Der ewige Young Boy

Justin Bieber hat im dürftig gefüllten Stade de Suisse seine Mannswerdung zur grossen Pop-Show gemacht. Die Reaktion darauf war ohrenbetäubend.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Bühnenmanöver dauert circa eine Minute und wird bejubelt, als habe gerade jemand den ewigen Weltfrieden ausgerufen: Der Bub gleitet geschmeidig mittels einer Hebebühne ins Stadion. Dazu singt er den Opener seines neuen Albums – Liebesbeschwörungen in einem liebesfeindlichen Setting. Er wird wiederholt mittels hydraulischer Bühnenelemente in die Höhe gehoben, ohne dass sich in der Höhe an seinem Gebaren irgendetwas ändern würde, er wird von der Bühne verschluckt und wieder ausgespuckt, ein Auf und Ab ist das, als wolle da einer das schiere Leben nachstellen.

Und bald fährt der Bub die Tanzbeine aus und beklagt zu den Henniez-aufschäumenden Bässen des etwas aus der Mode gekommenen Produzenten Skrillex eine enttäuschte Liebelei.

Es ist eigentlich egal, was er tut. Jede seiner Handlungen hat die gellende Wohlwollensbekundung seiner begeisterungsgeneigten Anhängerschaft zur Folge. Eine kleine Geste mit dem Finger, ein Stampfen auf den Bühnenboden, ein eingespieltes Sample aus der Tiefton-Library, demonstratives Garnichtstun und schon ist das Stadion in Ekstase. Und wenn er seinen charmantesten Bieberblick aufsetzt, dann verlieren die ersten Besucherinnen auch noch den letzten Rest ihres Bewusstseins. Sie müssen den Sanitätern zur Überwachung übergeben werden.

Der Bub, der diese Gefühlsaufwallungen im bloss etwas mehr als halb vollen Stade de Suisse verursacht, heisst Justin Bieber, ist 23-jährig, stammt aus dem lauschigen, aber etwas langweiligen kanadischen Nest London Ontario und tut neben dem Platz gerade einiges dafür, nicht mehr als Bub wahrgenommen zu werden. Er trägt mittlerweile mehr Tattoos an seinem Körper als ein durchschnittliches Ehrenmitglied eines Rocker-Clubs, und die Schlagzeilen, die er produziert, sind seit längerem nicht so günstig.

Er soll an illegalen Autorennen teilgenommen, seine Nachbarn mit Eiern beworfen, seinen kranken Hund verschenkt und seine Fans verunglimpft haben. Dinge, die eher nicht tut, wer sich unbedingt bei der Jugend einschmeicheln möchte (vor allem die Sache mit dem Hund kam gar nicht gut an). Ausserdem soll er drogensüchtig sein, wobei sich sein Rauschgift-Cocktail laut gut unterrichteten Quellen aus Hustensaft, Limonade und Bonbons zusammensetzen soll.

Hysterie und Schnappatmung

Was vor noch nicht einmal zehn Jahren mit härzigen Youtube-Filmen begann, auf welchen Klein-Justin mit seinem hohen Kinderstimmchen bekannte Poplieder interpretierte, wurde bald von geschäftssinnigen Platten-Managern zum Massenphänomen für die Kinderzimmer-Generation emporgezüchtet. Der liebäugige Bieber trällerte in der Folge Lieder, durch welche bunte Herzchen und elektronische Beats segelten, die Girls waren begeistert, die Jungs etwas weniger. Seither sind Hysterie und Schnappatmung an der Tagesordnung, wenn Bieber irgendwo auf Menschen trifft, sei es im Coop-Pronto im Breitenrain oder an irgendwelchen sonderbaren Locations in Graubünden.

Video – der Superstar kommt im Helikopter:

Fans rennen aufgeregt umher, als ihr Idol Justin Bieber zum schwarzen Van marschiert. Video: Leser-Reporter

Doch es scheint, dass Massenhysterie und übergriffige Musikfreundinnen das Nervenkostüm des schmächtigen Mächtigen ein bisschen zu strapazieren scheinen. Denn mit Erreichen der Geschlechtsreife und des Stimmbruchs vor etwa vier Jahren mochte Justin Bieber nicht mehr härzig, sondern cool sein, einigte sich aber wohl mit seiner Plattenfirma auf einen karrierebewahrenden Mittelweg. So folgen auf Teenie-Beschimpfungen sofort mediale Beschwichtigungen.

Und so wurden für sein aktuelles Album «Purpose», das im Wesentlichen der Tonspur seines Berner Konzerts entspricht, neben der einst recht honorigen Bass-Music-Obrigkeit Diplo auch ein Heer bewährter Produzenten des Plastik-Pop-Establishments ins Studio geladen. Leute, welche die Katy Perrys, Ed Sheerans oder Rihannas dieser Welt schon mit Hits beliefert haben.

Cool und härzig

Deren Arbeiten schlenzen jetzt phonstark aus der Grossanlage des Stade de Suisse. Sie werden von einer nicht näher vorgestellten Band untermalt, die temporär auch vor ausufernden Art-Rock-Gitarrensoli nicht zurückschreckt, wobei die Gesangsspur von Herrn Bieber meist schön mitläuft. Da dieser in letzter Zeit ein fast schon punkiges Verhältnis zu seiner Halbplayback-Show entwickelt hat und sich das Mikrofon nur so nach Lust und Laune vor den Mund hielt, hat ihn das Management neuerdings mit einem Head-Set ausgerüstet. Da fällt seine mimische Wankelmütigkeit etwas weniger auf.

Mehr Live-Gesang gibts deswegen nicht. Dabei hätte er das ganze ja gar nicht nötig. Irgendwann wird ihm für den Balladen-Part ein rotes Kuschelsofa auf die Bühne gekarrt, welches ­Bieber aber umgehend wieder entfernen lässt. Er werde sonst fett.

Trotzdem zeigt die darauffolgende kleine Livemusik-Intervention mit akustischer Gitarre und Naturalstimme, was für ein tontrefflicher Sänger er doch eigentlich wäre. Angestimmt wird unter andrem seine Major-Lazer-Kooperation «Cold Water» (ohne den ganzen Reggaeton-Schnickschnack). Ganz lauschig ist das, fast so wie früher auf seinem Youtube-Kanal. Aber eben mit Stimmbruch und schreienden Fans um die technisch etwas lädierte Holzgitarre.

Und der ganze Rest? Der klingt so, wie es so klingt, wenn man sich mit einer Plattenfirma auf den Mittelweg zwischen Coolness und Härzigkeit einigt. Neuzeitlicher Mid-Tempo-Unterhaltungspop, mit Gefühlen aufgeladen, die so konfus sind wie der Hormonhaushalt einer pubertierenden 14-Jährigen. Es wird gesehnt, geliebt und verlassen, dass man bald nicht mehr weiss, wo einem das Herz steht. Es ist das öffentliche Tagebuch einer komplizierten, weil stets exponierten Mannswerdung.

Der Sparteufel

Das Schöne ist: In der Welt des Justin ­Bieber ist eigentlich immer etwas los. Mittlerweilen hat er sich – thematisch nicht ganz unpassend – ein Young-Boys-Trikot übergestreift (Rückennummer 10). Es stürmen Tänzerinnen aus dem Nichts auf die Bühnenbretter, während dahinter Atombomben explodieren, und die LED-Wand blinkt in allen Farben der Welt. Und irgendwann wird dem Hauptdarsteller ein Schlagzeug zur Verfügung gestellt zwecks (gar nicht mal so gutem) Solo.

Andere Features der bereits seit über einem Jahr laufenden «Purpose»-Tour kriegt Bern indes nicht zu sehen. Kein Grosstrampolin, keine Freiluftdusche – es scheint, dass der Sparteufel auch vor einem Bieber nicht haltmacht.

Ansonsten scheint er ganz okay drauf zu sein. Er plaudert süss mit den Kinderchen, die auf der Bühne mittanzen dürfen, oder zerrt unvermittelt irgendwelche Kumpels ins Rampenlicht. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen er lustlos über die Bühne stolperte, als sei er von seinen Erziehungsberechtigten in eine Choreografietanztruppe geschubst worden und versuche bloss, die Sache ohne Gesichtsverlust hinter sich zu bringen. Das ist ein netter Zug. Viel mehr aber auch nicht. (Der Bund)

Erstellt: 15.06.2017, 22:59 Uhr

Artikel zum Thema

Sieben Fakten über den Bieber

Stars & Styles Justin Bieber singt am Donnerstagabend im Stade de Suisse. Wer das ist? Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat Hintergrundinformationen herausgesucht und eingeordnet. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Sponsored

Ein Hauch Kalifornien in der Westschweiz

Lausanne wird immer wieder mit San Francisco verglichen. Was daran stimmt, sagt Yves Béhar, Designer des 100-Dollar-Laptops.

Kommentare

Blogs

Mamablog 20 Spielideen für den Strand
Blog Mag Essen als Kult
Politblog Barbaren unter uns

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen. Flexibel und jederzeit kündbar
Neu nur CHF 18.- pro Monat

Die Welt in Bildern

Erinnert an einen Pizzaiolo: Auf riesigen Tellern lässt diese Frau in der chinesischen Provinz Jiangxi Chilischoten, Spargelbohnen und Chrysanthemum-Blüten an der Sonne trocknen. (21. Juli 2017)
Mehr...