Der verrückteste Schwyzer

Lee «Scratch» Perry erfand den Dub, dann zündete er sein Studio an. Seit 30 Jahren lebt der schräge Jamaikaner mit einer Schweizer Domina in Einsiedeln.

Ein Exot im Klosterdorf: Lee «Scratch» Perry. Foto: Reto Oeschger

Ein Exot im Klosterdorf: Lee «Scratch» Perry. Foto: Reto Oeschger

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Ohne zahlreiche Spiegel geht Lee «Scratch» Perry nicht aus dem Haus, selbst wenn er nur die Schwarze Madonna besucht. Der «Erfinder des Dub» ist einer der schrägsten Vögel der Musikwelt – und sicher der auffälligste Bewohner von Einsiedeln. Schrille Hüte, bizarr verzierte Jacken und Stiefel, gefärbte Haare, ungezählte Ringe an den Fingern. Und so wild, wie er sich kleidet, spricht er auch. Gibt er ein «Outerview» (Interviews sind out), sprudeln Assoziationen und Reime. Es sind ausschweifende schamanistische Betrachtungen, komplett mit Gelächter und Gesang.

Er ist ja auch wirklich eine lebende Legende, ein Musiker und Produzent, Dichter und Irrer, der Bob Marley den Weg bereitete und auf Dutzende Musiker der letzten Jahrzehnte entscheidenden Einfluss hatte. Dubstep und Drum ’n’ Bass, Rap und Hip-Hop, Punk und Reggae – alle profitierten von den wilden, genialen Ideen des Magiers aus Jamaika.

Die Anfänge: Lee Perry in den Siebzigern als Tonmeister in den Black Ark Studios. Video: Nicolas Bonnet/Youtube

In seinem legendären Black-Ark-Studio in Kingston erschuf er in den 60er-Jahren mit einfachsten Geräten Klänge, die der Welt völlig neu waren und der Musik eine neue Grundlage gaben. Heute kann jeder am Computer eine unbegrenzte Anzahl von Tonspuren vermischen, alles elektronisch verfremden und kombinieren. Lee Perry musste mit vier Spuren auf schwerfälligen Tonbandgeräten zurechtkommen.

Ein wenig verrückt war Perry immer. Doch Ende der 70er-Jahre drehte er völlig durch. Ob es Drogen und Alkohol waren, die seine damalige Frau in die Flucht trieben, oder ob die Flucht seiner Frau ihn endgültig in die Verzweiflung trieb – Perry zündete sein Studio an und veranstaltete in den Ruinen obskure Rituale.

Das Schicksal wiederholt sich

Die Rettung kam aus Zürich. Mireille Rüegg, Reggae-Fan und im Langstrassenquartier als Domina höchst erfolgreich, fand Zugang zu Perry. «Der Himmel hat sie mir geschickt», meint der Künstler. Sie heirateten 1989 in einer Hare-Krishna-Zeremonie – und leben seit Jahrzehnten in Einsiedeln im Bannkreis von Schwarzer Madonna und Grossem Mythen.

Mireille hat es geschafft, zwei gemeinsame Kinder mit Perry grosszuziehen – und seine Kreativität auf das Studio in seiner Garage zu beschränken. Letztere brannte allerdings im Dezember ab – Perry hatte über Nacht eine Kerze brennen lassen. Es schien wie eine Wiederholung des Schicksals – obwohl er Drogen und Alkohol längst aufgegeben hat.

Eine neuere Aufnahme: «Panic in Babylon» vom gleichnamigen Album von 2004. Video: Duba Dub/Youtube

Perry lässt sich von solchen Rückschlägen nicht bremsen. Er produziert weiter Unmengen an Musik und gibt Konzerte. Der Londoner «Guardian» war von seinen «eintönigen Improvisationen» und seiner «mystischen Dub-Magie» letzte Woche wenig überzeugt. Egal. Lee Perry wurde am Sonntag 80 Jahre alt. «Ich bin ein alter Mann», sagte er dem TV-Sender Channel 4. «Aber ich werde nie alt.» Dazu lachte er, sang ein paar Zeilen und hielt einen glitzernden Spiegel in die Kamera.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.03.2016, 16:46 Uhr)

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