Der Gestank von Yr Hen Ogledd

Der Folksänger Richard Dawson reist mit seiner neuen Platte «Peasant» ins britische Mittelalter zurück – und findet moderne Menschen, die aus ihrer Realität flüchten.

Singt von Figuren, die dem Dreck nicht entkommen: Richard Dawson. Foto: K. Ryniewicz

Singt von Figuren, die dem Dreck nicht entkommen: Richard Dawson. Foto: K. Ryniewicz

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Europa war in Aufruhr, 1968, als Donovan vor der schottischen Küste drei abgelegene Inselchen kaufte. Es gab darauf ein paar zerfallene Hirtenhäuschen und sonst nichts, doch der Folksänger aus Glasgow hatte die Idee, dort mit anderen Musikern und Künstlern eine Kommune zu gründen; an einem Ort, wie er sagte, «an dem das 20. Jahrhundert nie existiert hat». In der Stadt- und Weltflucht von Donovan zeigt sich das Kernthema der britischen Folkmusik. Anders als die amerikanische, die ein reales Land und eine reale Historie abbildet, zielte sie auf eine verschwundene, verwunschene Welt, in «geheime Gärten, Wunderländer und verlorene Paradiese», wie es Rob Young in «Electric Eden» formulierte, seinem 2010 erschienenen Standardwerk über den britischen Folk.

Richard Dawson - Weaver. Quelle: Youtube/ Domino Recording Co.

So gesehen, folgt Richard Dawson, dieser kuriose Liedermacher aus dem nordenglischen Newcastle upon Tyne, nur dem Kanon, wenn er sein neues, sechstes Album in Bryneich ansiedelt. Das Königreich existierte zwischen 500 und 700 nach Christus in jenem alten Norden von England, den Historiker und Mittelalterfans auch als Yr Hen ­Ogledd bezeichnen. Auch Dawson ­marschiert also auf dem «Ancient Highway» (Van Morrison) zurück in eine Zeit, bevor die Christen die alten Riten und Mythen überschrieben, bevor die industrielle Revolution die Menschen von der Scholle holte und zwei Weltkriege die Britischen Inseln aus ihrer «Splendid ­Isolation» bös erwachen liessen.

Es ist kalt im Auenland

Wo Rob Young den britischen Folk nicht als einen Stil beschrieben hat, sondern als eine Fantasmagorie über ein naturnahes, von Gnomen, Prinzen und Druiden bevölkertes Ur-Britannien, da hat Richard Dawson entschieden etwas anderes im Sinn: Er entführt seine Hörer zwar ebenfalls in die Vergangenheit, doch findet er dort anders als weiland die Incredible String Band oder Fairport Convention kein psychedelisch aufgerüschtes Albion oder Auenland. Sondern schon in der zweiten Zeile seiner Platte eine schlammige Flussbeuge, in der die Leute ein paar Häuschen gebaut haben, die vom Lehm und Schafsmist zusammengehalten und vom beissend brennenden Torf gewärmt werden.

Richard Dawson - The Vile Stuff. Quelle: Youtube/ Weird World

Dass es vor dem 20. Jahrhundert kalt und dreckig war in Britannien, hatte 1968 schon Donovan erfahren müssen: Der vom Atlantik hereinkommende Regen vertrieb den Popstar von seinen Inseln schon bald in ein wärmeres Exil – nach Los Angeles. Auch in der Musik von Richard Dawson, in den neun Songs und zwei Zwischenspielen von «Peasant», hat die Vergangenheit nichts Romantisches. Schon in jenem armseligen Häuserhaufen in Bryneich, aus dem der Sänger in «Ogre» berichtet, erwachen die Leute in eiskalten Betten, um sich an verschmiertem Werkzeug durch den Tag zu plagen und dann festzustellen, dass der zurückgebliebene Junge des Töpfers zuletzt im Dinkelfeld gesehen wurde und seither verschwunden ist.

Richard Dawson - Ogre. Quelle: Youtube/ Domino Recording Co.

In anderen seiner erbarmungslosen Miniaturen porträtiert Richard Dawson den Weber, den Schreiner, den Bettler oder die Hure seines imaginären Dörfchens. Für den Song «Weaver» hat er eine zeitgenössische Rezeptur für Färbemittel recherchiert, in «Hob» referiert er einen alten Aberglauben, in dem ein todkrankes Kind zum Kobold getragen und zum Preis seiner Seele prompt geheilt wird. Andere seiner Figuren wirken dagegen fast schon modern: der Soldat, der «richtig Schiss hat» vor der Schlacht, die auf den nächsten Morgen anberaumt ist. Die Masseuse, die einem Priester den magischen Stein raubt, der ewige Schönheit verleiht. Oder auch die Prostituierte, die sich keinen Reim mehr machen kann auf ihr Elend und ihre Gegenwart: «Es ist schwer zu erklären / Es passiert immer und immer wieder.»

Richard Dawson - Soldier. Quelle: Youtube/ Domino Recording Co.

Die Hure flieht, aus ihrem Dorf und aus ihrer Gegenwart. «Weg, weg / Durch den Dreck», singt Richard Dawson in «Shapeshifter» und macht klar: Seine Dörfler, das sind keine Folkies, die in die Geschichte flüchten konnten; es sind Folkfiguren, die noch im Davonlaufen dem Dreck nicht entkommen. Man kann das als die Denunziation einer eskapistischen Musiktradition hören. Oder auch politisch – als detailreiche Dekonstruktion der Erzählung von der alten, verlorenen Grösse, die sich eine Nation nur ganz fest ausmalen muss, um sie schon bald (wieder) erreichen zu können. Der kraftvolle, aber immer wieder auch wegbrechende Gesang von Richard Dawson wirkt dabei wie der einer alten, grotesken Folkfigur, die es besser weiss.

Der Riss in der Folkballade

In Interviews lässt Dawson politische Lesarten seiner Lieder immer wieder ins Leere laufen. Sicher scheint, dass er kein Traditionalist ist, vielleicht noch nicht einmal ein Folkie. Mindestens so sehr wie Gitarrenringel und Chants prägen Metal, indische Ritual- und westliche Drone-Musik seine Songs, und in seiner Band spielt mit Rhodri Davies ein Musiker die Harfe, der für seine Zusammenarbeit mit dem Noise- und Free-Gitarristen Derek Bailey bekannt ist. Zum ersten Mal breit wahrgenommen wurde Richard Dawson denn auch mit den langen, mäandernden Balladen von «No­thing Important» (2014). Zum aufgerissenen, verzerrten, teils auch verstimmten Wuchern der Saiten betrieb er da im Titelsong eine Familienaufstellung, und in «The Vile Stuff» sang er über eine Schulfete, an der ein (hochprozentiger) Geist aus der Colaflasche stieg – mit unheimlichen Folgen bis ins Heute.

Die Platte gehört zu den eigentümlichsten, aber auch betörendsten Folk­entwürfen der jüngeren Vergangenheit. Im Vergleich wirken die neuen Songs begradigt und melodiös. Doch bei aller tänzerischen Leichtigkeit, die sie entwickeln, klingen auch sie krumm und seltsam mit ihren metallisch rasselnden Gitarren, mit ihrem surrealen Flimmern der Harfe, mit ihren knochigen Rhythmen. «Peasant» ist ein faszinierendes Folkdickicht, aus dem es ächzt, pfeift, knirscht und lacht, rumpelt, wispert, sirrt und heult. Und fast glaubt man auch die Stimme von John Lennon zu hören, wie er 1970 die britischen Hippies verhöhnte: «Du denkst, du bist so clever und klassenlos und frei / Aber so, wie ich das sehe, bist du immer noch ein verdammter Bauer.»

Richard Dawson: Peasant (Irascible) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2017, 18:40 Uhr

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