«Der Kapitalismus, das sind wir»

Der 75-jährige Philosoph Jean-Luc Nancy sieht den Sinn der Existenz in der Gemeinschaft. Was heisst das für den Umgang mit den Flüchtlingen?

Für Sartre war der Horizont der Kommunismus, für Nancy ist es das «Zusammen-» oder «Mit-sein». Foto: Vincent Muller (Laif)

Für Sartre war der Horizont der Kommunismus, für Nancy ist es das «Zusammen-» oder «Mit-sein». Foto: Vincent Muller (Laif)

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Wie in einer Lavalandschaft ist alles in Bewegung an diesem Vormittag, an dem man ins Wohnzimmer von Jean-Luc Nancy schneit, um einige Fragen zu stellen. Seit bald einem halben Jahrhundert lebt der 75-jährige in Strassburg, als einziger Philosoph Frankreichs, wie es gerne heisst.

Mitgebracht hat man die drängenden Fragen, wie man die Welt gerechter einrichten könnte, wie gar eine egalitäre Gemeinschaft möglich wäre – nicht zuletzt angesichts der griechischen Schuldenkrise, die wohl noch nicht ausgestanden ist, und den Flüchtlingsströmen, die Europa vor ganz neue Herausforderungen stellen.

«Uff, das ist schwierig», sagt Jean-Luc Nancy und streicht sich über seine Augenbrauen. Gewiss, es sind keine einfachen Fragen. Aber man traut es Nancy zu, dass er Antworten darauf entwickelt. Schliesslich ist er eine Schlüsselfigur der politischen Philosophie: Anfang der 80er-Jahre gründete er in Paris einen Diskussionszirkel, der das Nachdenken über das Politische entscheidend erneuern sollte – auf Einladung von Jacques Derrida, dessen Dekonstruktion Nancy geprägt hat.

Der Kapitalismus, das sind wir

Wobei sein Denken wesentlich vom Wunsch bestimmt ist, in «nicht marxistischer Weise» über Fragen der Gemeinschaft nachzudenken. Dabei dürfe man sich den Kapitalismus nicht als Feind des Menschen vorstellen, sagt Nancy. Der Kapitalismus sei vielmehr «unsere ganze Zivilisation». Und nicht nur dies macht es so schwierig, wenn man die Frage nach den Möglichkeiten einer egalitären Gesellschaft stellt.

«Egalität, was heisst das?», fragt Nancy nach einem Moment des Schweigens, dann holt er aus, bringt Positionen ins Spiel und hintertreibt Gewissheiten, etwa wenn er einen darauf stösst, dass wir mit dem, was Marx die «allgemeine Äquivalenz» genannt hat, bereits eine Form der Gleichheit hätten: Mit dem Geld besteht eine Wertordnung, mit der sich alles über den gleichen Leisten schlagen lässt – mit gravierenden Folgen, wenn man auf Europa blickt, das angesichts der Schuldenkrise zu zerbrechen droht. «Wir haben keine europäische Gemeinschaft. Wir haben einen Markt.» So bringt Nancy diese Malaise auf den Punkt.

Die Sache mit dem neuen Herz

Wie schwierig es wird, wenn man Fragen der Gerechtigkeit berührt, wird sofort klar, wenn der Philosoph die Geschichte seines Herzens erzählt, das ihm vor bald einem Vierteljahrhundert ersetzt wurde. «Für mich persönlich war diese Transplantation ein grosses Glück, hat sie mein Leben doch entscheidend verlängert. Aber wer bestimmt darüber, dass jemand ein neues Herz erhält?»

Nancy drängt damit aufs grosse Ganze, nämlich auf die Frage, was ein Mensch sei. «Schon Kant sagte, dass es darauf keine Antwort gibt.» Wie recht er damit hatte, wird einem schlagartig bewusst, wenn Nancy den Horizont weiter öffnet, vor dem man sich dabei bewegt. «Was braucht man, um als Mensch existieren zu können?» Das Notwendige, würde man wahrscheinlich antworten. «Aber was ist das Notwendige? Essen, Wohnen, Gesundsein. Ach, gesund sein», sagt er und schiebt einen weiter zur Frage, wie lange wir denn leben sollen. Hundert Jahre, zweihundert Jahre?

Heidegger als Aufgabe

Jean-Luc Nancys Philosophie kommt ohne einen Gott oder eine andere Letztbegründung aus, auf die hin man alles beziehen oder denken könnte. «Geblieben ist der Wunsch nach einem Sinn, ohne den der Mensch nicht auskommen kann.» Und genau hier, angesichts der Sinnlücke, entzündet sich Nancys Denken, das zwar auf Letztbegründungen verzichtet, aber nicht auf einen Horizont. Für Jean-Paul Sartre war dies der Kommunismus. Für Jean-Luc Nancy ist die Gemeinschaft, genauer gesagt, das «Zusammen-» oder «Mit-sein» der «unüberschreitbare Horizont».

Daran hat Nancy auch nach den Terroranschlägen des vergangenen Jahres erinnert: Die blutigen Taten würden uns auf religiöse, nationale und andere kulturelle Identitäten zurückwerfen – und damit verhindern, dass wir zu einer «wahren» Gemeinschaft werden, die nicht von solchen Prinzipien, sondern nur vom Wunsch nach Sinn im gemeinsamen Sein bestimmt werden darf.

«Wir wussten alle davon»

«Nur mit ergibt Sinn.» So steht es in «Singulär plural sein», Jean-Luc Nancys Hauptwerk, das als kritischer Kommentar zu Heideggers «Sein und Zeit» zu verstehen ist. Hat ihn die Edition der «Schwarzen Hefte» überrascht, in denen Heidegger sich gegen die Juden ergeht? «Dass Heidegger Antisemit war, wussten wir alle.» Überraschend war für Nancy aber die Heftigkeit der Schrift und die Tatsache, dass der Antisemitismus darin verbunden ist mit Begriffen wie Geschichte, «Geschick» und Neuanfang, womit er in Heideggers Philosophie eine «systematische Stelle» einnimmt. Für Nancy sind die «Schwarzen Hefte» denn auch nicht nur die Geschichte eines Antisemiten, sondern eine Aufgabe für die Philosophie: «Es ist kein Zufall, dass alles nach Heidegger aus Heidegger hervorging.» Von Sartre über Derrida bis zu Nancy selbst.

Nancy geht in die Küche, um sich etwas zu trinken zu holen. Während man auf seine Rückkehr wartet, erinnert man sich daran, dass das Schlussbild aus Hegels «Phänomenologie» zu seinen Leitmotiven gehört, also jene Passage, in der die Unendlichkeit wie Champagner schäumt: In Nancys Denken ist alles in Unruhe, in einer permanenten Mutation – ohne dass damit ein teleologisches Prinzip verbunden ist wie in Heideggers Gedanken zur Geschichte und des Geschicks. Zugleich ist bei Nancy alles aufeinander bezogen: von der Ökonomie über den Körper bis hin zum Sex, über den er aktuell ein Buch schreibt, weil er das Mit-sein ganz existenziell berührt. Durch ihn sind wir zu dem geworden, was wir sind. «Sexistenz» ist folglich der Titel, unter dem Nancy sein Nachdenken über diese Form der Zwischenmenschlichkeit entwickelt.

Wozu leben?

Mit seinem radikalen Beziehungsdenken richtet sich Nancy ganz entschieden gegen die verbreitete Ansicht, unsere Gesellschaft sei eine Addition von atomaren Existenzen – und der Sinn sei in der Befriedigung von egoistischen Bedürfnissen auszumachen. Dem setzt sich Nancy entgegen: Alles Wesentliche findet im Zwischen statt, im Sinn-Raum der heterogenen Vielheiten (und nicht der absoluten oder relativen Mehrheiten). Von Nancy kritisiert werden aber auch all jene, die ihre Forderung nach Gleichheit daran knüpfen, dass alle möglichst lang und gesund leben sollen. Damit würden sie letztlich nur «ein konsumistisch verbrämtes Verständnis» von Leben propagieren. Nicht wie lange leben sei die Frage. Sondern wozu?

Nancy kehrt aus der Küche zurück, und man kann ihn fragen, wie man den Mammon entthronen und die Vielheiten ins Spiel bringen könnte. «Eine nietzscheanische Demokratie» sei es, was wir bräuchten. Ausgearbeitet hat Nancy diesen Gedanken in seinem Buch über die «Wahrheit der Demokratie». Darin wird die Demokratie als «Sinnordnung» gedacht, in der alles aufeinander bezogen ist und in der es auf der Ebene der menschlichen Beziehungen zu einer «Umwertung aller Werte» kommen kann, kommen muss. Nur so wäre es möglich, gemeinsam Sinn zu ermöglichen – und nicht nur das ökonomisch Machbare, sondern auch Menschenmögliche jenseits der Konkurrenz, des Wachstums- und Fortschrittsglaubens ins Auge zu fassen.

Jean-Luc Nancys Werke sind auf Deutsch im Diaphanes- und im Passagen-Verlag erschienen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.01.2016, 19:55 Uhr)

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