Punk in Zeiten des Brexit

Dieser «Kotzdrang» knallt: Bands wie die Idles und die Sleaford Mods schreiben stinksaure Songs über die soziale Stimmung auf der Insel.

Wollen «beängstigend und unterhaltsam» sein: Die fünf Musiker von Idles schreien sich Wut und Frust aus der Seele. Foto: Mark Brent

Wollen «beängstigend und unterhaltsam» sein: Die fünf Musiker von Idles schreien sich Wut und Frust aus der Seele. Foto: Mark Brent

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Die beste Art, eingängige Musik zu machen, war noch immer, die Türe einzutreten. In diesem Sinne, also in der Wahl ihrer Waffen, sind die Idles derzeit eine der eingängigsten Bands in Grossbritannien. Die fünf Musiker aus Bristol spielen einen impertinenten, über scharfe Gitarrenkanten gedrückten Punk, und wer nicht freiwillig kapituliert, wird überrannt. Sie wollen «beängstigend und unterhaltsam» sein, schreiben sie in ihrer Bandbio, und von «konziser Gewalt». Gerade ist das erste Album erschienen. Es heisst «Brutalism» nach dem gleichnamigen Architekturstil, der harte Linien und rohe Materialien zeigte. Es ist ein passender Titel.

Nun, das alles ist beeindruckend, aber noch nicht besonders bemerkenswert. Es gibt nun mal viele versierte Punkbands, die auf ihrem Nostalgiezug zu den Frustrierten der Welt sprechen. Was die Idles von ihnen abhebt, hat (wie meist) mit drei Dingen zu tun – mit Kunst, Intelligenz und Humor. Zum Beispiel im Videoclip zu «Stendhal Syndrome», einer der ersten Singles des ­Debütalbums. Darin sehen wir, wie der Bassist Adam Devonshire durch Londoner Kunstmuseen zieht und albern vor Bildern und Skulpturen posiert. Und dazu bellt Joe Talbot: «Did you see that painting that Rothko did? / Looks like it was painted by a 2-year-old kid!»

Ist das Hochkultur?

Der Song verdankt seinen Titel dem Stendhal-Syndrom, einem psychosomatischen Affekt, der Menschen beim Anblick von Kunstwerken kollabieren lässt. Und wie Reaktionen in der Kommentarspalte von Youtube zeigen, werden die zwei Minuten und knapp zwanzig Sekunden dieses Songs tatsächlich schon mal für eine Verhöhnung der Hochkultur gehalten: Die Idee, wonach jeder Zweijährige ein Bild wie Mark Rothko malen kann, entspricht ja durchaus dem Do-it-yourself-Ethos des Punk. Nur, dafür ist der Song viel zu gut. Die Idles hauen ihren Punk in gemeisselten Artefakten raus – mit kaltem, brutalistischem Punch von Bass und Schlagzeug, mit rhythmischen Stotterriffs von den Gitarren, mit immer wieder anders arrangierten, ungemein wirkungsvollen Schreigesängen im Hintergrund.

Und so wird aus «Stendhal Syndrome», erst recht in Verbindung mit dem fröhlichen Agitprop des Videoclips, ein so lustiges wie bitter ernstes Stück über den dumpfen Hass auf Künstler und Intellektuelle – oder auch auf das, was man die «Elite» nennt. Weil es Punk ist, klingen die Dumpfheit und der Hass noch an, und zwar in aller gebotenen Lautstärke. «Nausea!», schreit Joe Talbot immer wieder, «Kotzdrang!». Und klar wird: Er meint nicht die Kunst an den Museumswänden, er meint die miese Stimmung, die Grossbritannien schon vor, aber erst recht seit der Abstimmung über den Brexit erfasst hat.

Nihilistische politische Energie

Wie erstaunlich gut Punk die Lage derzeit wieder erfasst, zeigt auch das neue Album der Sleaford Mods aus Nottingham. Das Duo ist alt genug, um sich noch an den Punkrock unter der rechten Regierung von Maggie Thatcher zu erinnern. Punk klingt bei ihm immer noch nach Wut und armer Kunst, aber auch nach dem 21. Jahrhundert: Zu Billigbeats und schrundigen Samples, die Andrew Fearn aus dem Laptop fingert, setzt Jason Williamson zu halb gesprochenen, halb gesungenen Tiraden gegen die Mächtigen an: «We should take the house and fuck them / Why not / They wanna kill people who ain’t got a lot.»

Das klingt nun auf irritierende Weise nach genau der irrlichternden Wutrede von unten, nach genau dem Gesang der Trolle, der den Brexit ermöglicht und zahlreiche politische Karrieren von rechts, von Theresa May bis Donald Trump befeuert hat. Die Sleaford Mods wie auch die Idles greifen auf das historische Kapital der Punks zurück, um diese tobende, ja nihilistische politische Energie aufzuführen und in hoher Intensität abzubrennen. In Interviews lassen beide Bands dabei keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie links stehen und die Politik des Labour-Chefs Jeremy Corbyn unterstützen.

Pöbelnd, aber immer stilsicher: Die Sleaford Mods. Foto: Roger Sargent

Ihre Musik ist aber auch darum stark, weil man das nicht hört; weil sie keine Parteiprogramme deklamiert, sondern den Frust und die Wut. Bei beiläufigem Hören kann man diese Songs darum schon mal missverstehen, nicht zuletzt, weil diese Musiker ihr Testosteron nicht gerade sparsam versprühen. Wer aber genau hinhört, wird zwei Bands kennenlernen, die zwar randalieren, die in ihren Texten aber auch – durchaus nuanciert – die soziale Frage stellen. Ihr Hohn, ihr Humor und ihre Fäkalsprache richten sich nie gegen Einwanderer, Arbeiterinnen, Künstler oder Studierte. Vielmehr gegen eine Politik, die sich um die Chancengleichheit foutiert, die Bildung und medizinische Versorgung abklemmt. Diese Songs sind ein Protest von links, in dem das Geheul von rechts mitlärmt. Das macht sie unheimlich, aber auch gegenwärtig und wahr.

Und mehr kann man von Popmusik nicht verlangen. Auch diese heutigen Punkerben formulieren auf ihren Platten keine Zukunft. Die Kunstform der Sleaford Mods, das ist der ungebremste, virtuose, immer wieder hochnotkomische Rant; und den führen sie auf dem neuen Album pöbelnd und stilsicher weiter. Sie wettern gegen schlechten Pop, gegen neue Feudalisten und das Fernsehen in den Pubs, vor dem die Trinker noch mehr verstumpfen als von den Pints. Und sie zeichnen in «Drayton Manor» das traurigste Bild, das sich für das soziale Gefüge in Grossbritannien finden lässt: Die Menschen seien wie die Linien auf dem U-Bahn-Plan, die sich da und dort stumm kreuzen.

Auch diese Punkerben formulieren auf ihren Platten keine Zukunft.

Die Idles sind deutlich organisierter. Die Band, die das «Üben» als ihre einzige «Religion» bezeichnet hat, arbeitet gewissermassen in Themensongs und bringt jeweils einen Aspekt der allgemeinen Misere in einem Sperrfeuer aus Gitarrenriffs und Singalongs auf den Punkt. Refrains haben oft nur eine einzige, leicht einzusehende Zeile: «Queens! Stop taking photos of yourself!», heisst es dann (in «Queens», einem Song über die sozialen Medien), «Divide and Conquer!» (im gleichnamigen Lied über die Privatisierung der Gesundheitsversorgung) oder «The best way to scare a Tory is to read and get rich!» (in «Mother», das von den lausigen Jobs handelt, die Mütter so machen, um ihre Kinder irgendwie durchzubringen).

Lustig und ernst zugleich

Wie Fallbeile lässt Joe Talbot solche Refrains sausen – um sie dann mit populistischer Penetranz zu repetieren und von der Band in die Köpfe und Körper der Hörer einprügeln zu lassen. Einer seiner brillantesten Momente kommt in «Well Done», wo er alle Erwartungen zurückweist, mit denen ein junger Brite aus Bristol konfrontiert ist. «Warum suchst du dir keinen Job?», heisst es etwa, oder: «Warum magst du keinen Reggae? Schon Tarquinius (ein römischer Kaiser, Red.) hatte einen Job und mochte Reggae, und auch Mary Berry (eine britische Fernsehköchin, Red.) hat einen Job und mag Reggae.» Worauf der Sänger die grotesken Mahnworte endlich kontert: «Lieber schneide ich mir meine Nase ab, um mir ins Gesicht spucken zu können!»

Das ist viel zu lustig, als dass irgendein Hörer dabei von sich selbst, von seiner Wut oder Frustration ergriffen sein könnte. Und es ist viel zu ernst, als dass zu diesem Song, wie Mitschnitte auf Youtube zeigen, die schweissnassen Menschenmengen in den Clubs nicht ­augenblicklich explodieren würden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2017, 13:49 Uhr

Album und Konzerte

Sleaford Mods: English Tapas (Rough Trade / MV); Konzerte: 11.5., Salzhaus Winterthur; 26.5., Südpol Luzern.

Album

Idles: Brutalism (Balley Records).

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