Kultur

Wie weit ist es von der Disco ins Schlafzimmer?

Hot Chip haben sich auf «One Life Stand» schon mal auf den Weg gemacht: Zu allen Songs kann man tanzen, noch besser aber kuscheln.

Hot Chip ist die Konsensband des coolen Hipstertums.

Hot Chip ist die Konsensband des coolen Hipstertums.

Es sind Worte, die man unter der Discokugel sonst eher vermeidet. «Sag mir, stehst du zu deinem Mann?», fragt Alexis Taylor zum Tuckern einer hübsch aus alten Tanzstilen assortierten Discospur, und man weiss gar nicht, worüber man mehr verblüfft sein soll. Darüber, wie ernsthaft verknallt ein junger Brite auf die patriarchale Countryhymne «Stand By Your Man» verweist? Oder doch darüber, wie beiläufig hier das alte Discodilemma – tanzen oder stehen – eine neue, ungeahnte Tragweite erhält?

So oder so: Die Zeile aus dem Titelstück führt direkt in den Kern von «One Life Stand», dem neuen Album von Hot Chip. Denn hier wagen die Londoner, die spätestens vor zwei Jahren mit «Made in the Dark» zur Konsensband des coolen Hipstertums aufgestiegen sind, die Uncoolness. Oder wenigstens ein bisschen Sesshaftigkeit innerhalb der grossstädtischen Klubdiaspora. Der Höhepunkt ist Alexis Taylors schmuckes Treuegelübde: «Ich möchte dein One Life Stand sein.»

Es geht entschieden um Liebe

Folgerichtig hat die Band in ihrer Musik ziemlich aufgeräumt. Weg ist der kreuz und quer durch die Stile verbastelte Pop, der seine Klebstellen stolz wie Narben präsentiert und der in tausend smarten Verweisen die Klubmusik der letzten 40 Jahre nochmals zum Zucken bringt. Statt dieses ironischen Discopops in Gänsefüsschen spielen Hot Chip neuerdings einen erstaunlich organischen Soulpop, der ganz entschieden von Liebe und Emphase handelt.

Klar, auch diese Platte ist aus der Disco, dem Soul und dem Synthiepop der 70er- und 80er-Jahre gewirkt. Doch sagt die Simulation hier deutlich vernehmbar «Ich». Ja, mehr noch: «Ich liebe dich.» Schon im zweiten Stück singt Alexis Taylor achtmal hintereinander «Hand me down your love», und dann nochmals achtmal «Open up my love». Und schon im nächsten Stück, «I Feel Better», schliessen sich diskret die Synthesizervorhänge, wenn sich das Falsett von Alexis Taylor und der Tenor von Joe Goddard umschlingen: «Heaven is nowhere / Just look to the stars.»

Der melancholische Grundton, der sich durch die Platte zieht, ist dazu kein Widerspruch. Schon eher die Bestätigung, dass etwas Neues begonnen hat. Denn «One Life Stand» hat – und das ist vielleicht der Schlüsselreiz dieser zehn Songs – noch nicht den ganzen Weg zurückgelegt aus der Disco in die Häuslichkeit, um nicht zu sagen: ins Schlafzimmer. Zu fast allen Songs kann man tanzen, wenn man will, aber wie in «Alley Cats» gibt es fast überall stärkere Impulse als den reichlich dezenten Beat, und die rufen zum Kuscheln: die wiegenden Wogen des Wurlitzers, die Massage der Synthesizer, die mit Afro parfümierte Gitarre und das authentische Quietschen einer Gitarrensaite.

Ergreifender White-Boy-Soul

Damit ist auch gesagt, dass diese Platte eher cheesy ist als sexy. Dies verdirbt aber vor allem jene drei, vier Songs, die sowieso schwächer und ohne memorable Melodie sind. Dem Rest des Materials steht die neue Stabilität so gut wie einem jungen Mann sein erster Anzug. Und ausgerechnet der zuckrigste Song sorgt dann für den Höhepunkt: «Slush» entwickelt aus einem unbeholfenen, aber rührenden Doo-Wop-Wölkchengesang eine der ergreifendsten White-Boy-Soulnummern der letzten Jahre. Sie stolpert in der Mitte über Steel Drums (!) und verflüchtigt sich am Ende im blassen Bläser- und Streichernebel.

Wenn die Liebe so unsicher ist wie dieser Soul, dann dürfen die Fans der alten Hot Chip beruhigt sein: Sie könnten Alexis Taylor & Co. bald wieder in der Disco treffen.

Hot Chip: One Life Stand (Parlophone/EMI) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.02.2010, 04:00 Uhr

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