Wir verwechselten das Gute mit dem Bösen

Die weissrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch befasst sich seit Jahrzehnten mit der «roten Utopie» und damit, was sie mit den Menschen macht.

Swetlana Alexijewitsch in ihrem Zuhause in Minsk, Weissrussland. Foto: Beatrice Lundborg (TT, Keystone)

Swetlana Alexijewitsch in ihrem Zuhause in Minsk, Weissrussland. Foto: Beatrice Lundborg (TT, Keystone)

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Utopien

Revolution, Blutvergiessen und Terror gehen immer Hand in Hand. Seit fast 40 Jahren schreibe ich an einer dokumentar-literarischen Chronik: der kleine Mensch und die grosse «rote Utopie». Sie umfasst 100 Jahre der sowjetrussischen Geschichte – und der sowjetrussischen Seele. Mich interessiert dieser Massenmensch, von dem José Ortega y Gasset gesprochen hat, wie er durch die Geschichte und die Zeit schreitet. Oder vielmehr – wie die Zeit und die Geschichte durch ihn hindurch schreiten. Der Entwurf und Vorläufer zu meinem Buch «Secondhand-Zeit» war das Buch «Im Banne des Todes» über die Selbstmörder auf den Trümmern des sozialistischen Imperiums. Ein psychologisches Porträt des Zerfalls. Ich suchte die Menschen aus, darunter waren auch aufrichtige und charakterstarke Personen, die bis auf den Tod mit der Zeit und dem ­Sozialismus verbunden waren und sich darin eindrückten wie Schmetterlinge in den Beton. Und die ihr Leben mit dieser Idee gleichsetzten . . .

Die russische Kultur verfügt über die einzigartige Erfahrung des naiven und katastrophalen Versuchs, das Paradies auf Erden einzurichten, der mit einem Massengrab endete. Für mich schien diese Arbeit wichtig, weil die «rote Utopie» die Menschen noch lange in Versuchung führen wird. Diskussionen über den Sozialismus sind immer noch nicht vorbei. Eine neue Generation ist herangewachsen, die ein ganz anderes Bild von der Welt hat, aber viele junge Menschen lesen wieder Marx und Lenin. In den russischen Städten werden Stalin-Museen eröffnet und Stalin-Denkmäler enthüllt.

«Als wir gegen den Kommunismus gekämpft haben, haben wir das Ungeheuer besiegt. Und dann stellte sich heraus, dass wir nun mit den Ratten leben müssen.»

Allerdings hat es nichts mit der eigentlichen Idee des Sozialismus zu tun. In irgendeiner Variante ist sie in Frankreich, zum Teil auch in Deutschland zu finden oder in Schweden, wo ich lange gelebt habe. Ich spreche aber von der russischen Ausprägung, wie es etwa der Spruch in den Stalin-Konzentrationslagern ausdrückte: «Mit eiserner Hand zwingen wir die Menschheit zum Glück.»

Davon spreche ich: Eine Idee vergewaltigt das Leben. Nicht davon, dass die Gesellschaft und die Technologien sich dieser Idee nähern, sondern davon, dass man als Erstes einen neuen schönen Menschen schaffen will, der frei von ­allem wäre. Darüber äusserte sich der Künstler Ilja Kabakow einmal sehr gut: «Als wir gegen den Kommunismus gekämpft haben, waren wir stark, schön, wir haben uns selbst gefallen. Wir haben das Ungeheuer besiegt. Und dann stellte sich heraus, dass wir nun mit den Ratten leben müssen.»

Der Sozialismus ist nicht einfach Banditentum, wie man es manchmal darstellt. Es gab die Lager, und es gab auch unheimlich viele Idealisten. Als ich damals nach Kabul, zum Kriegsschauplatz in Afghanistan, gefahren war, stellte ich mit Verblüffung fest, dass all diese Jungs, die sich freiwillig an die Front gemeldet haben, Söhne der Dorflehrer, Ärzte und Bibliothekare waren. Die ganze Welt hielt sie für Mörder, und man hat auch Mörder aus ihnen gemacht, aber es waren Idealisten. Man musste also aufzeigen, was für eine ausgeklügelte und perfide Idee es war. Ich interessierte mich für diesen privaten Sozialismus: Wie ging man als Mensch in seiner Seele damit um? Und nicht, wie diese Idee sich irgendwie offiziell dargeboten hat.

Mythen

Mein ganzes Leben lang bekämpfe ich Mythen, und die Menschen trennen sich nur zu ungern von den Mythen über sich selbst, über das Land, über Stalin und Putin. Weil diese Mythen viel zu tief in unserem Unterbewusstsein stecken.

Mein Held ist ein kleiner Mensch. In meinen Büchern erzählt dieser kleine Mensch über sich selbst. Ich bin in die Realität verliebt und nicht in die Fiktion. Ich denke, dass die Kunst noch vieles davon nicht weiss, was alles im Menschen drinsteckt. Vieles ist noch nicht zu Papier gebracht worden. Deswegen höre ich den realen Menschen zu.

Ich habe die Enzyklopädie des «roten Menschen» geschrieben, die Geschichte einer Utopie. Nun heisst es aus irgendeinem Grund: Wenn man über den Sowjetmenschen schreibt, ist man sicher nostalgisch. Das stimmt nicht. Um die Zeit zu verstehen, in der wir gelebt haben, lasse ich jeden zu Wort kommen. Jeder schreit seine Wahrheit heraus. Ich selbst bin ein Mensch mit demokratischen Ansichten, aber um das Bild jener Zeit wiederzugeben, musste ich viele, ganz unterschiedliche Menschen ausreden lassen.

Das Leben beschleunigt sich, die Ereignisse überlagern sich, und die Literatur sucht nach neuen Formen. Wir haben nicht mehr die Zeit, um wie Leo Tolstoi in aller Ruhe einen Roman niederzuschreiben. Ich will über ein Ereignis aus Hunderten von Perspektiven erzählen, weil jeder seine eigene Wahrheit hat. Ich gehe zum Zeitzeugen in der Suche nach Ewigkeit . . . Zum Beispiel haben mich in «Der Krieg hat kein weibliches Gesicht» über Frauen, die als Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg waren, solche ewigen Fragen interessiert: Wie kommt ein Mensch mit dem Gedanken klar, dass er jemanden töten wird? Viel zu einfach sterben die Menschen, und viel zu einfach töten sie. Wie leben sie damit weiter? Darüber berichtet eine Frau. Natürlich hat sie ihre eigene Perspektive, und keine Ideologie wird sie bis zum Ende bezwingen: «Sie haben mir leidgetan, die einen und die anderen auch. Man geht nach einem Kampf über das Feld, die Toten liegen da, verstreut wie Kartoffeln, und starren in den Himmel.»

Zensur

«Der Krieg hat kein weibliches Gesicht» ist 1985 erschienen, aber gekürzt, verstümmelt. Die Zensur war beim Herausstreichen erbarmungslos. Ich weiss noch, wie sich der Zensor über folgendes Fragment empörte: Vorn geht ein Frauenbataillon, hinter ihm die Männer, und die Männer geben sich Mühe, sich nicht unter die Füsse zu sehen, weil sich auf dem Sand hinter den Frauen die Blutspuren ziehen. Frauen haben ihre Tage, sie brauchen Watte oder was auch immer, aber in der Sowjetarmee bekamen sie nichts dergleichen. Die Frauen haben sich geschämt. Als sie nun am Fluss an einer Übergangsstelle ankamen, gab es einen Luftangriff. Die Männer versteckten sich, und die Frauen rannten alle ins Wasser, um sich zu waschen – eine perfekte Zielscheibe! Sie wurden fast alle aus der Luft erschossen. «Was wollen Sie mit dieser Biologie! Sie sollen die Heldentaten schildern!», schrie mich der Zensor an. Ich versuchte ihm klarzumachen, dass zum Menschsein viel dazugehört, auch die Biologie.

Heimat

Meine Eltern sind gestorben, als ich im Ausland war. Meine Enkelin ist ohne mich gross geworden, und ich wollte nie im Westen bleiben. Meine Arbeit verlangt von mir, dass ich in der Heimat lebe. Die Rückkehr nach Weissrussland ist eine Art Kamikaze-Entscheidung gewesen, weil es hier sehr schwierig ist. Nur die Jugend rebelliert. Es ist schwer, mit Menschen zu sprechen, alle haben Angst. Die Opposition ist schwach. Aber ich bin ein altmodischer Mensch, und ich möchte zu Hause leben. Ein Schriftsteller ist viel zu sehr an sein Zuhause ­gebunden, an seine Geografie, wie es heisst. Warum denn sonst kam Solschenizyn zurück, Woinowitsch, Rostropowitsch? Diese andere Welt ist kom­fortabel, aber sie ist anders. Und man möchte doch zu Hause leben und glauben, dass auch hier ein Leben gut werden kann.

Politik

Es gibt in unserem Land mehr Verlierer als Gewinner. Deswegen entsteht das Gefühl einer aufgestauten Aggression. Das Wichtigste ist, wir haben es irgendwie geschafft, das Gute mit dem Bösen zu verwechseln. Wir dachten, wenn man Solschenizyn veröffentlicht, würde das Leben niemals wieder das alte sein. Doch als es dann so weit war, stürzten sich alle – daran vorbei – in etwas anderes, in den Konsum. Das Leben hat alle überwältigt. Vielleicht ist es sogar gut, dass man statt einer Kalaschnikow sich für eine Waschmaschine entschieden hat und dass die Energie dafür draufging. Aber sie war dann weg. Damals konnte man noch sagen, dass Stalin und Beria das Böse sind, es war noch personifiziert.

Wir haben die Welt zu uns nicht reingelassen, wir haben uns gegen sie versperrt. Und jetzt machen wir allen Angst, dass die Russen gute Soldaten sind, dass kein Preis uns zu hoch ist, dass das Menschenleben bei uns wenig wert ist. Wir kennen nur ein einziges Mittel, uns Respekt zu verschaffen – man soll sich vor uns fürchten. Wie konnte es passieren, dass Putin diese stalinistische Maschinerie so schnell wieder in Gang gesetzt hat? Schon wieder kann der FSB (ehemals der KGB) in jedes Haus stürmen, einen Computer beschlagnahmen, einen Blogger für ein Posting mit der Unterstützung für die Ukraine vom Gericht verurteilen lassen; überall im Land suchen sie nach angeblichen Spionen, den «ausländischen Agenten», wie es heisst. «Der Archipel Gulag» wird zu einem zeitgenössischen Buch . . .

 Die Menschen in Weissrussland wollen Veränderungen, und stattdessen gibt es Verhaftungen.

Das «rote Imperium» existiert nicht mehr, aber der «rote» Mensch ist ge­blieben. Es geht weiter. Die Zeit der Hoffnung ist von der Zeit der Angst abgelöst worden. Die Zeit dreht sich zurück . . . Die Zeit Secondhand . .? . Jetzt bin ich nicht mehr sicher, ob ich die Geschichte des «roten» Menschen bis zu Ende geschrieben habe . . . Unsere intellektuelle Elite muss endlich ihre Stimme erheben, Überlegungen anstellen, neue Ideen entwickeln, wo wir sind und was mit uns los ist. Einen Dialog mit der Gesellschaft aufnehmen. Zum ersten Mal in der russischen Geschichte hat sich die Elite Russlands vor ihrem Auftrag zurückgezogen. Apolitische Liebedienerei ist zur gängigen und lohnenden Ware geworden. Ohne jedes Ekelgefühl dient man sich plötzlich bei den Machthabern und Geldsäcken an. Ich hörte neulich von einem jungen Schriftsteller: «Ich bin teuer.» – «Meinst du deine Bücher?» – «Nein, meine politischen Dienstleistungen. Man muss nur eine richtige Mannschaft aussuchen.» Früher suchte sich ein anständiger russischer Schriftsteller etwas anderes aus.

Was die jüngsten Ereignisse in Weissrussland angeht, so kann ich sagen, dass es ein sicherer Suizid ist, wofür sich die Machthaber entschieden haben: Die Menschen wollen Veränderungen, und stattdessen gibt es Verhaftungen. Das ist ein Hinweis auf die Ohnmacht der Machthaber. Sie wollen zwar sagen, dass sie unerschütterlich sind. Doch das ist unmöglich. Das Leben verlangt von den Machthabern wie von der Opposition, sich mit der Zeit zu verändern. Dabei ist diese Unerschütterlichkeit sehr gefährlich, sie führt zu einer Explosion, die wohl keiner wirklich will. Denn die Explosion bedeutet immer Blut.

Meine Befürchtung ist, dass die Machthaber niemals ohne Blutvergiessen ihren Platz räumen. Ich denke, ein grosser Politiker muss ein nüchterner Mensch sein und genau spüren, wenn die Menschen anfangen aufzuwachen und sich als Bürger einzubringen. Ich denke, die Opposition sollte ein bisschen warten und mit den Menschen arbeiten. Das ist eine alte Formel, dass die Strasse alles entscheidet. Diese Protestenergie muss man speichern, zumal die Machthaber die Selbstkontrolle verlieren. Und das Wichtigste: Sie können uns keine Veränderungen bieten ausser Verhaftungen.

Mit Präsident Trump ist in den USA ein Mann an die Macht gekommen, der wie Putin einer Secondhand-Idee der gloriosen nationalen Vergangenheit und Zukunft nachhängt – was heisst das nun für die Welt? Das sind alles Ideale der Vergangenheit, Ideen der Vergangenheit, die die Gesamtentwicklung der Welt beeinflussen. Menschen haben Angst vor dem Zerfall Europas, vor Trump mit seiner autoritären Politik . . . Aber es gibt keine Ideen, die die Zukunft etwas durchleuchten könnten. Und am meisten Angst machen diese patriotischen «Wellen». In Russland schlägt der Patriotismus schon wieder in den Antisemitismus um. Die Erfahrung meiner Bücher, die Erfahrungen aus meinen Gesprächen mit den Menschen zeigen, dass die Kulturschicht sehr dünn ist und dass sie allzu schnell abblättert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2017, 19:50 Uhr

Swetlana Alexijewitsch

Eventi Letterari Monte Verità

Die 1948 geborene weissrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch wird am Freitag, 7. April, an den fünften Eventi Letterari Monte Verità über Utopien sprechen. Dies ist einer der Höhepunkte der diesjährigen Ausgabe des Literaturfestivals. Vier Tage lang widmen sich die Eventi Letterari Monte Verità in Ascona, die vom 6. bis 9. April dauern, dem Thema «Orte der Utopie». Zu den Festivalgästen gehören neben anderen auch die Schriftsteller Christoph Ransmayr, Alberto Manguel, Olga Grjasnowa und Peter Stamm, der Publizist Frank A. Meyer, der Physiker und Astronaut Umberto Guidoni. Informationen und Karten unter www.eventiletterari.swiss. (TA)

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