Kultur

«Man muss sich trauen, ein Riesenarschloch zu sein»

Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 27.12.2011 3 Kommentare

2011 war das Andri-Schenardi-Jahr am Stadttheater Bern: Der Dreissigjährige spielte den Hamlet – so aufregend, so unberechenbar, so verstörend, wie man das selten zu sehen bekommt.

Erwartungen hat er keine, denn so fährt er am besten: «2012 wird beschissen. Nein, grandios. Was wollen Sie hören?»

Erwartungen hat er keine, denn so fährt er am besten: «2012 wird beschissen. Nein, grandios. Was wollen Sie hören?»
Bild: Manu Friederich

Wir haben Sie beobachtet, Herr Schenardi: Sie waren Hamlet. Und am Tag nach der Premiere überschlug sich die nationale Presse vor Bewunderung. Das passiert Schauspielern an diesem Theater nicht oft. Was ist seither geschehen?
Man lächelt mich auf der Strasse an. Auch die «Schweizer Illustrierte» fand unser Theater interessant. Und von gewissen Filmleuten bekam ich Einladungen zu Castings.

Von welchen Filmleuten?
Darf ich nicht sagen.

Was bedeutet das Interesse von dieser Seite?
Viel. Die Filmszene ist ziemlich hermetisch, man bekommt nur schwer solche Aufmerksamkeit.

Die «SonntagsZeitung» hat Sie als «Aushängeschild» des Stadttheaters Bern bezeichnet. Hätte die Schweiz das Schild früher sehen sollen?
Keine Ahnung. Aber ich habe schon ungefähr mit diesem Erfolg und diesem Echo gerechnet.

Sie haben damit gerechnet?
Bestenfalls, ja. Wieso nicht?

Weil es bei Erfolgen meist heisst: Das hat mich jetzt total überrascht.
Man überlegt sich doch immer, wie es idealerweise herauskommen könnte. Und ich glaube schon, dass dieser Erfolg auch mit mir zu tun hat. Es ist eine sehr persönliche Arbeit geworden, und den Leuten gefällt es, wenn es persönlich wird.

Gab es Neid im Ensemble?
Wir halten zusammen und kommen auch mit Rivalitäten klar. Sehr viele hatten ja schon ihre ideale Rolle. Dass dieser Hamlet zu mir passte, lag auf der Hand.

Weil die Inszenierung Erich Sidlers genau jene Art von Gefährlichkeit und Undurchsichtigkeit von Ihnen verlangte, für die Sie auf der Bühne bekannt sind?
Vielleicht schon.

Der Erfolg hat auf Sie gewartet.
Kann sein.

Das Stück hätte schon ein Jahr früher herauskommen sollen. Doch dann hatten Sie eine bakterielle Infektion, die Sie in Lebensgefahr brachte. Ist man gebrannt nach so einer Erfahrung?
Ja, der Anblick so vieler ratloser Ärzte, das ist nichts Schönes. Und die Ahnung des eigenen Endes tut einem nicht nur gut. Man trägt eine gewisse Verletztheit davon. Zudem war ich drei, vier Monate lang enorm abgemagert.

Noch magerer? Man wundert sich ohnehin, woher Sie die Energie nehmen, die Sie auf der Bühne entfesseln.
Ich weiss es auch nicht. Aber ich vermute, es ist eine Emotionalität, die sich ihren Weg sucht.

Und den Körper antreibt?
Ja, sie setzt einen unter Strom. Am extremsten spüre ich das beim Tanzen, darum auch der viele Körpereinsatz im «Hamlet».

Sie hätten Tänzer werden können.
Ich wollte, aber ich habe es mir nicht zugetraut. Die Schauspielerei ist ein Kompromiss.

Machen Sie auch Kompromisse mit Ihren Regisseuren?
Es ist eher ein mysteriöses Geben und Nehmen. Als Schauspieler zwingt man sich manchmal zu Dingen, weil man annimmt, der Regisseur wolle das so. Und der hat dann von gar nichts gewusst. Allerdings teilen Erich Sidler und ich gewisse Ideen über Authentizität und Abgefahrenheit auf der Bühne.

Das gibt es im Theater: Authentizität?
Ja, schon.

Und was ist es genau?
Der Moment, da die Reflexion aussetzt und es einfach passiert. Das ist nicht immer möglich, aber es muss immer wieder kommen.

Was ist «es»?
Ein Kontrollverlust. Man kann nicht mehr selber entscheiden, was man gerade tut. Man ist von sich selbst überrascht.

Sie werfen die Krücke des Texts weg?
Nein, im nächsten Moment greife ich sie mir wieder. Sonst falle ich in ein Loch. Aber was ist das eigentlich für ein Mist, den ich hier erzähle?

Sie reden von Authentizität.
Vielleicht ein Beispiel. Vor kurzem vergass ein Kollege mitten im Stück seinen Text, und mir fiel in einer Millisekunde nichts Besseres ein, als ihm zu sagen: «Ach komm, halt doch deine Fresse.» Das war unglaublich authentisch.

Wie kann man authentisch sein?
Durch Vorbereitung. Je besser vorbereitet, desto flexibler bin ich, desto mehr kann ich mich dem aussetzen.

Wem?
Der fremden Seele. Ab heute bin ich, sagen wir, ein Riesenarschloch. Das muss man sich trauen.

Wie war es bei Hamlet?
Der Regisseur sprach von einem Sturm, einem Sturm aus Schmerz, Zweifel, Misstrauen. Mein Hamlet ist der Inbegriff dessen, der loslässt und alles riskiert, ganz ohne Angst.

Dann wäre Hamlet auch der Inbegriff des guten Schauspielers.
Ja. Und nein. Es gibt Figuren am Theater, die funktionieren gebremst.

Nichts für Sie?
Ich bin im Moment mehr der Loslasser. «Dezenz ist Schwäche», hat eine Lehrerin an der Schauspielschule gesagt. Ich persönlich finde das Quatsch und bin auch eher fein und dezent, aber eben derzeit nicht sehr im Dezenten daheim.

Ist Schauspielerei eine Therapie?
Sicher.

Wofür?
Ich fühle mich nach einer Vorstellung besser. Es tut gut, Emotionen freizusetzen. Das Adrenalin tut auch gut. Das Auflösen von Spannungszuständen. Das Ausschalten der eigenen Probleme.

Sind Sie darum Schauspieler geworden?
Nein. Die Idee kam erst spät, mit dem Schauspielern selber, da stand mir gar kein anderer Weg mehr offen. Zum Studieren hatte ich kein Talent, ich wollte etwas mit Gefühlen machen, einen Ausdruck für das Unerklärliche finden, so wie man das in der Kunst eben macht.

Man könnte Ihr Ideal des Schauspiels pathetisch nennen und sagen: Das ist eine Technik, ein Handwerk wie jedes andere.
Das ist es sicher, sogar grösstenteils. Aber der Rest ist entscheidend: dass man sich packen lässt von einem Impuls. Das ist etwas, das in der Luft ist.

In der Luft?
Es ist metaphysisch, vielleicht esoterisch sogar. Da muss man ehrlich sein. Es geht auch um Magie.

Sie standen schon mit acht Jahren auf der Bühne, daheim in Altdorf.
Ja, ich war Wilhelm, Tells kleinster Sohn. Später auch Walterli.

Ein Erweckungserlebnis?
Nein, ich wollte gar nicht, aber meine ganze Familie spielte da mit.

Das hat Sie nicht verdorben.
Es hätte passieren können. In der Schule wollte ich lange nichts mehr vom Theaterspielen wissen.

Sie waren in Ihrem Leben auch schon Hotdog-Verkäufer und Minibar-Mann. Was lernt man da?
Sehr viel. Zum Beispiel, wie man auf die Menschen zugeht. Und wie verschieden sie sind. Solche Sachen können Leuten wie mir sonst erspart bleiben, die bis zwanzig von der Welt nichts anderes gesehen haben als den Kanton Uri.

Beim ersten Mal sind Sie in der Schauspielschule durchgefallen.
Alle sagten immer: Du schaffst das. Aber erst beim zweiten Anlauf war mir klar, dass es auch einen Willen braucht, nicht nur Talent.

Woraus besteht das Talent?
Empathie. Musikalität. Derartige Dinge.

Und Auswendiglernen?
Das kann jeder, es ist trainierbar.

«Hamlet» ist zweieinhalb Stunden Text.
Das ist gar kein Problem, wirklich.

Sie haben einen neuen Vertrag bekommen und werden ab 2012 auch in der neuen Ära des Stadttheaters spielen. Was bedeutet Ihnen Bern?
Sehr viel, weil an diesem Theater sehr viel passiert ist in den letzten paar Jahren. Der Anfang in den Vidmarhallen war schlimm. Wir haben uns aufgerieben und bekamen immer nur Hiebe, vom Publikum wie von der Presse. Heute zieht das Schauspiel, wir haben sehr viel Aufmerksamkeit.

Ihre Erwartungen an die neuen Chefs?
Ich habe keine, damit fährt man am besten. Aber es wäre schön, wenn die Welle anhält, die uns heute trägt.

Kurz vor Ihrem Triumph als Hamlet sagten Sie, Sie könnten sich auch eine ganz andere Arbeit vorstellen - «im Sozialbereich zum Beispiel».
Das war Selbstschutz. Ich wusste damals noch nicht, ob es mit dem Vertrag klappt. Und es gibt für mich durchaus noch ein grösseres Glück im Leben als den Jubel im «Hamlet». Zum Beispiel jemandem helfen zu können. Ich habe eine soziale Ader.

Ist das dieselbe Empathie, die Sie zum Talent des Schauspielers zählen?
Ja. Meine Figuren sind meine Klienten.

Haben Schauspieler ein Problem, Beruf und Privates zu trennen?
Das Problem ist eher, dass man acht Stunden mit einer Figur und ihrer Energie gearbeitet hat und dann manchmal jemand im Privaten von dieser Energie etwas abbekommt.

Schauspieler sind als Mitmenschen schwierig.
Nicht generell. Aber es ist mir auch schon passiert, dass ich den Hamlet nicht auf der Probebühne gelassen habe: Ich war in diesem Jahr manchmal resoluter, als ich das eigentlich bin.

Beschäftigen Sie sich viel damit, wer Sie eigentlich sind?
Sehr viel, aber man kommt in Teufels Küche mit solchen Fragen. Vielleicht bin ich darum nicht bei Facebook. Da muss man schon wissen, wer man ist.

Erfolg heisst Erwartung. Spüren Sie den Druck?
Druck mache ich mir selber genug. Man hat mich auch schon einen Streber genannt.

Wieso das?
Weil ich meine Texte richtig lerne. Ich bin ein Idealist.

Haben Sie auch Fehler?
Ja.

Welche?
Ach, sehr schwierig. Ich höre, dass ich nachtragend sei. Oder kompliziert. Aber es gibt Schlimmeres als Kompliziertheit.

Haben Sie Gelegenheiten im Leben verpasst?
Nach der Matura hätte ich in einem flotten Lokal in Genf Barmann werden und das Leben dort auskosten können. Ich war aber zu feige dafür und habe dann drei Jahre lang fast gar nichts gemacht.

Was bringt die Zukunft?
Was weiss ich.

Und 2012?
Keine Ahnung. Aber es wird sicher beschissen.

Wieso?
Alles wird immer schlimmer. Nein, 2012 wird grandios. Was wollen Sie hören? Bei uns im Theater beginnt das Jahr sowieso erst nach der Sommerpause, mit der nächsten Saison.

Wie beenden Sie ein altes Jahr?
Mit einer Premiere in den Vidmarhallen. Am 31. spielen wir «Triumph der Liebe». Und diesen Triumph kann man sich ja fürs Leben überhaupt wünschen.

Schönes Schlusswort.
Gern geschehen. (Der Bund)

Erstellt: 27.12.2011, 08:20 Uhr

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3 Kommentare

daniel goldenberg

28.12.2011, 10:41 Uhr
Melden 7 Empfehlung

Der spricht intelligenter als CS CEO Dougan und ist wahrscheinlich eher unterbezahlt. Antworten


niggela ch

27.12.2011, 20:32 Uhr
Melden 1 Empfehlung

gut :-) Antworten




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