Wo selbst eine Kuh ästhetisch muht

Der US-Komponist Tod Machover hat den Luzernern eine Sinfonie auf den Leib geschrieben. Darin spielen Schritte auf der Kapellbrücke und Guggenmusig eine Rolle.

Hat Luzern als atemberaubende Klangkulisse vertont: Tod Machover. Foto: Stefan Deuber (Lucerne Festival)

Hat Luzern als atemberaubende Klangkulisse vertont: Tod Machover. Foto: Stefan Deuber (Lucerne Festival)

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Neue klassische Musik ist Kunst für Randständige. Also etwas für Eliten. Etwa so exotisch wie der Pudelzüchterverein von Wutzelhausen. Etwas, von dem die meisten normalerweise keine Notiz nehmen. Anders sieht die Sache beim US-amerikanischen Komponisten Tod Machover aus! Er hat eine Sinfonie von und für Luzern geschrieben. Wobei es wortwörtlich zwei Komponisten gab: Machover und die Stadt Luzern.

Denn Machover entwickelte eine «Ich höre Luzern»-App, die es jedem Luzerner ermöglichte, Musikerlebnisse aus dem Alltag aufzunehmen. Jedes Smartphone wurde zum potenziellen Aufnahmegerät und Soundpuzzlestein für die «Sinfonie für Luzern». Und für digital Debile gab es die Möglichkeit, im Street-Studio vorbeizuschauen, um Klänge beizusteuern. Zudem streunte der Professor aus Boston als zweibeiniges Mikrofon selbst durch die Strassen und nahm Geräusche wahr und auf: eine knatternde Fahne im Wind, Fusstritte auf der Kapellbrücke, den Schlagzeuger Fredy Studer im ehemaligen Gefängnis Sedel oder die jazzige Solokadenz einer muhenden Kuh am Rotsee, die eine lästige Fliege verjagt. Aus all diesen Klängen komponierte Machover seine «Sinfonie für Luzern» – eine Art ästhetische Synchronisation mit unserer musikalischen Lebenswirklichkeit.

Es rauscht, fiept, plätschert

Bei der Uraufführung am Lucerne Festival am Samstagmittag rauscht die Musik, sie fiept, sie zwitschert, sie wird durchtropft von plätscherndem Wasser. Ein Trommelfeuer von Erlebnissplittern, das das Interesse wach und die Hör­erwartung immer ein bisschen in Schieflage hält. So unverhofft wandert und wandelt sich der Klang von einem zum anderen, so infam kriecht ein Ton in den Nachhall des vorangegangenen oder schneidet ihn ab. Diese Musik ist eine Kulissenschieberei auf höchstem Niveau, bei der man vor lauter Bäumen den Wald nicht vermisst und vor lauter Geräuschen die Musik dennoch nicht zu kurz kommt. Trotz Stilpluralismus hat man den Eindruck, dass es eine durchgehende Linie gibt. Vielleicht auch deshalb, weil Machover die dargebotene Vielfalt immer durch seine Individualität sieht.

Wie das Lucerne Festival Academy Orchestra unter Matthias Pintscher das Krabbeln und Klingen spieltechnisch koordiniert, musikalisch durchgestaltet und überhaupt den grossen, im Raum verteilten Orchester-, Chor- und Elektronikapparat zusammenhält, ist gross­artig. Wobei, was heisst hier zusammenhalten? Wenn gegen Ende der Sinfonie die Guggenmusig der «Barfuessfäger» mitsamt Masken, Trommeln und Trompeten ihre Märsche ins Rund feuert, während das Orchester, der Chor und der Kinderchor und auch die Orgel in ein pantagruelsches Gelächter einstimmen, ist dies eine echte Kakofonie der Stile und Stimmen. Charles Yves hätte sich dieses Stimmengewirr nicht besser ausdenken können.

Das Atemberaubende daran: Die musikalischen Ereignisse werden nicht etwa auf den Nenner einer Ästhetik gebracht; vielmehr gehen sie in wildem Durcheinander aufeinander los. Ein wahres Gleichnis ist das auf die Diversität einer Stadt.

Auch Benjamin Brittens 1946 komponierte Oper «Albert Herring», die in Luzern am Samstagabend zur Aufführung kam, handelt von einer Stadt: Loxford. Aber nicht von deren Klängen, sondern ihren nicht so honorigen Honoratioren und einem Aussenseiter, den noch kein Mädchen geküsst. Er ist kein Held, sondern ein Trottel und heisst Albert Herring. Ein unterdrücktes Muttersöhnchen, dem mangels weiblicher Alternativen der Titel des keuschen Maikönigs verliehen wird – bis der schauspielerisch wie vokal agile Metzgerbursche Sid (Todd Boyce) dem armen Albert Rum in die Limonade mischt.

Und schon ists mit der unfreiwilligen Keuschheit vorbei. Albert bricht aus der engstirnigen Spiessbürgergesellschaft aus und verleiht seinem Leben einen neuen Kick – samt Prügeleien, Liebeleien sowie weiterer Ausschweifungen. In Vino steckt offenbar nicht nur Veritas, sondern manchmal eben auch ein zweites Leben.

Den Werdegang vom tumben Toren zum lebenswilligen Jüngling zeichnete Utku Kuzuluk als Albert stimmlich eindrucksvoll nach, während das übrige Ensemble mit Witz und Gespür für musikalische Pointen das Vergnügen perfekt macht. Aus der Personenzeichnung heraus entwickelt sich in Luzern eine temporeiche Inszenierung von Tobias Heyder, die engen Kontakt zur Musik wahrt. Brittens schillernde Klangsprache, die mit vielen Zungen redet und deren Tonfälle – ein Schuss Walzerseligkeit hier, ein wenig Elgar-Pomp dort – der Dirigent Howard Arman mit dem Luzerner Sinfonieorchester genau trifft, bleibt stets Referenzpunkt. Auch hier ein Stilpluralismus sondergleichen. An das radikale Stimmengewirr der «Sinfonie für Luzern» reichte diese Oper dennoch nicht ganz heran.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2015, 04:49 Uhr

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