afrojazz. Richie Havens spielte Folk, Sly Stone und Jimi Hendrix zeigten ihre Psychedelia.

Crosby, Stills, Nash & Young (1970). Quelle: Youtube/ anippygirl

Auch in der Naturpastorale und in den schamanischen Tänzen, die der Woodstock-Film dann in die kollektive Erinnerung an die späten Sechziger einbrannte, spiegelt sich der Befund von Frank Schäfer: «Für den Mainstream-Hippie hat der ‹Neger› als Leitbild und Identifikationsparadigma an Bedeutung verloren», schrieb der deutsche Musikjournalist in seinem Buch über das ­berühmteste aller Rockfestivals: «Er wird durch den ‹Indianer› ersetzt.»

Dass der Sommer der Liebe weiss war, heisst nicht, dass die Hippies alle Rassisten waren, die keine schwarze Musik mehr hören mochten. Für die Musiker selber blieb der Austausch so selbstverständlich, wie er seit den späten 50ern gewesen war: Paul McCartney schrieb «Let It Be» für Aretha Franklin, die er bewunderte; Stevie Wonder inspirierte sich beim «Sgt. Pepper»-Album zu seinen eigenen Songs, die er für Motown aufnahm, eines der grossen Soullabels der Zeit. Doch hatte sich in der Wahrnehmung und Präsentation von «schwarzer» und «weisser» Musik vieles verändert.

Die segregierte Hitparade

Glaubt man dem amerikanischen Musikkritiker Elijah Wald, begann die neue Segregation in der Popmusik mit der British Invasion, also mit den ersten Auftritten der Beatles, Rolling Stones oder Who in den USA: «Die schwarzen Kids hörten immer noch James Brown und Motown, aber die weissen hörten jetzt die britischen Bands», so der Autor von «How the Beatles Destroyed Rock ’n’ Roll». Die englischen Rockbands hätten die kurze, intensive Phase beendet, die Ende 1963 dazu führte, dass man die Trennung der Hitparaden aufhob für (weissen) Pop und (schwarzen) Rhythm ’n’ Blues – weil das «jetzt das Gleiche war».

Die Rolling Stones an der TAMI Show (1964). Quelle: Youtube/ Želimir Lah

Tatsächlich gab es in der US-Hitparade 1963 etwa gleich viel schwarze wie weisse Musik. Die Durchmischung der Sounds, aber auch des Publikums zeigt sich auch in der «T.A.M.I. Show» von 1964, einem fürs Fernsehen aufgezeichneten Festival, an dem Chuck Berry, Marvin Gaye, die Supremes und James Brown, aber auch Gerry and the Pacemakers, die Beach Boys und die Rolling Stones auftraten. Pop schien damals drauf und dran, sein Versprechen einzulösen: Schwarze und weisse, amerikanische und englische Musiker hoben gemeinsam die Grenzen auf von Pop, Soul, Rhythm ’n’ Blues und Rock ’n’ Roll.

Acht Monate nach dem ersten US-Auftritt der Beatles wurden die getrennten Hitparaden wieder eingeführt. Elijah Wald hält die Entwicklung dieser Band für exemplarisch, wenn es darum geht, die Entstehung einer weissen Rockszene zu erklären: «Die Beatles hatten als Klubband angefangen, die alle aktuellen Hits spielte, um das Publikum zu unterhalten. Als sie 1966 aufhörten, live zu spielen, deuteten sie damit in eine Zukunft, in der die Musiker als Künstler im Studio sassen und aufnahmen, was ihnen gefiel. Es brauchte keinen integrierenden Stil mehr. Texte und Klangexperimente wurden wichtiger als der Tanzbeat.»

Ganz neue Massstäbe

Ausgerechnet in den psychedelischen Jahren, als Pop von einer Party- und Tanzmusik zu einer Kunstform wurde, öffnete sich im US-amerikanischen Pop also ein neuer rassischer Graben. Ihm widmet Jack Hamilton, Amerika- und Medienwissenschaftler an der Universität von Virginia, sein Buch «Just Around Midnight: Rock and Roll and the Racial Imagination». Für ihn begann die neue Segregation in der Popmusik ebenfalls Mitte der 60er: Dann nämlich, als die gerade entstehende, von weissen Männern dominierte Musikkritik damit begann, an weisse und schwarze Musik unterschiedliche, letztlich rassistische Massstäbe anzulegen.

James Brown an der TAMI Show (1964). Quelle: Youtube/ Versales Oliveira

Blues, Rhythm ’n’ Blues und Soul seien in jenen Jahren zur «Quelle» erklärt worden, zu den «Wurzeln» der Rockmusik – in ehrfürchtiger Absicht, letztlich aber mit abwertender Wirkung. Denn schwarzen Künstlern sei damit die Aufgabe zugeschrieben worden, diese «Quelle» kollektiv zu bewahren und ­authentisch darzubieten. Die individuelle und intellektuelle Weiterentwicklung des «Quellenmaterials» habe man dagegen weissen Rockmusikern zugestanden: «Als die Beatles sich auf ‹Sgt. Pepper› in die orchestrale Klassik bewegten und mit indischer Musik flirteten, kritisierte das niemand als ‹nicht ­authentisch›. Den Stars von Motown wurde gleichzeitig immer wieder attestiert, keine schwarze Musik zu machen.» Die These ist gewiss streitbar. Jimi Hendrix wurde gerade von schwarzen Autoren und Bürgerrechtlern dafür kritisiert, sich mit seinem psychedelischen Rock dem weissen Hippiemarkt anzubieten, ein Onkel Tom der Gegenkultur. Aber auch das zeigt nur, wie starr die Kategorien von «weisser» und «schwarzer» Musik bald wieder waren.

Während schwarze «Soulrevuen» durch die USA tingelten, traf sich die weisse Popwelt zum «Summer of Love» an den ersten grossen Open Airs. «Wir sind Sternenstaub», sangen Crosby, Stills, Nash & Young in ihrer Hymne auf «Woodstock»: «Wir sind golden / Wir müssen zurück in den Garten.» Und bemerkten nicht, wie sie mit Blumen und Glöckchen gerade den Rock ’n’ Roll vom magischen Berg vertrieben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2017, 18:08 Uhr

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