Kultur

Wie macht dieser Pianist sein Publikum so trunken?

Morgen spielt Keith Jarrett in der Zürcher Tonhalle eines seiner Solokonzerte. Aber was heisst Konzert: Es wird ein Hochamt!

Musizieren in einer völlig offenen Situation: Keith Jarrett.

Musizieren in einer völlig offenen Situation: Keith Jarrett.
Bild: Keystone

Was ist nur passiert? Wir sind zwar nicht in der New Yorker Carnegie Hall, sind es aber beinahe doch, denn wir hören den Mitschnitt von Keith Jarretts Auftritt vom 26. September 2005. Nach dem letzten Stück brandet der Applaus auf, selber eine Art kleines Konzert: begeisterte Ausrufe, Stampfen, minutenlang. Das Publikum ist verzückt. So, als wolle es die Ekstasen, die Jarrett zuvor am Flügel gezeigt hatte, nachempfinden. Als wolle es dem Star genügen.

Wie ein Hohepriester

«The Carnegie Hall Concert» ist eines der jüngsten von über zwanzig Soloalben, die Jarrett veröffentlicht hat: ein Dokument der grossen Kunst des mittlerweile 64-jährigen US-Jazzpianisten – aber auch ein Beleg seiner Fähigkeit, sein Publikum zu magnetisieren. Hier jubeln Menschen einem Musiker zu, als wäre der ein Hohepriester. Auch in Zürich, wo Jarrett morgen Freitag spielt, wird sich das Publikum zweifellos in einer Haltung der Ergebenheit im Saal einfinden, noch bevor der grosse Maestro überhaupt einen Ton gespielt hat.

Keith Jarrett, das weiss man, hat sein «Köln Concert» (1975) zu Hunderttausenden verkauft. Ob das allein die erstaunliche Aura dieses Musikers begründet? Wohl kaum. Aber wie nur macht dieser Pianist sein Publikum so trunken?

Emotional malochen

Manche mögen Keith Jarrett nicht. Er gebe sich bayreuthisch in seinen Konzerten, geradezu gottgleich. Jarrett beschimpft gern sein Publikum, wenn es seine musikalische Weihestunde zu stören droht. Dann scheut er auch vor drastischen Ansagen nicht zurück: «Jemand soll diesen Arschlöchern sagen, sie sollen ihre Kameras versorgen», herrschte er etwa im Juli 2005 in Perugia. Nein, Keith Jarrett möchte man lieber nicht zum Nachbarn haben. Aber seiner Künstlerlegende haben seine Publikumsbeschimpfungen, nüchtern betrachtet, nur genützt. Seine Unberechenbarkeit, sein bisschen Dämonie machen ihn ja gerade chic. Jedenfalls kann man über Jarrett auch wunderbar reden, ohne über seine Musik reden zu müssen.

Seit 1983 betreibt Jarrett ein epochales Jazzklavier-Trio mit Gary Peacock und Jack DeJohnette. Doch als seine interessanteste Seite gelten nun mal die Solokonzerte. Das hat auch mit seiner Erscheinung zu tun: Jarrett ist ein dürres, kleingewachsenes Männlein, ganz allein am schwarzen Flügel-Ungetüm. Meistens wirkt er verloren auf den Bühnen der grossen Konzerthäuser dieser Welt. Hier setzt sich jemand seinem Publikum aus, versucht aus dem gedankenleeren Nichts heraus musikalische Funken zu schlagen. Improvisierend und ohne dass er von anderen Musikern Unterstützung erhoffen kann. Das hat etwas Heroisches.

Von Miles Davis bewundert

«Ich verfüge nicht einmal über einen Samen, wenn ich zu spielen beginne. Ich fange sozusagen bei Null an», sagte Jarrett einmal. Es gibt also wenigstens die theoretische Möglichkeit, dass Jarrett in einem solchen Rezital abstürzt. Auch wenn das bei seiner Erfahrung nicht zu erwarten ist. Schliesslich hatte schon Miles Davis am ganz jungen Jarrett bestaunt, wie er improvisierend spontane Kompositionen schuf. Aber es bleibt dabei: Jarrett musiziert in einer völlig offenen Situation. Das ist prickelnd für ein Publikum, das sich hier, in den Hallen der E-Musik, die Aufführung bestandener Meisterwerke gewöhnt ist.

Jarretts Faszinosum besteht nicht zuletzt darin, dass er sich ohne das Sicherheitsnetz einer ausnotierten Komposition und ohne die Seilschaft mit Gefährten in einen Höhenrausch spielen kann. Auch sein Grunzen und Grochsen, sein Spiel im Stehen: Das alles verstärkt beim Publikum den Eindruck eines charismatischen Pianisten, der seine Kunst aus dem Moment heraus wirkt. Einer, der emotional und physisch malocht. Wo kann man das in der Kunst sonst noch erleben? Was, wenn ein Schriftsteller Abend für Abend eine Lesung gäbe, in der er seine Dichtung ein jedes Mal anders erfindet? Wenn ein Maler vor einem zahlenden Publikum ad hoc seine Leinwand füllte?

Beschimpfen heisst lieben

Genau so musiziert Keith Jarrett. In den Sechzigern musikalisch gross geworden, hat er von der damaligen Freejazz-Avantgarde den Sprung in die total freie Improvisation gelernt. Das heisst auch, dass vor und nach ihm viele andere Musiker diesen Weg gegangen sind. Jarretts Erfolgsgeheimnis besteht auch darin, dass das Riskante dieser Ausgangslage bei ihm nicht in unwegsame Klanglandschaften führt, sondern zu einer Musik, die nicht selten hoch melodisch ist. Das zeigte schon seine allererste Soloplatte «Facing You» (1972) und danach in besonderem Mass das «Köln Concert».

Keith Jarrett hat die freie Improvisation in den Mainstream überführt: Bei ihm zuckt das Material lebendig wie im Freejazz – aber es bleibt meist sehr zugänglich. Man höre den siebten Teil des «Carnegie Hall Concert»: Das ist scheinbar afrikanische Musik, ist eine einfachste Dur-Welt voller Wärme. Der zehnte Teil entfaltet sich dann auf einer endlosen Ostinatofigur und baut so einen starken Sog auf. Kurzum, das ist, auch dank Jarretts unheimlicher Anschlagskultur, zum Teil unwiderstehlich schön – und allgemein verständlich. Er, der sich auch ausgiebig mit der E-Moderne des Jahrhunderts beschäftigt hat, versöhnt das Komplexe mit dem schlicht Schönen. Nein, Jarrett ist keiner, der sich dem Publikum verweigert. Er umarmt es, selbst wenn er es beschimpft.

Das hat ihn weit über die Orte des Jazz hinausgetragen, an denen improvisierte Solokonzerte gang und gäbe sind. Im Jazzclub wäre er bloss ein Nachfolger des Stride-Pianisten Thomas «Fats» Waller, der in den Dreissigern mit Stumpen konzertierte. In den High-End-Konzertsälen, in denen er heute spielt, ist er hingegen ein Einzigartiger. Ein Vollendeter, ein Maestro. Keith Jarrett braucht noch nicht einmal einen Frack, um so aufzutreten.

Um Rose Anne weinen

Der Anspruch seiner Konzerte ist, so gesehen, sehr hoch: Die Vollendung ist nicht schon angelegt in einer Partitur, sondern wird jeden Abend neu dem Moment abgerungen. Vielleicht entblösst sich Keith Jarrett im Begleitheft zu seiner neusten Solo-CD «Paris/London» darum auch im Privaten. Er erzählt davon, wie ihn seine zweite Frau – Jarrett nennt auch den Namen – nach dreissig Jahren verliess. Vor seinem Londoner Konzert habe er nicht aufhören können, an «Rose Anne» zu denken, noch nach dem Konzert sei er in Tränen ausgebrochen. Da präsentiert ein Künstler, der als schwierig gilt, wie zur Entschuldigung seine verletzliche Seite. Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, hier beglaubige einer die Intensität seiner Kunst – und womöglich sogar seines Solistentums.

Keith Jarrett spielt morgen Freitag, 16. 10., in der Tonhalle Zürich (ausverkauft).

Keith Jarrett: The Carnegie Hall Concert; Paris/London (ECM/Phonag).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.10.2009, 04:00 Uhr

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