«Entschuldigung, ich bin so wütend»

Feminismus-Ikone Laurie Penny über den Brexit – und die Macht von Mode, Style und Ästhetik in der Politik.

«Wer seine Zukunft verloren hat, schaut nur noch voller Wut aufs Verlorene», sagt Laurie Penny. Foto: Horst Friedrichs (Anzenberger)

«Wer seine Zukunft verloren hat, schaut nur noch voller Wut aufs Verlorene», sagt Laurie Penny. Foto: Horst Friedrichs (Anzenberger)

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Theresa May hat in Brüssel den Brexit eingereicht.
Das werden wir für Generationen bereuen! Wir haben kollektiv eine schlechte Entscheidung getroffen und uns reinlegen lassen. Die Zukunft unseres Landes – und auch Europas – steht auf dem Spiel. Doch weil wir so grosse Angst haben, das Gesicht zu verlieren und einen schlimmen Fehler einzuräumen, rennen wir lieber ins Unglück. Ins ökonomische und moralische Desaster. Entschuldigung, ich bin so wütend!

Wieso ins moralische Desaster?
Viele Leute wählten den Brexit aus der Angst vor Menschen, die nicht so sind wie sie; die anders aussehen, anders sprechen. Das ist moralisch nicht in Ordnung. Die extremste Umsetzung dieses Ressentiments – nämlich drei Millionen Menschen zu deportieren und Familien auseinanderzureissen – hält fast jeder für amoralisch. Dass der Anti-Einwanderer-Schlachtruf trotzdem immer noch funktioniert, ist sehr traurig: Die Souveränität über die Einwan­derung, eine rigide Einwanderungs­politik, ist die letzte Karte, die Theresa May geblieben ist; also will sie sie nicht verspielen.

Die Gesellschaft ist doch ohnehin heterogen. Wieso lässt sich mit Rechtspopulismus auch in England politisch so gut Kasse machen?
Ich selbst bin das beste Beispiel für die Heterogenität: Meine jüdischen Grosseltern stammten aus Russland und Li­tauen, meine Familie mütterlicherseits ist katholisch, aus Malta und Irland. Der gegenwärtige dumpfe Backlash hat vor allem wirtschaftspolitische Gründe.

Wie meinen Sie das?
Wir haben hier seit Dekaden einen Raubtierkapitalismus, der völlig ausser Rand und Band ist. In den USA gabs wenigstens Obama, auch in Deutschland ist der Sozialstaat noch halbwegs funktionstüchtig. Aber bei uns regiert der neoliberale Ungeist absolut; und seit David Cameron 2009 eine neue Ära der Austerität ausrief, wurde es katastrophal. Die Austeritätspolitik hat die kleinen Leute kaputtgemacht. Man wickelte systematisch den Wohlfahrtsstaat ab und verteilte das Geld unter den Reichen. Die Menschen fühlen sich machtlos. Sie haben ihren Stolz und ihre Sicherheiten verloren. Und wer seine Zukunft verloren hat, schaut nur noch voller Wut aufs Verlorene – und sucht einen Sündenbock. Wenn Politiker einen anbieten, stürzt sich der Verlierer darauf. Und man hatte mit dem Brexit zudem die Chance, gegen das verhasste Establishment – also David Cameron – zu entscheiden; eine Art Hillary-Effekt. Die Entrechteten haben nicht realisiert, dass sich ihre Situation noch mehr verschlechtert.

Sieht es im Vereinigten Königreich so schlimm aus?
Mit dem Brexit-Referendum wurde die Arbeiterklasse gespalten und geblendet. Es wurden nicht nur Immigranten gegen «Ureinwohner» ausgespielt, sondern sogar Behinderte gegen die Working Poor. Und die Armut ist an vielen Orten himmelschreiend. Neulich war ich unter anderem in Lancaster, wo sie die Gemeindedienste massiv abgebaut haben. Öffentliche Bibliotheken, Müllabfuhr, überall wurde gestrichen. Man kann entscheiden: lieber die Schule oder lieber das Krankenhaus? Das Irre daran ist: Das ist nicht mal besonders spar­effizient und hat dem Land nicht viel gebracht ausser einer allgemeinen Verunsicherung – was zynischerweise wohl ein erwünschter Nebeneffekt war. Den Wohlfahrtsstaat zu vernichten, steht auf der ideologischen Agenda. Wenn dann einer kommt und behauptet, nach dem Brexit werden jeden Tag Millionen Pfund ins nationale Gesundheitssystem fliessen statt in die EU – eine der grossen Brexit-Lügen –, klammern sich die Leute daran. Dabei wird die soziale Marktwirtschaft nun erst recht an die Wand gefahren.

Wieso riskiert May in einer solchen Situation einen knallharten Brexit?
Keine Ahnung, was sie wirklich denkt. Aber eins muss ich ihr lassen: Sie versteht die Ästhetik der Politshow besser als die meisten. Als Frau ganz oben muss man sich genau überlegen, welche Codes man benutzt, welches Stereotyp man bespielt. Sie hat mit ihren Schuhen, ihrem ganzen Look eine sehr kluge Wahl getroffen. Sie ist «die strenge Nanny». Ihr Sinn für Kleidung ist genial! Die Konservativen sind doch im Grunde alle kleine Jungs im schicken Internat, mit einem Schuhfetischismus. So früh am Morgen wird mir richtig schlecht, wenn ich darüber nachdenke. Margaret Thatcher nutzte übrigens ein ähnliches Schema. Dass Politik heute mehr und mehr mit Mode, Style, Ästhetik zu tun hat: Das ist eine ernste Sache. Ein Entertainer wie Donald Trump hat das verstanden; alle Autoritären haben ein Gefühl für die Macht der Symbole und des Looks.

«Theresa May kam erstans Ruder, nachdem die Männer, die schuld sind an der Misere, dankend abgelehnt hatten.»

Kann eine Frau nur als Hardliner an die Macht kommen?
Eigentlich ist das eine sexistische Frage. Wieso gleicht man bei Frauen ihren Stil immer mit ihrem Geschlecht ab? Aber was May angeht: Es ist zwar schön, einen weiblichen Premier zu haben. Aber musste es unbedingt ein so zerstörerischer konservativer Albtraum sein, der das Land um Jahrzehnte zurückwirft? Irgendwie schaffts die Linke nicht, eine Frau aufzustellen. Zudem kam May erst ans Ruder, nachdem die Männer dankend abgelehnt hatten, jene Männer wohlgemerkt, die an der Misere schuld sind wie Nigel Farage oder Boris Johnson. Farage ist eine Cartoonfigur wie Trump, ohne Willen oder Fähigkeit zur politischen Arbeit. Jetzt darf Frau aufräumen.

War Thatcher eine Aufräumerin?
Margaret Thatcher hat politisch Verheerendes angerichtet. Aber sie war wenigstens clever. Sie knickte den Sozialstaat, sicherte jedoch ab, dass sich fast jeder ein eigenes Zuhause leisten konnte. Das machte einen grossen Unterschied. Meine Oma etwa war aus der Arbeiterschicht, aber wegen ihres Häuschens ein Thatcher-Fan. Die dummen Bastarde von heute nehmen den kleinen Leuten alles.

Wie sehen Sie Hillary Clinton?
Hillary Clinton ist eine engagierte Feministin, und ich freute mich darauf, die kommenden vier Jahre meinen Feminismus an ihrem zu reiben. Das war einer meiner Pläne für 2017. Es wäre super gewesen, jemanden an der Macht zu wissen, der die mühsam erkämpften Frauenrechte nicht abbauen will: Abtreibung, Lohngleichheit, Mutterschaftsurlaub . . . Aber sie war eine schlechte Kandidatin. So haben wir als weibliches Rollenmodell nun eine First Lady, die todtraurig wirkt, wie ein Opfer – das aber signalisiert, dass es für eine Frau die beste Option ist, einen reichen Mann mit einem goldenen Käfig zu angeln.

Sie hätten sich an Clintons Feminismus gerieben, sagen Sie. Welches ist denn der richtige?
Feministinnen waren nie völlig eins, genauso wenig wie «die Männer» oder Parteifreunde. Wenn aber Frauen streiten, gilt das gleich als «Zickenkrieg», nicht als seriöse Auseinandersetzung. Vielleicht ist es das manchmal ja auch. Aber wenn es darauf ankommt, halten sie zusammen wie am Women’s March. Und trotz ihrer Uneinigkeit haben sie seit den Anfängen der Frauenbewegung so viel erreicht! Solange wir uns darauf konzentrieren, die Verhältnisse zu verbessern, sind wir auf der richtigen Spur. Für mich umfasst Feminismus die gesamte Politik. Leider muss er im Moment auf ganz basale, defensive Dinge fokussieren, die ich abgehakt glaubte: die Autonomie des Körpers, Stichwort Abtreibung; die Verteidigung der Zukunft unseres Planeten, Stichwort Umwelt; das Stoppen der anwachsenden rechten Flut. Wir müssen verhindern, dass das Anti-Einwanderer-Ressentiment Leben zertrümmert.

Xenophobie und der Backlash bei den Frauenrechten sind ähnlich?
Aber hallo! Das Selbstwertgefühl mancher Männer fusst tatsächlich auf der Idee, dass Männer die Macht haben sollten. Wenn Frauen, Schwule und Transgender-Menschen auch nur winzige Gewinne machen wie das Recht auf freien Toilettenbesuch, ist das für sie eine existenzielle Bedrohung. Die toxische Maskulinität, dieser ungesunde männliche Stolz, der sich in Slogans wie «Make America great again» widerspiegelt, wird befeuert durch die Angst vor dem anderen, sei dieses andere weiblich, queer, transgender ­– oder fremd.

Muss man die Ängste nicht ernst nehmen, wie es immer heisst?
Natürlich! Aber mit demselben Ernst sollte man sagen dürfen: Ihr habt unrecht! Nur weil ihr euch unwohlfühlt, weil die Welt sich ändert, habt ihr nicht das Recht, sie zu zerstören. Ich wundere mich stets, wie furchtbar Leute sich aufregen können, wenn etwas mal nicht dazu da ist, sie persönlich happy zu machen. Am Internationalen Frauentag ereiferten sich so viele Männer über ihre «Benachteiligung». Unfassbar. Dabei gibt es auch einen Männertag. Und sowieso ist jeder Tag Männertag. Solche Dumpfbacken werden oft «authentische Stimmen aus dem Volk» genannt. Ich frage mich immer, wieso man die authentische Volksstimme nicht hörte, als sie als Occupy auf die Strasse ging.

Sie selbst werden oft massiv angegriffen und unflätig beschimpft.
Inzwischen versuche ich, das zu ignorieren, und lasse mich nicht unterkriegen. Ich arbeite quasi seit meiner Studienzeit an einem narrativen und politischen Rahmen, in dem neue Perspektiven sichtbar werden können. Aber ich schreibe nicht für die Hasserfüllten, die erreiche ich sowieso nicht. Bald erscheint mein neuer Band «Bitch Doctrine» über Genderpolitik, Onlinehass, den Trump-Schock und den Rechtsrutsch – alles Dinge, mit denen ich mich unverhofft herumschlagen musste nach dem Brexit-Votum und der US-Wahl. Eigentlich hatte ich einen Roman schreiben wollen, aber Trump hat es mir vermasselt. Jedenfalls lautet der Untertitel «Essays for Dissenting Adults».

Sie rufen zu Widerspruch auf?
Gerade für die jungen Leute ist es hier sehr schwer: Die meisten waren ja gegen den Brexit und sehen nun, wie der Rassismus aufflammt und alles, was uns teuer ist, niedergebrannt wird. Jetzt brauchts mehr lokales und privates Engagement. Zu einer Zeit, wo etliche Leute ihren Support verlieren, müssen sie noch die Kraft finden, sich umeinander zu kümmern. Es wäre die Aufgabe des Staates, jenen Menschen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können, aber der Staat versagt – sich – gerade in grossem Stil. Lange lebte ich ja in einer WG, wo wir eine Unterkunft für desorientierte junge Menschen in Not boten; ich will zur Gesellschaft beitragen, ihr etwas zurückgeben. Aber die freiwillige Nothilfe sollte nicht das einzig existierende Auffangnetz sein. Ach, wir sollten den Brexit nicht durchziehen! Es war ein so knapper Wahlausgang, wir sollten das Referendum wiederholen. Heute würden die Leute anders entscheiden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2017, 08:31 Uhr

Laurie Penny

Autorin und Feministin

Laurie Penny, 1986 in London geboren, ist eine feministische Autorin und Journa­listin mit Literaturstudium in Oxford. Von ihrer Anorexie über die Segnungen der Reproduktionsmedizin bis zu den Monstrositäten des Kapitalismus thematisiert sie alles. 2011 erschien «Meat Market: Female Flesh Under Capitalism» («Fleischmarkt»), 2014 «Un­speakable Things: Sex, Lies and Revo­lution» («Unsagbare Dinge») und zuletzt auf Deutsch der Erzählband «Babys machen» (Edition Nautilus). (ked)

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