«Man kann eine Religion nicht reformieren»

Der Syrer Adonis gilt als grösster Dichter arabischer Sprache. Nach seinen Äusserungen zum Syrienkrieg wurde er hart kritisiert. Er sieht das Ende der arabischen Welt kommen.

«Die Dichtung kommt aus der Sprache der Mutter»: Adonis, 2009 in Paris. Foto: Nicolas Guerin (Getty Images)

«Die Dichtung kommt aus der Sprache der Mutter»: Adonis, 2009 in Paris. Foto: Nicolas Guerin (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie wurden harsch kritisiert, als Ihnen der Remarque-Friedenspreis zuerkannt wurde. Was sagen Sie selbst: Haben Sie den Preis verdient?
Ich persönlich verdiene gar nichts, nur die Poesie. Allerdings habe ich auch nicht vor, mich zu verteidigen. Ich halte nur fest, dass die Form der Kritik etwas über die Mentalität meiner Kritiker sagt.

Anstoss hat vor allem Ihr offener Brief an Assad 2011 erregt, weil Sie ihn darin als «gewählten Präsidenten» bezeichnet haben. Was würden Sie ihm heute schreiben?
Genau dasselbe: dass er zurücktreten muss. Aber ich habe einen zweiten Brief geschrieben, er war an die Revolutionäre adressiert. Ich habe sie nach ihrer Vision befragt. Sie wollten ihn nicht lesen, weil sie nicht unabhängig sind.

«Wenn es keine Trennung zwischen Religion und Staat gibt, wird es keine Demokratie geben, keine Gleichstellung der Frau.»

Von wem hängen sie denn ab?
Von den Amerikanern, den Saudis, den Katarern, einer gewissen europäischen Politik.

Sie sagen, die arabische Gesellschaft sei krank. Woran krankt sie?
Sie baut auf einem totalitären System auf. Die Religion diktiert alles: wie man geht, wie man die Toilette besucht, wie man sich zu lieben hat . . .

Ein moderner Islam ist nicht denkbar?
Man kann eine Religion nicht reformieren. Wenn man sie reformiert, trennt man sich von ihr. Deswegen ist ein moderner Islam nicht möglich, moderne Muslime schon. Wenn es keine Trennung zwischen Religion und Staat gibt, wird es keine Demokratie geben, keine Gleichstellung der Frau. Dann behalten wir ein theokratisches System. So wird es enden. Gemeinsam mit dem Westen werden im Mittleren Osten Theokratien aufgebaut.

«Die arabische Gesellschaft baut auf einem totalitären System auf. Die Religion diktiert alles.»

Sie haben schon früher gewarnt, dass nach Assad noch Schlimmeres kommen könnte. Fühlen Sie sich durch die Entwicklung in Syrien bestätigt?
Assad ist doch nur ein Detail. Mich interessiert die gesamte arabische Welt. Warum spricht der Westen nie über Saudiarabien? Ist das etwa eine Demokratie?

Der syrische Polizeifotograf César hat die Folter des Assad-Regimes dokumentiert. Was empfinden Sie als Syrer angesichts dieser Zeugnisse der Barbarei?
Sie erinnern mich an Guantánamo, an die Gräueltaten der USA, des Landes der Zivilisation, des Fortschritts, der Technologie.

Wollen Sie wirklich Assads Folter mit Guantánamo vergleichen?
Ich bin gegen Assad, und ich bin gegen Guantánamo. Um beide besser zu bekämpfen, sollte man beide im Auge behalten. Dass Assad foltert, wissen wir seit Jahren. Der Westen hat sich trotzdem mit ihm verbündet. Warum wird erst jetzt darüber gesprochen? In dieser Weltregion sind alle kriminell, niemand ist durch freie Wahlen an die Macht gekommen. Für mich nehmen sich das Regime und seine Gegner nichts.

Das Assad-Regime unterdrückt und foltert als Staatsapparat. Und Sie stellen ihn und seine Gegner auf eine Stufe?
Ich bin seit langem ein Gegner Assads. Als ich ihn kritisierte, waren diejenigen, die mich jetzt angreifen, noch Beamte seines Regimes. Das Assad-Regime hat das Land in ein Gefängnis verwandelt. Aber seine Gegner, die sogenannten Revolutionäre, begehen Massenmord, schneiden Menschen die Köpfe ab, verkaufen Frauen in Käfigen wie Ware und treten die menschliche Würde mit Füssen.

«In dieser Weltregion sind alle kriminell, niemand ist durch freie Wahlen an die Macht gekommen.»

Sie gehen mit der arabischen Welt hart ins Gericht.
Ich kritisiere die arabische Kultur und die arabischen Politiker seit 1975, und ich kann nur sagen: Die Araber sind am Ende. Sie sind keine kreative Kraft mehr. Der Islam trägt nicht zum intellektuellen Leben bei, er regt keine Diskussion an. Er gibt keine Anstösse mehr. Er bringt kein Denken, keine Kunst, keine Wissenschaft, keine Vision hervor, die die Welt verändern könnten. Die Araber als Quantität werden weiter existieren, aber sie werden die Welt nicht qualitativ besser oder menschlicher machen.

Ein trauriges Fazit aus dem Munde eines Mannes, der als berühmtester Dichter der arabischen Sprache gilt.
Es braucht einen Bruch, einen Neuanfang. Ich hatte gehofft, der Arabische Frühling sei so einer, aber ich habe mich getäuscht. Er hat zur Regression geführt, weil er nicht die Gesellschaft, sondern nur das herrschende Regime ändern und ersetzen wollte.

Es war eine Bewegung, die die Freiheit gefordert hat.
Von welcher Freiheit reden wir? Die Befreiung der Frau und ihre Gleichbehandlung etwa? Die Frau von der Scharia zu befreien, den Menschen ihre Menschenrechte zu geben, darum geht es. Die Gesellschaft zu ändern, hätte verlangt, die kulturellen und religiösen Fundamente zu verändern. Die Revolution hätte tiefer gehen, weiser sein müssen, visionärer als das Regime. Aber das ist vorbei. Die arabische Welt ist dabei, zerstört zu werden: erst der Irak, Libyen, jetzt Syrien – und nun ist der arme Jemen dran. All das hat die religiöse Mentalität nicht geschwächt, nur verstärkt.

«Der Islam trägt nicht zum intellektuellen Leben bei, er regt keine Diskussion an. Er gibt keine Anstösse mehr.»

Welche Rolle spielt der Westen dabei?
Was im Mittleren Osten passiert, versteht man nur, wenn man den Westen miteinbezieht. Er hat sich niemals für die Menschenrechte und die Demokraten dort eingesetzt.

Für Sie ist der Islam das wesentliche Hindernis der Demokratie. Für jeden gläubigen Muslim ist das ein Affront.
Ich freue mich darüber, dass die Religiösen in mir einen Feind sehen. Ich bin ein radikaler Feind einer Kultur und einer institutionalisierten Religion, die einer ganzen Gesellschaft aufgedrängt wird.

Haben Sie schon Todesdrohungen bekommen?
Natürlich. Aber das ist mir egal. Für gewisse Überzeugungen sollte man das Leben riskieren.

Sie leben in Frankreich und schreiben auf Arabisch. Wo gehören Sie hin?
Meine Heimat ist meine Sprache. Und die Poesie: Sie verbindet uns mit der Natur. Eine Blume hat keine Waffe. Ihr Duft ist ihre Waffe. Die Dichtung ist wie Liebe. Sie gibt einem die Möglichkeit, die Welt anders zu sehen. Bedauerlicherweise oder glücklicherweise kann man nur eine Mutter haben. Man mag viele Väter haben. Aber die Dichtung kommt aus der Sprache der Mutter. Arabisch ist meine Muttersprache, das ist die Haut, das Blut, das sind die Arterien. Ich werde also weiter auf Arabisch dichten. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.02.2016, 18:45 Uhr)

Stichworte

Adonis

Dichter im Exil

Adonis ist sein Künstlername, geboren wurde Ali Ahmad Said Esber 1930 nahe der Stadt Latakia im Westen Syriens. Er stammt aus einer alawitischen Familie und lebt heute im Exil in Paris. Seine Lyrik ist im ganzen arabischen Raum hoch angesehen, immer wieder wird er als Nobelpreiskandidat genannt.

Doch arabische wie westliche Intellektuelle kritisieren seine Äusserungen über den Arabischen Frühling und den syrischen Machthaber Bashar al-Assad: Als ihm der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis zuerkannt wurde, schlug die Kritik auch in der deutschen Presse hohe Wellen. Navid Kermani lehnte es ab, die Laudatio zu halten; auch Adonis’ deutscher Übersetzer Stefan Weidner kritisierte den Entscheid. Die Jury hielt an ihm fest; die Preisübergabe wurde verschoben, letzten Freitag aber vollzogen.

Adonis wohnt in der 9. Etage eines Hochhauses im Pariser Büroviertel La Défense. Zum Dichten zieht er sich in sein Büro im 35. Stock zurück. (TA)

Artikel zum Thema

Frankfurt verleiht Goethepreis an Adonis

Als erster arabischer Dichter hat der Lyriker Adonis in der Paulskirche den Goethepreis der Stadt Frankfurt entgegengenommen. Der in Syrien geborene Literat nahm die Auszeichnung «stolz» entgegen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

TA Marktplatz

Werbung

Kommentare

Werbung

Etagenbett Noel

Aus massiver Buche, inklusive Lattenrost, Leiter und Polster. FSC-zertifiziert!
Im OTTO’S Webshop!

Die Welt in Bildern

Ausgelassen: Diese Gruppe geniesst die Feierlichkeit des Notting Hill Carnival. Die Festivität wird seit 1966 im Nordwesten von London durchgeführt und ist eines der grössten Strassenfeste Europas (28. August 2016).
(Bild: Ben A. Pruchnie/Getty ) Mehr...