Scharfsinnige, aufmüpfige Ikone

Er wollte nie alt werden. Jetzt ist der Berner Schriftsteller und Lyriker Kurt Marti im Alter von 96 Jahren gestorben. So sanft, wie er es sich gewünscht hatte.

War dankbar für sein reiches Leben: Der Schriftsteller, Lyriker und Theologe Kurt Marti in Bern. (Archivbild)

War dankbar für sein reiches Leben: Der Schriftsteller, Lyriker und Theologe Kurt Marti in Bern. (Archivbild) Bild: Alessandro della Vall/Keystone

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Seine Welt war in den vergangenen Jahren immer kleiner geworden. Zwar besuchte er hin und wieder sein altes Zuhause, aber das Gehen fiel ihm schwerer. Die Beine und der Rücken machten zu schaffen. Er konnte nur noch mit einer Lupe lesen. Und dann ärgerte er sich über den Verlust alltäglicher Fertigkeiten, etwa pfeifen zu können. Im Kopf blieb er bis zum Schluss glasklar, und so formulierte Kurt Marti auch seine Situation im Zimmer im Pflegeheim Elfenaupark – in dem 2007 schon seine geliebte Frau Hanni gestorben war: «Mein Welt ist reduziert auf das Zimmer hier.»

«H. Marti» blieb diese Welt auf dem Türschild mit dem Namen seiner Frau angeschrieben, er selber bezeichnete sich wechselweise als untauglicher Witwer, Greis und gut bewachter Insasse. Gut bewacht, weil die Botschaftspolizei in diesem auffallend ruhigen Quartier in hohem Rhythmus patrouilliert und die Polizisten ihre Kaffeepausen mit Vorliebe in der Cafeteria des Altersheims abhalten. Und dann sagte er beim letzten Interview noch: «Ich bin jetzt eigentlich fällig» und meinte damit, dass er das Leben ausgekostet habe.

Dabei war er dankbar für sein reiches Leben, hatte als Sohn eines Berner Notars erst mit dem Studium des Rechts begonnen, sich danach aber für die Theologie entschieden. Er wollte sich in Basel beim bewunderten evangelischen Theologen Karl Barth einschreiben – das ging erst nicht, weil er während des Kriegs immer wieder ins Militär eingezogen wurde. Erst nach Kriegsende war ihm dies möglich, und danach nahm er sich den grossen Theologen Barth zum Vorbild: Aufmüpfig gegen staatliche Zwänge und jede Form von autoritärem Denken und Handeln, eine Neuauflage der «Bekennenden Kirche» im Nationalsozialismus, diesmal im friedlichen Bern der Nachkriegszeit und der Wirtschaftswunderjahre.

In den sechziger Jahren suchte Marti den Dialog mit dem verfemten Schweizer Marxisten Konrad Farner, seit dem Kalten Krieg in der Schweiz eine Art Staatsfeind Nummer 1. Die filmisch aufgezeichnete, auf Konsens gerichtete Debatte zweier linker Christen reichte, dass ihm 1972 an der Universität Bern eine zugesicherte Professur für Predigtlehre verweigert wurde.

Mag sein, dass er den Zürcher Staatschützer Ernst Cincera für diesen Entscheid mitverantwortlich machte, jedenfalls bezeichnete er dessen Schnüfflerei und sein Privatarchiv gegen alles, was im Verdacht stand, links zu sein, ein Jahr später als «Eiterbeule». Das trug ihm eine Strafklage wegen übler Nachrede ein, der Verurteilung entging er nur durch einen teuren Vergleich.

So blieb wenigstens seine Pfarreistelle an der Nydeggkirche in Bern ungefährdet. Ob im Gottesdienst oder in der Seelsorge – er mochte die Menschen, beobachtete sie so aufmerksam wie das Zeitgeschehen. Überfordert war er erst, als er kurz vor der Pensionierung stand und den Teenagern im Konfirmationsunterricht Gott hätte näher bringen sollen. Die hatten ganz anderes im Kopf, und so liess sich Kurt Marti als Pfarrer frühpensionieren.

Es blieben ihm gut dreissig Jahre, in denen er ausschliesslich als Schriftsteller und Lyriker tätig werden konnte.Viele Gedichtbände entstanden, wobei sich die lyrische Form bei Marti, dem glänzenden Aphoristiker, gern dem Aphorismus annäherte. Er holte aus den Wörtern heraus, was sie unter ihrer Oberfläche zu verbergen schienen: den Gegen-, den Widersinn. So wie in seinen vielleicht berühmtesten Versen, hier in Mundart zitiert:

wo chiemte mer hi wenn alli seite wo chiemte mer hi und niemer giengti fur einisch z’luege wohi dass mer chiem we me gieng.

Anlässlich seines 90. Geburtstags verweigerte er jede Lesung und TV-Interviews («Das gäbe zu viel Trubel hier»), und wollte auch nichts mehr publizieren. Die «Spätsätze», die ihm ein deutscher Verleger abnötigte, entpuppten sich indessen als Juwel: Die kurzen, handschriftlich festgehaltenen Notizen zeigen den Protestanten nicht nur als akribischen Beobachter, sondern auch als Liebenden mit knappen, aber wunderschönen Liebeserklärungen an seine verstorbene Frau.

Der Buchausgabe seiner gesellschaftskritischen Kolumnen in der Zeitschrift «Reformatio» während vierzig Jahren («Notizen und Details, 1964-2007») stand er skeptisch gegenüber, freute sich aber am Erfolg dreier Auflagen. Das Buch trug ihm eine Nomination für den Schweizer Buchpreis und einen Preis der Schweizerischen Schillerstiftung ein.

In den scharfsinnigen, streckenweise polemischen Beiträgen lesen sich Prognosen, die sich im nachhinein als schrecklich richtig erwiesen haben, zum Beispiel diese: «Konzeptionslos und chaotisch wuchern unsere Städte weiter ins Land hinein» (1964). Dem steigenden Rhythmus der Zeitgeschichte begegnete er so irritiert wie der «cherubinische Velofahrer» dem Autoverkehr in seinen Kurzgeschichten: Ein radelnder Engel, staunend über das Tempo rundum, rasende Autos nimmt er als «Geschosse» war.

Bei den seltener werdenden Besuchen war er herzlich und warmherzig und meinte sich entschuldigen zu müssen, dass er so alt geworden war: «Das wollte ich nie – insofern kann man mich auch nicht dafür verantwortlich machen.» Er hatte genug davon, sich immer mehr mit den Schwächen seines Körpers auseinandersetzen zu müssen und wollte eigentlich gehen, aber dem Herrgott, wie er sagte «nicht ins Handwerk pfuschen».

So verstärkte sich der Wunsch nach einem sanften Tod, mit Matthias Claudius’ Abendlied «sonder Grämen» bis zur Gewissheit. Jetzt ereilte ihn dieser sanfte Tod – was ihn danach erwarten würde, liess er offen. Schliesslich hatte sein Lehrer Karl Barth schon gemischte Gefühle gegenüber dem ewigen Leben, in diesem Fall würden wir nicht nur die geliebten Verstorbenen wiedersehen, sondern auch die Ungeliebten. Den Wunsch nach ewigem Leben empfand er als grösste Anmassung überhaupt. Zu wünschen wäre ihm selber, dass er wenigstens seine geliebte Hanni wieder trifft und ihr sagt, wovon er zu Lebzeiten hoffte, dass sie es nicht wüsste: Wie unglücklich er ohne sie war. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2017, 08:22 Uhr

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