Zu gut, um wahr zu sein
Von Simone Meier. Aktualisiert am 19.03.2010
Der Münchner Journalist Ingo Mocek ist den Lesern des Gruner-und-Jahr-Magazins «Neon» seit vielen Jahren bekannt als Autor von politisch engagierten Reportagen und als geschickter Interviewer grosser Popstars. Wie sich am Donnerstag herausstellte, hat Mocek zumindest eines der in «Neon» erschienenen Interviews frei erfunden. Aufgeflogen ist er aufgrund eines Interviews mit der Sängerin Beyoncé Knowles aus der Ausgabe zum Jahreswechsel 09/10. Der «Tages-Anzeiger» hat das Interview am 12. Januar 2010 nachgedruckt.
Am vergangenen Montag meldete sich Beyoncés US-Management, das über Blogger auf das Interview aufmerksam gemacht worden war, bei «Neon». Insbesondere die Passage, in der Beyoncé Knowles sich zu ihrem Ehevertrag mit dem Rapper Jay-Z äusserte und jeder heiratswilligen Frau zu einem Ehevertrag riet, kam ihnen höchst dubios vor.
Wie «Neon» vorgestern bekannt gab, hat die Chefredaktion den Autor «mit dem Vorwurf konfrontiert, dass er die Antworten der Sängerin erfunden habe. Ingo Mocek konnte diesen Vorwurf nicht ausräumen und bestätigte schliesslich, dass er die Prüfinstanz der «Neon»-Dokumentation getäuscht und das Gespräch nicht wie von ihm vorgelegt stattgefunden hat.
Per sofort entlassen
Recherchen einer internen Arbeitsgruppe haben ergeben, dass auch an der Echtheit vier weiterer in «Neon» veröffentlichter Interviews des Autoren Zweifel bestehen: «Soundtrack meines Lebens» von Slash («Neon» 6/2004) und «Soundtrack meines Lebens» von Christina Aguilera («Neon» 12/2006) sowie Kurz-Interviews mit Snoop Doggy Dog («Neon» 12/2006) und Jay-Z («Neon» 02/2010). Ingo Mocek gibt zu, dass auch diese Gespräche nicht wie von ihm vorgelegt stattgefunden haben. «Neon» distanziert sich vom Inhalt der Interviews und hat die Zusammenarbeit mit Ingo Mocek mit sofortiger Wirkung beendet.»
Wie uns die «Neon»-Chefredaktion mitteilte, hat das angeblich am 5. November 2009 im Rahmen der European Music Awards in Berlin geführte Interview nie stattgefunden. Ingo Mocek hatte sich bei uns vor Erscheinen des Zweitabdrucks noch eine entsprechende Erwähnung gewünscht mit dem Hinweis, dass sich der Veranstalter doch darüber freuen würde. Da das Interview bei uns jedoch etliche Wochen nach den EMAs erschien, haben wir darauf verzichtet. Laut «Neon» hatte Mocek Beyoncé Knowles zu drei früheren Gesprächen getroffen und einige Informationen daraus verwendet, der grösste Teil des Interviews ist jedoch frei erfunden.
«Tages-Anzeiger» entschuldigt sich
Bereits am 4. März 2008 hatten wir ein umfangreiches Gespräch von Ingo Mocek mit Alicia Keys nachgedruckt, das, wie Sony Deutschland gegenüber «Neon» bestätigte, so tatsächlich stattgefunden hatte.
Aufgrund dieser positiven Erfahrung und aufgrund der Tatsache, dass «Neon» eine Dokumentation besitzt, die für den Faktencheck verantwortlich ist und Texte sowieso nur mit einer Bewilligung der Chefredaktion zum Zweitabdruck freigibt, hatten wir uns vertrauensvoll dafür entschieden, das Interview mit Beyoncé Knowles in unserer Zeitung zu bringen. Dass sich Ingo Mocek nun als zweiter Tom Kummer entpuppt, haben wir nie in Betracht gezogen. Wir entschuldigen uns dafür bei unseren Leserinnen und Lesern und auch bei denjenigen vom «Bund» und von Tagesanzeiger.ch/Newsnet, die das Interview ebenfalls publizierten.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.03.2010, 15:56 Uhr
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