Der entschlossenste Strassenmusiker der Welt

Ed Sheeran zog am Sonntagabend ein ausverkauftes Hallenstadion mit treuherzigem Storytelling in seinen Bann.

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Er zieht das alleine durch. Keine Band, keine Warterei, keine Pausen. Nur Musik, nur nahbare Songs, nur Hits: Ed Sheeran, 26, britischer Superstar mit Normalo-Attitüde, entert am Sonntagabend um 19:59 Uhr die Bühne und legt los als gälte es keine Zeit zu verlieren. Als gälte es mit der ersten Note jegliche Distanz zwischen Publikum und Künstler abzubauen.

Ed Sheeran ist ein Superstar – und er ist es auch deswegen, weil er eben so unmittelbar, so eifrig und so hemdsärmelig Musik macht. Schnell ist das T-Shirt verschwitzt, schnell kleben ihm die Haarsträhnen auf der Stirn. Egal, er macht einfach weiter. Er ist der entschlossenste Strassenmusiker der Welt, könnte man sagen.

Allein mit seiner Stimme, seine Gitarre und seinem Loopgerät unterhält er während knapp hundert Minuten das Menschenmeer vor ihm. 14'000 sind gekommen, um ihn zu hören – und es wären noch viel mehr gewesen, hätte man sie denn reingelassen. Viele Paare sind hier, viele weibliche Fans in Gruppen. Einige singen, ganz versunken in der Musik, leise für sich mit. Für sie scheint die Musik des Briten etwas fast Heiliges zu haben. Sie kennen auch die neuen Songs, erschienen Anfang März auf seinem dritten Album «÷» (ausgesprochen «Divide»), schon aus dem Effeff, singen unaufgefordert mit, klatschen mit, fiebern mit.

Shape of you:

Ed Sheeran bedankt sich in artigen Ansagen, spricht von seiner einjährigen Auszeit, in der er die Bühne vermisst habe. Spricht davon, was für ein wahnsinniges Gefühl das sei, dass die Musik, die er früher in der elterlichen Küche gemacht habe, nun ein Millionenpublikum erreiche. Starallüren kennt er nicht. Und wenn, dann zeigt er sie zumindest auf der Bühne nicht. Er spielt einfach, spielt und spielt und spielt. Ein Hit nach dem anderen, zusammengebaut am Loopgerät. Schicht um Schicht, Spur um Spur. Keiner verkopft, keiner überfrachtet. Keine schlechte Taktik: Wenn man im Vornherein weiss, dass man die Songs alleine mit einem Loopgerät umzusetzen wird, lässt man beim Komponieren alles Unnötige weg. Überhaupt ist das Sheerans grosse Stärke: Die Unmittelbarkeit.

Ein Konzert wie in einer kleinen Bar

Er ist wie ein Stürmer, der jeden Steilpass wittert. Kein Wunder: Er spielt sie sich ja auch selber zu. Oft baut er schnell den Songs auf, klopft und schrammt das Fundament, singt dann noch etwas Background-Gesang ein, startet nach spätestens 30 Sekunden mit dem Gesangsteil, hüpft dann aber wenig später wie aus dem Nichts über die Monitorboxen vor ihm und steigt in eine Art Rap-Einlage ein. Sheeran liebt diese spontan wirkenden Showkniffe. Alles wirkt wie bei einem Konzert in einer kleinen Bar, bei dem der Performer mal eben auf den Tresen steigt und vom Singer-Songwritertum in Richtung Rap ausschert.

Castle on the Hill:

Alles bis auf die riesigen Bildschirme, die sein verschwitztes Antlitz zeigen. Alles, bis auf das riesige Menschenmeer vor ihm. In Verlegenheit gerät er trotzdem nie. Das schaffen weder die Fans, die immer wieder «We love you!» rufen und Rosenblätter und Stofftiere nach vorne werfen, noch die fordernde Umsetzung seiner Songs. Beachtlich, wie nahtlos er von wohlkoloriertem Gesang zu Sprechgesang wechselt, beachtlich wie zart und kunstvoll er auch nach eineinhalb Stunden Solopower zu singen im Stande ist. Dazu bedient er das Loopgerät, addiert und subtrahiert, benutzt die Gitarre als Schlagzeug, Bass und manchmal auch als melodieführendes Instrument.

Auch der Ablauf ist clever orchestriert. Temporeiche Songs wechseln sich mit Balladen ab, irische Volkslieder mit bluesigen Klängen. Auf seinem neuen Album «÷» paart sich sein Singer-Songwritertum mit Anleihen aus der Clubmusik, mit Rap, mit grossen Refrains, mit Texten, die für jeden verständlich sind. Zum Stimmungshöhepunkt gerät sein sein grosser aktueller Hit «Shape of You» kurz vor Ende. Ein Song, der mit seiner Breakbeat-Anmutung und seiner Synthie-Begleitmelodie viel mehr wie ein aktueller elektronischer Clubtrack als wie handgemachte Musik eines Singer-Songwriters daherkommt. Auch der Refrain ist in seiner Einfachheit auf die Clubs und Radios zugeschnitten. Er lautet: «Oh-I, Oh-I, Oh-I, Oh-I/I’m in love with your body/Every day discovering something brand new/I’m in love with the shape of you».

Unerbittlich klopfen die Rhythmen

Leider fällt Sheerans Taktik die Einfühlsamkeit einer Band zum Opfer. Während er sicher durch seine Songs führt und die Tonspuren zur Dynamisierung mit dem linken Fuss immer wieder weg- und zuschaltet, dröhnen seine auf dem Gitarrenkorpus eingeklopften Rhythmen immer in der gleichen Lautstärke. Sie klingen unerbittlich und dumpf. Sobald er richtig Dramatik erzeugen will und dazu Spur auf Spur schichtet, lärmt es hinter seiner feinfühligen, immer wieder mühelos ins Falsett kletternden Stimme gewaltig. Daran leidet der Musikgenuss.

Für sein aktuelles Album arbeitete dafür unter anderem mit den Produzenten Benny Blanco und Steve Mac zusammen. Besonders Ersterer, der als ausführender Produzent des Albums agierte, versteht es meisterlich, aktuelle Einflüsse aus R&B, Hip-Hop und elektronischer Musik mit rundem Songwriting zu kombinieren und in Hits zu verwandeln. Er assistierte gleich bei neun Songs, darunter «Castle On The Hill», jener Geschichte, mit dem Ed Sheeran sein Konzert an diesem Sonntag beginnt. Darin erzählt er von seiner Jugend, vom Aufwachsen in der ländlichen Grafschaft Suffolk, von handgerollten Zigaretten, vom Unfug machen mit den Jungs, von ersten Küssen, ersten Räuschen. Dinge, die jeder mal gemacht hat, greifbar und klar vermittelt. Er ist damit gleich bei den Leuten, gleich bei seinem Publikum. Und er blieb es während der gesamten Dauer des Konzerts. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 08:56 Uhr

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