Geltungsdrang und Selbstzweifel

Der US-Rapper George Watsky hat ein Buch mit Geschichten über das Erwachsenwerden geschrieben. Am Montag beginnt Tagesanzeiger.ch/Newsnet mit dem Vorabdruck einiger Storys.

George Watskys Leben ist ein Kampf: Gegen den Feind, die Zahnspange oder um Aufmerksamkeit. Foto: Eleanor Stills

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Hier ist ein Rapper, der sich nicht über seine Goldzähne definiert, sondern über seine Zahnspange. George Watsky hat es beschrieben, wie ihn die Eltern einst mit der «grossartigen Neuigkeit» überraschten, ein Metallgestell tragen zu dürfen, über den Überbiss gespannt und mit Gummis an die hinteren Backenzähne gezurrt. Um die Demütigung und überhaupt seine Unsicherheit zu kompensieren, «wurde ich laut. Ich versuchte, den Spott zu neutralisieren, indem ich mich exponierte, ich drängte mich in jede Stille, aus Angst, dass jemand anders sie mit einer Beleidigung füllen könnte.»

Das schreibt Watsky in «Fa kiu», einer von 13 Kurzgeschichten, die er 2016 unter dem Titel «How to Ruin Every­thing» veröffentlicht und mit denen er es auf die Bestsellerliste der «New York Times» geschafft hat. Ende August erscheinen die Storys auch auf Deutsch, doch schon ab Montag sind bis zum Ende der Sommerferien Auszüge aus «Wie man es vermasselt» in täglicher Folge zu lesen. Das Buch ist eine frühe Autobiografie des 30-Jährigen aus San Francisco, der es zunächst als Poetry-Slammer, dann als Rapper in den USA zu Popularität gebracht hat.

Erlesen kann man sich auf gut 330 Seiten das Coming of Age eines Rappers aus dem weissen, liberalen Bildungsmilieu, in anekdotischen Portionen und selbstironischem Tonfall. So erfährt man, dass eine Gangsta-Laufbahn auch aus einem kuriosen Elfenbeinschmuggel bestehen kann oder aus dem Lenken des Bandbusses ohne den nötigen Führerschein. George Watsky ist also kein Eminem, der den Zugang zum Rap über die Strasse gefunden hat. «Das ist nicht mein Leben», sagt er im Interview, das der «Tages-Anzeiger» mit ihm auf seiner laufenden US-Tournee per Mail führte.

Seine Songs sind, mal abgesehen vom atemraubenden Tempo seiner Raps, recht poppig; man hört darin auch mal ein Spinett oder eine Folkgitarre. Als er in «Love Letters», einem Stück vom letztjährigen Album «x Infinity», über seine Einflüsse rappt, erwähnt er nebst Eminem oder Kendrick Lamar auch die Namen von Bob Dylan, Emily Dickinson oder Seneca. Nun, das ist auch Hip-Hop – mit dem zu prahlen, was man hat, und sei es auch nur eine anständige Bildung. Man kann das auch unironisch verstehen: Es zeigt nämlich, wie Watsky zwar einen ganz eigenen Ausdruck gefunden hat im Rap, wie er dessen Kernideen aber begeistert aufnimmt. So die Idee, mit den schnell gesprochenen Worten zu kämpfen. Um politische Ideen, gegen den Feind (die Zahnspange) oder auch nur um ein bisschen Aufmerksamkeit. Dieser sportive Ansatz war Watsky schon aus der Slam-Szene vertraut.

Später nahm er mit seinem Youtubefilmchen «Pale Kid Raps Fast» belustigt die Verwunderung vorweg, dass ein bleicher Sonderling wie er so schnell rappen kann. Das Video ging viral und etablierte ihn mitsamt seinem nerdigen Humor und seinen beeindruckenden Skills. Mehrere Anwärter versuchten dann auf Youtube, das Stück – noch schneller – zu covern. Das Motiv des Battle Rap kehrt im Video zum neueren Song «Midnight Heart» zurück: Zwei Boxer stehen sich gegenüber, schlagen und rappen aufeinander ein. Schweiss fliegt, Lippen platzen. Der Kampf ist aber auch eine Choreografie, und wie in «Beat It» von Michael Jackson ist der Schlagabtausch eine Kunstform (und umgekehrt).

In «Don’t Be Nice» sind es dann viele George Watskys, die rappend antreten, und wie beim schwarzen Hip-Hop-Star Kendrick Lamar öffnet sich die Arena auch hier für den Match eines nicht sehr selbstbewussten Wortdrechslers gegen sich selbst, seine Unsicherheit, die Abhängigkeit vom Epilepsie-Medikament oder das Gefühl, eine sinnlose Existenz zu führen. «You get up in the morning / Get ahead then get to bed / And then you do it all again / Until the moment that you drop», rappt Watsky in «Talking to Myself». Darum: «You need a plot.»

Das Making-of zur Musik

Man könnte sagen, mit seiner Storysammlung liefere Watsky ihn nun, den Plot zu seinen fünf Alben. Wo in seinen Songs verrückte Wortspielereien und autobiografische Zeilen durcheinanderschiessen, Sottisen zur Rapkultur und politisch explizite Zeilen über Waffen­gewalt, Homophobie oder die US-Präsidentschaft: Da liefern seine Storys das biografisch grundierte Making-of. Man steht mit Watsky vor dem Schulrektor, kniet mit ihm vor der WC-Schüssel und fährt im Bandbus zum Auftritt ins «Fillmore» in San Francisco. Und man lernt, was es heisst, jeden Abend vor einem Publikum zu erscheinen, von dem man nicht weiss, ob es aus drei oder aus tausend Leuten bestehen wird.

«Jeder Auftritt hat das Potenzial, einen grössenwahnsinnig werden oder in Selbstzweifeln versinken zu lassen», schreibt Watsky in «Heute Abend schon was vor?», und: «Mal hat man das Gefühl, durch die eigene Energie mit allen Wesen auf diesem Planeten verbunden zu sein, mal ist es eher so, als wäre man von allem abgeschnitten.» Als Rap, in «Tiny Glowing Screens, Pt. 3», klingt das so: «Some days I throw my hands up like this shit right here is hopeless / But today I throw my hands up like this shit right here’s the dopest.» An guten Tagen ist so ein Rapper unschlagbar.


Gewinnen Sie Konzerttickets inklusive Meet & Greet mit Watsky

Der Tages-Anzeiger verlost für das Openair Gampel 2 x 2 Tagespässe für Samstag, 19. August 2017 im Wert von je CHF 99.- inklusive Meet & Greet mit Watsky. Der Auftritt des Rappers Watsky beginnt 15.30 Uhr auf der White Stage.

So nehmen Sie teil: Senden Sie eine E-Mail an wettbewerb@tagesanzeiger.ch und teilen Sie uns Ihren Namen und Ihre Adresse unter dem Kennwort "Watsky" mit. Die Gewinner werden per Mail benachrichtigt.

Teilnahmeschluss: Sonntag, 16. Juli 2017, 24.00 Uhr

Teilnahmebedingungen: Die Gewinner werden ausgelost und schriftlich benachrichtigt. Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mitarbeiter von Tamedia AG und deren Partner sind nicht teilnahmeberechtigt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2017, 19:39 Uhr

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