Paradies für Schuhfetischisten
Von Louise Brown, London. Aktualisiert am 04.02.2011 1 Kommentar
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«Shoes» von Richard Thomas: 8. Februar bis 3. April im Peacock’s Theatre, London.
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Es klingt wie eine lateinische Messe, was die Nonnen da im Sprechchor auf der Bühne singen: Blicke nach oben, Hände andächtig zum Gebet gefaltet, trällern sie die Namen bekannter Luxusschuhmarken, darunter Manolo Blahnik und Jimmy Choo. «Schuhe können einem Kraft verleihen, können Kunstwerke und ein Schlüssel zur menschlichen Seele sein», sagt der britische Komponist Richard Thomas, der in schmutzigen Turnschuhen zu den Proben ins Londoner Tanztheater Sadler’s Wells gekommen ist.
Geprobt wird für sein aktuelles Musical «Shoes»: Neben Tänzern, Sängern und einer Liveband treten in der Show 250 Paar Schuhe auf, darunter Exemplare von Doc Martens, Christian Louboutin und Alexander McQueen. Sie alle spendeten Schuhe für das Stück, und das, obwohl Richard Thomas dafür bekannt ist, mit den Themen, die er für seine Musicals und Opern wählt, nicht gerade schonend umzugehen.
Mit seiner Nerd-Brille und der Sportjacke passt der 60-Jährige eher an eine Computertastatur als an die Tasten eines Klaviers. Seine preisgekrönte «Jerry Springer – The Opera» wurde am grossen Londoner National Theatre gezeigt und als hippes Musiktheater im West End gefeiert. Die BBC bekam dann für die Fernsehversion eine bis dahin nie erreichte Anzahl an Beschwerden, vor allem wegen der freizügigen Verwendung christlicher Themen (ein homosexueller Jesus in Windeln) und von Schimpfwörtern (500-mal «fuck»). Mit «Shoes» hat Thomas sich eines für viele nicht weniger heiligen Themas angenommen.
Fünfzig Paar Manolos
Von «The Psychology of Purchase in the Temple of Retail» (Die Psychologie des Kaufens im Tempel des Einzelhandels) bis zu «Sneaker Addict» (Turnschuhsüchtiger) reichen die Titel der Tanz- und Gesangsnummern. Bevor Thomas seine Texte notierte, befragte er über hundert Personen in New York und London: «Spricht man Leute auf Schuhe an, öffnen sie sich sofort. Es gab den Schuhputzer in Brooklyn, der seit vierzig Jahren Schuhe poliert und darauf stolz ist. Eine Frau besass zweihundert Paar Monolo Blahniks, hatte aber für fünfzig Paar noch nicht das richtige Outfit.»
Noch vor drei Jahren schien es, als würde die Wirtschaftskrise das Verlangen nach Schuhen bremsen. Stattdessen zählten sie zu den erfolgreichsten Luxusartikeln der vergangenen Jahre. Erst im letzten Herbst eröffnete das Londoner Nobelwarenhaus Selfridges die weltgrösste Schuhabteilung mit einer Fläche von über 3251 Quadratmetern und einer eigenen «couture designer gallery».
Ob Lady Gagas Hacken aus rohem Fleisch, Alexander McQueens schimmernde ballettinspirierte Halbschuhe oder die hochhackigen Loafers von Prada: Noch nie waren Schuhe so verspielt, so auffällig – und noch nie so zugänglich. Tatsächlich hat die Zusammenarbeit von Bekleidungsketten wie H & M mit Luxusmodehäusern wie Lanvin den «Killer Heel» längst von der Haute-Couture-Welt in die High-Street-Läden gebracht.
Doc Martens ist für alle da
«Ob arm, ob reich, Mann oder Frau: Alle brauchen Schuhe, und deshalb haben diese, etwa im Vergleich zu Hüten, eine so universelle Anziehungskraft», sagt Richard Thomas. «Fascist, communist, gay, straight, feminist . . .», heisst es dazu in «Shoes» über den alters- und klassenübergreifenden Doc Martens, während ein Punk und ein Polizist – beide natürlich in Doc Martens – sich leidenschaftlich küssen.
Im Probenraum üben die Tänzerinnen und Tänzer einen Stepptanz in mit Strasssteinen verzierten Plateaustiefeln. Auf der Bühne im Peacock’s Theatre in Londons West End dürfen sie dann ab nächster Woche um einen riesigen, glitzernden Stöckelschuh steppen, über dem eine Liveband schwebt. Trotz Glanz und Glamour – mit psychedelischen Videoprojektionen an der Wand gleicht die Bühne öfter einem Nachtclub – treffen nicht wenige der Lieder ins Mark: «It’s like religion without the misogyny!» (Es ist wie Religion ohne die Frauenfeindlichkeit), singen die Nonnen. Staksige Tänzer mit gelben Schutzhelmen lernen in «Health & Safety» in einem Sicherheitstraining, wie man in hohen Absätzen geht. Das Lied «Flip Flop Paradigm» erinnert daran, dass der weltweit am meisten getragene Schuh aus Plastik besteht. In «Hush Puppies» wird ein Ehemann nach dem Überstreifen des berühmten Schuhs mit der leisen Kreppsohle zum Serienehebrecher.
Musikalisch liess sich Richard Thomas von den Schuhen inspirieren: «Für Stilettos gab es für mich nur eins: was ich‹arse-led music› nenne,‹arschgeführte› Musik, also Musik mit einem starken Beat. Für eine andere Nummer über High Heels musste ich an eine Ballade denken. Für die Nummer über einen Turnschuhabhängigen dachte ich zunächst an einen Hip-Hop-Beat, der im Lauf des Liedes zu einer barockähnlichen Fuge wird.»
Schuh bleibt Schuh
Was fehlt in «Shoes», ist das Thema Schuhe und Kinderarbeit. Und: eine Nummer nur über Männerschuhe. Tatsächlich bleiben ausgefallene oder hochhackige Männerschuhe, trotz Versuchen wie vor zwei Jahren von Versace, die Herrenstiefelette mit glamourösen sechs Zentimeter hohen Hacken einzuführen, das einsame Hobby des französischen Präsidenten.
Für «Shoes» holte sich Chefchoreograf Stephen Mear Unterstützung von einer Reihe angesagter Tanztalente, darunter der belgische Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui, die Street-Dance-Expertin Kate Prince und der gehörlose Mark Smith, bekannt für seine Mischung aus Tanz und Zeichensprache, «Signdance». Bei so viel künstlerischem Renommee und so vielen Pailletten überrascht es nicht, dass «Shoes» nach seiner Weltpremiere im letzten Herbst am Sadler’s Wells Theatre nun in Londons lukrativem West End gastiert und auch eine internationale Tournee geplant ist. Dennoch bleibt in «Shoes» alles Schuhwerk, was es ist: ein funkelnd-frivoles Accessoire. Oder, wie es der britische «Telegraph» ausdrückte: «Junggesellinnenpartys werden es lieben.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.02.2011, 19:54 Uhr
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