36'000 Franken Kosten für ein paar Video-Klicks

Alain Bersets Glamour-Maschine im Kunstbetrieb kostet Millionen: Warum nur die Hälfte der fünf Millionen Franken für Kulturpreise direkt an die an die Künstler fliesst.

Die Preisverleihungen sind so wichtig wie die Preise selber: Alain Berset übergibt am 24. März 2017 einen Ehren-Filmpreis an Schauspieler Bruno Ganz. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Die Preisverleihungen sind so wichtig wie die Preise selber: Alain Berset übergibt am 24. März 2017 einen Ehren-Filmpreis an Schauspieler Bruno Ganz. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

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Alain Berset ist ein viel beschäftigter Mann: Seit der heute 45-Jährige vor fünf Jahren das Eidgenössische Departement des Innern übernahm, vergeht in der ersten Jahreshälfte kaum ein Monat, in dem der Ökonom nicht einen Preis des Bundesamtes für Kultur (BAK) vergibt. Denn solche gibt es inzwischen für fast alle Kunstgattungen: für Design, bildende Kunst, Musik, Tanz, Theater und Literatur. Insgesamt stehen dafür 5 Millionen Franken zur Verfügung.

Die Höhe der jeweiligen Preissumme hängt dabei stark von der Art der Auszeichnung sowie der Gattung ab, in der sich ein Künstler betätigt. So gibt es fürs Theater und in der Musik einen Grand Prix, der mit 100'000 Franken dotiert ist. In der Kunst und im Design ist der Gewinn eines solchen grossen Preises hingegen nur 40'000 Franken wert; im Bereich Tanz werden die Preise gar nur jedes zweite Jahr vergeben. Und während in der Literatur jährlich 262'000 Franken zur Verfügung stehen, können in der Kunst Preise im Wert von 541'000 Franken, im Design gar 575'000 Franken verteilt werden. Diese Schwankungen werden vom BAK mit den «Eigenheiten und historischen Hintergründen der einzelnen Sparten» erklärt.

Erklärungsbedürftig sind aber nicht nur die erheblichen Unterschiede der Gesamtsummen zwischen den Kunst­gattungen. Weitgehend verdeckt war bisher auch, was mit der anderen Hälfte des Budgets von jährlich 5 Millionen Franken geschieht, die nicht direkt in Form von Preisen an die Künstler geht.

Die erste und zugleich naheliegende Antwort auf diese Frage ist schlicht: Das BAK will nicht nur Geld verteilen, sondern auch das Verleihen der Preise feiern und seine Preisträger dem Publikum vorstellen und vermitteln. So gibt es in jeder Kunstgattung einen Anlass, an dem die Gewinner ihre Preise überreicht bekommen. Für die Swiss Art Awards etwa im Rahmen der Art Basel: Für die Dauer der Messe mietet das BAK eine Halle, damit dort die Arbeiten der Gewinner während einer Woche dem Publikum gezeigt werden können. Kostenpunkt: rund eine halbe Million Franken, wovon die Miete der Messehalle gut die Hälfte verschlingt. Die andere Hälfte wird grösstenteils für den Aufbau, die Gestaltung und den Betrieb der Ausstellung aufgewendet. Dazu gehören auch 35'000 Franken für das Catering bei der Eröffnung, die im vergangenen Jahr auf grosse Resonanz stiess: 3786 Besucher wurden mit Wein, Mineralwasser, Bier und einem Streetfood-Buffet in der «Upgrade-Menge ‹halbsatt›» verpflegt.

Eine Lesung für 6410 Franken

Die eigentliche Übergabe der Preise findet aber in den meisten Kunstgattungen nur für eingeladene Gäste statt – aus Platzgründen und sicherheitstechnischen Erwägungen. So werden etwa die Literaturpreise in der Nationalbibliothek in Bern vergeben. Das schlägt bei 450 Gästen mit etwas über 80'000 Franken für den Anlass, das Dekor und die Verpflegung zu Buche. Hinzu kommen rund 180'000 Franken für Lesetouren, welche die sieben Gewinner der Literaturpreise gemäss BAK «nach Lust und Möglichkeiten» absolvieren können.

Für jede Lesung erhalten die Autoren eine Gage von 650 Franken, was einem üblichen Honorar für eine Autorenlesung entspricht. Eine solche Lesung kann aber weit mehr kosten, nämlich bis zu 6410 Franken. Denn das BAK übernimmt nicht nur das Lesehonorar des Autors, sondern auch einen Moderator, einen Übersetzer, einen Schauspieler oder Musiker, ausserdem die Hotels, den Zug, das Essen, die Konzeption des Anlasses (700 Franken) sowie die Koordination, Organisation und Assistenz bei der Reise (1000 Franken).

Bemerkenswert sind auch die zahlreichen Massnahmen, mit denen das BAK seine Preise dokumentiert, vermittelt und bewirbt. Für die Kunstpreise und den Swiss Design Award wurde etwa mit dem Bureau N eine PR-Agentur aus Berlin beauftragt, die jährlich rund 90'000 Franken für ihre Arbeit erhält.

Zu den Leistungen, die das BAK übernimmt, gehören auch zahlreiche Publikationen: Mal ist es ein Buch, dann eine Serie mit Postkarten, wodurch eine Diskrepanz zwischen dem Preisgeld und sonstigen Aufwendungen entsteht. Besonders gross ist sie bei den schönsten ­Büchern: Hier erhalten die Preisträger direkt nur 15'000 Franken, während 100'000 Franken für Ausstellungen und einen Katalog aufgewendet werden.

49 Follower auf Twitter

Für die Veröffentlichungen werden fast alle ausgezeichneten Künstler fotografiert sowie in Filmen von wenigen Minuten porträtiert, wobei dies teils zu erheblichen Kosten führt: Am günstigsten waren 2016 die Videos für die Musik-Preisträger (16 Filme sowie Fotos der Gewinner für 37'500 Franken). Am teuersten jene im Bereich Literatur: neun Videoporträts in einer Länge von jeweils rund fünf Minuten für 119'000 Franken.

Erkundigt man sich beim BAK, warum die Filme für die Literaten so viel kosten, wird man auf den hohen Aufwand und die Qualität verwiesen. Darüber, ob diese Videos so hochwertig sind, lässt sich nach einer Visionierung streiten. Sicher aber ist, dass sich diese Filme bisher im Internet fast niemand angeschaut hat: Die Videos über die drei Träger des Prix Meret Oppenheim, die auf dem Edel-Youtube Vimeo zu sehen sind, wurden dort bislang 20- bis 50-mal angeklickt – bei Kosten von etwas mehr als 30'000 Franken.

Nicht viel grösser ist das Interesse für die Filme zu den Literaturpreisen: Diese seien 2016/17 gesamthaft nur 442-mal gestreamt worden, teilt das BAK mit – bei Kosten von über 100'000 Franken. Einzig die Videoporträts zum Schweizer Musikpreis, die auf Youtube zu finden sind, haben eine gewisse Reichweite. Etwa jenes zu Sophie Hunger mit mehr als 5000 Aufrufen. Aber auch in der Musik erreichen die meisten Videoporträts nur einige Hundert Klicks, wenn überhaupt.

Das BAK argumentiert, dass die Filme über die preisgekrönten Autoren «in erster Linie zur Promotion ihres Werks und der Schweizer Literatur» dienen. Sie würden im In- und Ausland durch Institutionen wie die Schweizer Botschaften und Pro Helvetia verbreitet, wobei Letztere selbst über ein üppiges Budget für die Promotion und Übersetzung von Autoren verfügt. Das BAK ist aber überzeugt, dass die Filme «zu internationaler Sichtbarkeit verhelfen» würden; die Bedeutung der Videos lasse sich «nicht auf die Anzahl Klicks im Internet reduzieren».

Dabei bemüht sich das BAK durchaus, die teuren Inhalte im Internet zu bewerben. Einige scheinen hier eine gewisse Reichweite zu erreichen. So etwa die Design und die Art Awards, die mehrere Tausend Abonnenten und Likers auf ­Instagram und Facebook haben. Dennoch schaut sich fast niemand die Videos der Preisträger an.

In anderen Gattungen sieht es trotz zusätzlichen Geldern geradezu düster aus. So werden im Budget für den Schweizer Theaterpreis 4000 Franken aufgeführt: für einen Twitter-Account mit bisher 49 Followern, einen Instagram-Account mit 51 Abonnenten – und einen Facebook-Kanal mit 223 Interessierten. Die Accounts zu den Theaterpreisen, die zuletzt im Mai vergeben wurden, befänden sich seit Dezember «im Aufbau», teilt das BAK mit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2017, 19:52 Uhr

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