Kultur

Wie eine gute Dose 96er-Bier

Von Tobi Müller, Berlin . Aktualisiert am 25.08.2010

In diesem Sommer kehrte Rave-Techno zurück. Optimiert für jedes Biotop, von der Unterschicht bis hin zu Alt-Ravern. Für Letztere liefert das Duo Underworld den Soundtrack.

Ältere Herren im Dienste des Grooves: Rick Smith und Karl Hyde von Underworld.

Ältere Herren im Dienste des Grooves: Rick Smith und Karl Hyde von Underworld.
Bild: PD

Der Auftritt

Live am Zürich Open Air: Samstag, 28. August.

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Karl Hyde ist ein zarter und ein treibender Sänger. Einer, der weiss, wie man einen melancholischen Song zur Euphorie überreden kann. Rick Smith, sein Partner von Underworld, baut ihm dafür schimmernde, auch kitschige SynthieGerüste. Und legt ihm viel technoiden Bass darunter. Etwa bei «Between the Stars» vom neuen Album. Die beiden hatten früher oft per E-Mail miteinander gearbeitet. Der grösste Teil von «Barking» entstand im gemeinsamen Studio. Das hört man. Es knallt wie früher. Wenn Bier einen Jahrgang hätte, müsste man jetzt eine Dose 96er aufmachen.

Knallen lassen, elektronisch und technoid. Damit sind Underworld nicht allein, nicht in diesem Sommer. «Wir müssen diese rasende Digitalisierung etwas ausbalancieren», sagt Karl Hyde. «Wir brauchen wieder einen etwas kranken Sound.» Was ist passiert? Die Pauke hat gesiegt. Die vier immerzu wiederholten Schläge der elektronischen Tanzmusik sind in diesem Jahr auf ganzer Breite zurückgekehrt. Als herrschte ein Darwinismus des Beats: Nur der Stärkste überlebt, und das ist offenbar der durchgehaltene Viervierteltakt im Bass, Bass, Bass, Bass. Four to the floor, arms up in the air. Mehr als zwanzig Jahre nach der Erfindung von Techno setzt das grosse Bumm noch einmal ein.

Techno ist wieder zurück

Dieser Beatbefehl, gepaart mit den süsslichen Fanfaren des alten Trance Techno, regiert nicht bloss den Geschmack von Drogenessern, sondern bestimmt auch die Vorlieben des Mainstreams. In der Hitparade wimmelt es von Techno, etwa vom Franzosen David Guetta, der dazu prominente Gastsänger und Rapper verpflichtet. Und der diesjährige Sommerhit, «We no speak americano», war eine witzige Techno-Nummer. In Zürich machten Techno-Veteranen beim M4Music-Festival grosse Augen, als eine junge Rave-Truppe aus Leeds das Liveprogramm aufmischte: Hadouken! Und in Deutschland tanzt derweil die spassbetonte Jugend zur Musik von technoiden Rappern namens Die Atzen, während auf der anderen Strassenseite die antifaschistischen Raps von Frittenbude oder Egotronic bevorzugt werden. Bei beiden brettern alte Synthies, die Basspauke hämmert. Es hört sich an, als sei Elektro gerade erst erfunden worden. Die sozialen Vorzeichen dieser globalen Feiermusik haben sich gründlich verändert.

Techno war am Anfang eine Musik, die an ihren wichtigen Drehkreuzen das Publikum mischen wollte. Der Prolet tanzte neben dem Studenten, der Popper neben dem Freak, der Hetero neben dem Schwulen – so hat man sich das zumindest gewünscht. Oft tanzte aber auch bloss die Labertasche neben der Labertasche. Der Rave-Techno von 2010 hingegen tendiert dazu, die sozialen Schranken zu respektieren. Oder sie zusätzlich noch zu stärken.

Wer «Trainspotting»mag, mag Underworld

Es gibt also Kinder-Techno, der fiept; Teenie-Techno, der schmachtet; Sommerhit-Techno, der rumalbert; Unterschichts-Techno, der den Bürger verschreckt; und Antifa-Techno, der ihn wieder beruhigt. Und es gibt gepflegte Techno-Musik für Menschen, die in den Neunzigerjahren die Kaputtheitskomödie «Trainspotting» verehrten, während sie heute schon mal Businessclass fliegen. Für Letztere musizieren auch Underworld. Ihr «Born Slippy» ging 1996 als Erkennungsmelodie von «Trainspotting» um die Welt. Mit einem Refrain, der nach Bier schrie: «Lager, Lager, Lager . . .» Sänger Karl Hyde ist heute nüchtern, fit und nett, auch nach zehn Stunden Journalistenfragen. Er ist über fünfzig, das Essen hat er nicht angerührt. Auch das Tablett mit Aperitifs und teuren Schnäpsen bleibt Kulisse beim Berliner Termin. Der Albumtitel, «Barking», bedeutet dennoch Bellen. Es ist ein Geheul der Vitalität geworden – oder der Sehnsucht danach. Das Album hat, nach der letzten, eher innerlichen Platte, wieder einen kräftigen Sound, einen Puls, der prescht. «Barking» sucht die grossen Gefühle weniger im Schreibzimmer als im Gewühl der Party.

Die deutlich erhöhte Betriebstemperatur auf dem neuen Album hat handfeste Gründe. «Die ruhigen Lieder der letzten Platte konnten wir auf Tournee kaum spielen», sagt Hyde. «Deshalb brauchten wir neues Material, das auch live taugt. Das Publikum und wir verdienen Besseres, als nur alte Sachen zu hören, oder?» Aber so klingt es doch gerade, Herr Hyde, nach alten Sachen. «Nun, wir haben die Achtzigerjahre erlebt, und ich kann Ihnen sagen: So wie heute haben sie nie geklungen.»

Es geht nur um den Groove

Das stimmt, die überstrapazierten Achtzigerjahre führen in die Irre. Die erneute Präsenz der elektronischen Basspauke hat mehr mit dem Techno der Neunzigerjahre zu tun. Oder greift gleich auf die Siebziger zurück, als sich elektronische Avantgarde und Disco Music auch mal kreuzen konnten. Karl Hyde gerät jetzt etwas aus dem Häuschen, wenn er von der deutschen Band Kraftwerk erzählt, die für diese folgenreiche Legierung von Kunst und Kommerz steht. «Kraftwerk, die Liebe zur Maschine, gepaart mit der Stimme: Das hat Rick und mich überhaupt erst zusammengebracht, das war einfach fantastisch!»

Man muss wissen, dass viele britische Musiker einen Deutschland-Fimmel haben. Spätestens seit David Bowies Berliner Zeit. Die besten Dokumentarfilme, über Kraftwerk sowie über die Krautrock-Szene, hat die BBC gemacht. Wohl wissend, dass der Siegeszug britischen Synthiepops in den Achtzigern ohne die deutsche Vorarbeit undenkbar gewesen wäre. Hyde schwankt nun mit dem Oberkörper: «Du hast also eine Maschine, die supergenau läuft, und dazu eine Stimme, die leicht falsch singt, rhythmisch mal einsteigt, dann wieder aussteigt . . .» Nennt man das nicht Groove, Herr Hyde? «Indeed! Darum geht es doch bei diesem ganzen Zeug!»

Groove ist nur mit dem Fehler zu haben

Vielleicht liegt hier, trotz aller sozialer Differenzen, der wesentlichste Unterschied dieser Techno-Musiken von 2010: wer Groove zulässt und wer nicht. Denn Groove ist ein Effekt, der nur mit der Abweichung zu haben ist. Mit dem Fehler. Groove braucht passgenaue Ungenauigkeiten. Der Popstandard tilgt die meisten davon digital. Vielleicht ist er deshalb wieder zurück, der kranke Sound aus dem Computer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2010, 11:26 Uhr

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