Die Unendlichkeit zu nur 39 Franken

Brian Eno hat sich für sein neues Album «Reflection» einen Clou einfallen lassen – eine App, mit der die Komposition unendlich lang gehört werden kann.

Wandelt auf der Grenze zwischen grossem Ernst und grosser Lächerlichkeit: Brian Eno.

Wandelt auf der Grenze zwischen grossem Ernst und grosser Lächerlichkeit: Brian Eno. Bild: Getty Images

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Brian Eno hat sich selbst nie als Musiker bezeichnet. Er kommt aus reichem Haus, hat Ambient Musik erfunden, war in unzählige Kollaborationen verwickelt und hat dabei stilprägende Alben (Roxy Music, Talking Heads, John Cale, Devo) mitgestaltet. Gegenwärtig produziert er viel entsetzliche Musik von entsetzlichen Bands (U2, Coldplay), ist aber seit einigen Studioalben auch beim Label Warp.

Ebenda ist am Neujahrstag sein neues Album erschienen, «Reflection», das genau genommen gar kein Album ist, sondern eine von vielen möglichen Fassungen eines Albums.

Denn zu «Reflection» gehört eine App, mit der die Komposition unendlich lang gehört werden kann, während sie sich durch Algorithmen mit der Tageszeit verändert. Peter Chilvers, mit dem Eno an der App gearbeitet hat, erklärt das so: «Die Harmonie ist am Morgen heller, verwandelt sich über den Nachmittag, bis sie am Abend die ursprüngliche Tonart erreicht. Wenn die Morgenstunden beginnen, dünnen neu eingeführte Bedingungen die Noten aus und verlangsamen alles.»

Die App kostet im App Store 39 Franken, was ein guter Preis für die Unendlichkeit ist.

Nun ist Ambient an sich ein Genre, das ein Problem mit sich als Genre hat. Einerseits ist es sicherlich eine der abstraktesten, künstlerischsten Musikgattungen und wird oft so hochtrabend wie möglich rezipiert. (Das «Slant Magazine» schreibt über Enos neues Album: «Dies ist Musik, die nie dieselbe ist, aber so klingt als ob, besessen von der Tatsache, dass sie es nicht ist.» Genau.)

Effekte auf die menschliche Psyche sind unbestritten

Andererseits ist da leider immer diese Spa- und Wellness-Assoziation. So ist der erste Eindruck, den «Reflection» hinterlässt, der von grosser Schönheit - und leichtem Seifenduft, soliden 30 Grad, wie oft sie hier wohl die Bademäntel waschen?

Die Grenze zwischen grossem Ernst und grosser Lächerlichkeit, Erhabenheit und Komik ist eine feine, eine der Zeit und des Betrachters. Man bedenke, es ist ein Eno-Album. Der Mann heisst mit bürgerlichem Namen «Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno». Salzaufguss?

Indes, die Effekte von Musik auf die menschliche Psyche sind unbestritten. Jüngst haben Neurowissenschaftler des britischen Mindlab International Songs untersucht, die Angst lindern. Der beruhigendste Song, «Weightless», führte zu einer 65-prozentigen Reduktion der Angstgefühle des Hörers.

«Etwas Sonnenlicht-durch-Fensterglas-Haftes»

«Reflection» käme auf schätzungsweise 30 Prozent. Das Album klingt exakt so, wie man sich vorstellen würde, dass es klingt. Ein einzelner Track, dessen Anfang und Ende auch anderswo als bei Sekunde null und Minute 54 sein könnte. Warm und gläsern zugleich.

Der berühmte Musikkritiker Lester Bangs schrieb einmal über Enos «Music for Airports»: «Wie vieles von Enos Ambient hat die Music etwas Kristallines, etwas Sonnenlicht-durch-Fensterglas-Haftes, die sie hypnotisierend macht, sogar, wenn man nur halb zuhört. Ich lauschte eine Weile, halb zuhörend, halb tagträumend, als etwas Merkwürdiges geschah: Ich begann, an etwas zu denken, das es nicht gibt. Ich erinnerte mich sehr klar an eine Unterhaltung mit Charles Mingus, an den Raum, in dem wir sie führten, und die Dinge, die er mir sagte - nur, dass ich in Wirklichkeit nie da gewesen war und die Unterhaltung nie stattgefunden hatte.» Diese Art Musik.

Es ist eine alte Theorie Enos, dass es in der Musik eigentlich keine Wiederholung gibt - dass es für das Gehirn, selbst wenn es etwas zweimal hört, nie zweimal dasselbe ist.

Anfangs fordernd und ungewöhnlich, um dann fast Design zu werden Eno hat seit den Achtzigern Videokunst gemacht, gleichfalls seine Idee von sich generativ erschaffender, audiovisueller Kunst vorantreibend, die oft ausschliesslich in einem Kunstkontext veröffentlicht wurde. Seine Musik war anfangs fordernd und ungewöhnlich, um dann fast Design zu werden. Eine anfängliche edgyness ging in eine funktionsunterworfene Handwerklichkeit über.

Aber Eno hat schon immer gern auch Klischees bedient. Viele seiner Kunstwerke funktionieren als Projektionsfläche. Sie sind wie Bilder, die der Hörer in der zeitlichen Abfolge ihrer Komposition betreten kann.

Oft standen - wie bei «Reflection» - Konzepte als Grundidee am Anfang. «Reflection» ist damit das Album, in dem er seiner Vision aufgrund der fortschreitenden technischen Möglichkeiten näher kommt als je zuvor.

(«Süddeutsche Zeitung») (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2017, 14:00 Uhr

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