«Wir sind wie Wüstenpflanzen»
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Frau Hunger, Sie sind in den letzten Monaten durch halb Europa getourt und Abend für Abend in einer anderen Stadt aufgetreten. Wie schaffen Sie es, dem Publikum jedes Mal das Gefühl zu vermitteln, es wohne einem einmaligen Ereignis bei?
Das geht nur, wenn man es selber jedes Mal neu erlebt. Nur wenn ich selber nicht weiss, was gleich passieren wird, kann ich das Publikum fesseln.
Nutzen sich Lieder nicht ab, wenn man sie Abend für Abend spielt?
Es gibt die Gefahr, routiniert zu werden. Am besten ist es, man beginnt immer wieder bei Null, als wäre man vor einem weissen Blatt Papier. Solche Dinge kann man trainieren. Auch bei Studioaufnahmen ist es wichtig, vor jeder neuen Einspielung die vorangegangene zu vergessen. Man muss sich jedes Mal wieder frei machen von früheren Erfahrungen und Ängsten. Wenn das gelingt, kann die Arbeit im Studio sehr beglückend sein – früher habe ich sie als unbefriedigend erlebt. Live-Konzerte habe ich immer geliebt, weil es nur diesen magischen Moment gibt, kein Vorher, kein Nachher.
Erleben Sie noch Überraschungen in solchen Konzerten?
Wenn es einmal so weit sein sollte, dass wir keine Überraschungen mehr erleben, müssten wir sofort aufhören. Das Publikum, die Band, die eigene Befindlichkeit – das alles ist jedes Mal anders. Kürzlich war ich vor einem Konzert sehr erschöpft. Das hat sich sofort auf die Tempi ausgewirkt: Die Lieder gerieten viel langsamer.
Was erleben Sie, wenn Sie auf der Bühne stehen und singen?
Das ist eine schwierige Frage, ich habe noch keine Antwort darauf gefunden. (Schweigt.) Es ist sicher eine Tätigkeit, die über meine Person hinausreicht. Wenn ich mich selber während eines Konzerts in Betracht ziehe, bin ich sofort eingeschränkt. Dann tauchen Ängste auf. Wenn ich mir zuschaue, bin ich gespalten, nicht mehr ganz in der Musik.
Am Schönsten sind also Momente, in denen Sie «ohne Biografie und ohne Ego» sind, wie Sie das einmal nannten?
Diese Erfahrung teile ich mit allen Menschen, die konzentriert einer Arbeit nachgehen. Wer sich konzentriert, muss alles andere ausschliessen können.
Nur verrichten Sie Ihre Arbeit vor Publikum. Fällt es Ihnen manchmal schwer, auf die Bühne zu steigen?
Nicht manchmal – immer. Es gibt kurz vor jedem Konzert einen Moment, in dem es für mich unvorstellbar ist, dort hinauszugehen und zu singen.
Macht das nicht müde, sich Abend für Abend in einer neuen Stadt so überwinden zu müssen?
Auf der Bühne spürt man keine Müdigkeit, da fliesst uns Energie zu – durch das Spielen und vom Publikum. Anstrengend auf langen Tourneen sind die 22 Stunden vor und nach den Konzerten.
Wie spüren Sie die Müdigkeit?
Musik machen ist ja in erster Linie etwas Physisches. Wenn man Raubbau am Körper betreibt, führt das zu Einschränkungen. Krank sein liegt nicht drin auf einer Tournee, aber ich habe dann plötzlich weniger Luft, weniger Körperspannung. Wenn mir die Energie fehlt, kann ich auf der Bühne nicht alles machen.
Die Stimme verloren haben Sie noch nie?
Vor ein paar Wochen spielten wir zum Abschluss der Sommertournee in Paris im Theater «Bouffe du Nord». Das ist für Künstler ein mystischer Ort. Ich war niedergeschlagen, weil ich an diesem wichtigen Tag fast keine Stimme mehr hatte. Dann tauchte der Pianist Malcolm Braff auf; er ist ein guter Freund, ein aussergewöhnlicher Mensch, der Mathematik studiert hat, nebenbei Spiele erfindet, also nicht nur von Musik etwas versteht. Er fragte mich, ob ich wisse, dass er auch studierter Reflexologe sei. Wir hatten 45 Minuten Zeit; er massierte meine Füsse so, dass ich fast schreien musste, aber ich durfte kein Wort sagen. Dann ging ich auf die Bühne und meine Stimme war da, als wäre nichts gewesen.
Machen Sie manchmal Ferien?
Nein, nicht mehr, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mich in Ferien extrem anspanne, dass ich paranoid und unausstehlich werde. Ich sehe nicht ein, wozu das gut sein soll.
Zwischendurch nichts leisten müssen und sich entspannen – das ist doch ein vernünftiges Konzept.
Vielleicht, wenn man als Bauarbeiter hart schuftet oder sich im Büro abmüht. Das kann ich nicht beurteilen. Mich erfüllt meine Arbeit, ich muss mit ihr verbunden bleiben. Wenn mir etwas Zufriedenheit gibt im Leben, dann diese Tätigkeit.
Aber eigentlich auch sie nicht?
Doch, immer wieder. Bei der Studioarbeit der letzten Wochen in Paris war ich zuweilen sehr glücklich, da erlebte ich immer wieder Euphorie und Glücksgefühle.
Sie haben Lieder eingespielt für die nächste CD?
Ja. Ich hoffe, sie kommt im Frühling heraus. Ich möchte noch ein paar zusätzliche Lieder einspielen, was frühestens im Januar möglich sein wird. Bis Ende Jahr sind wir auf Tournee, es stehen noch 43 Konzerte an bis Mitte Dezember.
Wohin führt die Tournee?
Noch einmal durch Deutschland und Frankreich, dann nach Holland, Belgien, Österreich, Tschechien.
Ein nahrhaftes Programm.
Ja, ich weiss auch nicht, wessen dumme Idee das war.
Sind Sie Ihrem Management so hilflos ausgeliefert?
Nein, ich reagiere naturgemäss sehr unreif und radikal auf Unterdrückungsversuche. Das wissen meine Leute und formulieren darum ihre Begehren immer mit viel Liebe und Philosophie. In diesem Fall war ich es, die sagte: Lasst uns spielen! Ich hätte mir im Frühling nie erträumt, dass wir im Herbst gleich eine zweite Tournee anhängen. Das hat sich so ergeben, weil viele Konzerte so schnell ausverkauft waren. Das ist ein fantastisches Erlebnis, ich bin so dankbar für dieses Abenteuer.
Springt der Funke immer und überall aufs Publikum über, oder gibt es auch Konzerte, in denen Sie die Menschen nicht erreichen?
Ja, das ist ein paar Mal passiert. Nach diesen Konzerten sind wir alle am Boden zerstört. Ich kenne keine Musiker, die in dieser Hinsicht nicht verletzlich wären. In solchen Momenten merke ich auch, wie hilflos wir eigentlich sind, uns selbst gegenüber. Auf der Bühne Musik zu spielen, das ist das, was wir haben, das ist unser Leben. Um das zu verwirklichen, brauchen wir aber das Publikum, die Menschen, ihre Konzentration, ihre Verletzlichkeit. Wenn alles gut läuft und am Ende der Applaus nicht mehr aufhören will, verlassen wir die Bühne und schämen uns ein bisschen.
Schämen wofür?
Wenn wir realisieren, was wir gemacht haben, wie sehr wir uns exponiert haben, gibt es einen Moment der Scham. Da ist man seltsam berührt. Ich schäme mich auch, wenn irgendwo Musik von mir läuft. Ich kann das schlecht ertragen. Die Fernsehbeiträge über mich auf 3SAT oder ARD habe ich nie gesehen. Ich finde das sehr albern.
Als Ihre letzte CD im Herbst 2008 herauskam und von den Musikkritikern gefeiert wurde, sagten Sie, Sie könnten sich unmöglich auf die Karriere vorbereiten, die Sie nun erwarte. Fühlt es sich manchmal so an, als würden Sie einem Zug hinterherhecheln?
Ja, das ist so, aber ich hole auf. Nun befinde ich mich fast auf der Höhe der Lokomotive – ich verstehe immer besser, wie alles funktioniert.
Bleibt etwas auf der Strecke von dem, was Ihnen vorher wichtig war?
Bis jetzt fehlt mir nichts. Aber wir leben schon in einer eigenen Welt, sind enorm abgekapselt vom Rest. Durch das permanente Reisen haben wir kein Zuhause. Wir sind wie Wüstenpflanzen aus einem Westernfilm, die langsam über die Steppe rollen.
Sie haben einmal gesagt, der grösste Luxus sei, frei über seine Person und Zeit verfügen zu können. Diesen Luxus haben Sie preisgegeben.
Das sehe ich nicht so. Im Vergleich zu anderen Künstlern kann ich sehr viel selber bestimmen. Und der Erfolg verschafft mir neue Freiräume. Sonst hätte ich mir jetzt nicht fünf Wochen Zeit für Studioaufnahmen mit all meinen Musikern in Paris nehmen können.
Aber Sie können nicht mehr spontan nach Lust und Laune machen, worauf Sie Lust haben – womöglich etwas Unvernünftiges, das nicht der Karriere dient.
Mein ganzer Beruf ist in sich so unvernünftig, dass ich diese Seite mehr als genug ausleben kann. Natürlich sind die Tage und Abende verplant, aber wie genau würde ein unverplantes Leben aussehen? In Berlin so angestrengt ungezwungen um 15 Uhr nachmittags Frühstücken und sich mit arbeitslosen Kunsthochschulabsolventen zu Gesprächen über die Ästhetik von Arafat-Schals treffen?
Halten Sie es noch immer für eine Grundvoraussetzung künstlerischen Schaffens, dass man nichts über sich selber weiss?
In einem gewissen Sinne, ja. Damals, im Interview, habe ich den Satz so absolut formuliert, um mich an der unerträglichen, permanenten Psychologisierung zu rächen. Ich halte die Psychoanalyse für eine Krankheit – schreiben Sie das ruhig so hin. Nur nach den individuellen, psychischen Motiven zu forschen, ist sehr einseitig und irreführend. Alles was wir machen, steht doch in Bezug zu anderen Menschen und zur Natur. Zu Ihrer Frage: Man müsste einfach bereit sein, Widersprüche auszuhalten: Natürlich hat meine Musik nur mit mir zu tun, und natürlich hat sie überhaupt nichts mit mir zu tun.
Deswegen nervt es Sie so, wenn Sie dauernd gefragt werden, warum Sie eine so erfolgreiche Sängerin geworden sind?
Ich weiss es schlicht und einfach nicht. Mein Geschäft ist Musik, nicht Analyse. Am Ende ist es wohl eine mysteriöse Mischung aus barem Zufall und gefühlter Notwendigkeit.
Eine andere Antwort wäre: weil Sie im Grunde weder singen, noch Klavier noch Gitarre spielen können.
Ja, das triffts ziemlich gut. Mein Vater hat mir als Kind CDs abgespielt von Künstlern, die wirklich Klavier spielen oder singen können. Ich würde das nie für mich in Anspruch nehmen. Bis jetzt hat es mich jedes Mal handlungsunfähig gemacht, wenn ich zu viele Kenntnisse hatte über eine Sache. Deswegen pflege ich die Ignoranz und versuche, mir ein Höchstmass an Dilettantismus zu erhalten.
Lassen Sie uns noch über die Anfänge reden. Stimmt es, dass Sie als Kind schon Radiosendungen produziert haben?
Ja, mein Radiosender hiess «Radio 22210». Ich machte Informationssendungen, produzierte Werbespots, imitierte geladene Gäste wie Professoren oder Politiker. Eine wichtige Rubrik bildeten die Dankesreden von Oskar-Preisträgern. Als Kind liebte ich es, mir solche Sachen auszudenken. Und eigentlich mache ich ja heute immer noch das Gleiche. Meine einzige Fähigkeit ist wohl, dass ich mir sehr gut Dinge vorstellen kann – so sehr, dass die Imagination alles andere verdrängt. Was ich mir vorstelle, wird zu meiner Realität.
Wann komponieren Sie? Müssen Sie sich dafür von allen anderen Verpflichtungen befreien?
Nein, das würde nicht funktionieren. Früher liess ich mich eher vom Wort oder von Melodien inspirieren. Bei der Arbeit an der neuen CD bin ich viel stärker vom Sound ausgegangen, von Beats von Schlagzeuger Julian Sartorius, vom Spiel mit Klangeffekten.
Gibts auch Phasen ohne jede Inspiration?
Je mehr ich arbeite, desto mehr Neues entsteht. Es muss alles in Bewegung bleiben. Ich brauche eine grosse Portion Unrast, um produktiv sein zu können. Das Uninteressanteste wäre für mich vermutlich, «ausgeglichen» zu sein.
Was ist Ihr grösster Traum?
Dass ich lerne, meine Ängste loszulassen und jene Beschränkungen zu überwinden, die mich davon abhalten, das zu tun, was ich möchte. Mein Traum ist, dass das Musizieren mich mit der Zeit von all den persönlichen Zwängen befreit. Das Schlimmste, was man machen kann, ist sich selber im Weg zu stehen.
Ermöglicht die Kunst einem, den eigenen Ängsten zu entkommen?
Nein, aber man muss lernen, sie auszuhalten, um etwas kreieren zu können, das grösser ist als etwas Privates. Private Zusammenhänge haben keine kommunikative Kraft, sie sind das Uninteressanteste, was es gibt. Was wir an grossen Künstlern bewundern ist ihre Gabe, eine Sprache zu entwickeln, die unter die Haut geht, die Bedeutung hat weit über die einzelne Existenz hinaus. Es ist vermutlich einfacher, so etwas zu schaffen, wenn man nicht den ganzen Tag damit beschäftigt ist, seine eigenen Zehennägel zu untersuchen.
Gibts neben den Wunschträumen auch Albträume?
O ja, ich bin eine extrem kleinkarierte und verkrampfte Person mir selber gegenüber, entsprechend gibt es viele Anlässe, Angst zu haben. Ich weiss nicht, woher diese Angst kommt. Sobald ich mich wahrnehme in meinem Beruf, erkenne, dass es um mich geht, habe ich Angst. In Albträumen wird mir das Risiko vor Augen geführt. Dann habe ich einen Auftritt und kann meine Finger nicht mehr bewegen, stehe auf der Bühne ohne Stimme. Ausserdem habe ich festgestellt, dass ich zunehmend paranoid werde.
(Der Bund)
Erstellt: 30.09.2009, 09:02 Uhr
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