«Ach, das alte Klischee von den braven Schweizern!»
Von Corina Freudiger, Rico Bandle. Aktualisiert am 27.05.2010 15 Kommentare
Kabarett-Festivals
Spektakuli:
27. Mai bis 5. Juni, Miller's Studio, Zürich. Das Festival ist auf internationale Kabarettisten und Satiriker spezialisiert. Dieses Jahr reicht das Programm von Musikkabarett (Rebecca Carrington) über Skurriles (Helge und das Udo) bis zur ersten Poetry-Slam-Boyband (Smaat). Programm: www.spektakuli.ch.
Oltner Kabaretttage:
26. bis 29. Mai und 3. bis 6. Juni. Das traditionelle Festival mit Künstlern aus der Schweiz und dem angrenzenden Ausland findet bereits zum 23. Mal statt. Mit dabei ist auch das Duo Schön & Gut. Der am Festival verliehene Kabarettpreis «Cornichon» geht dieses Jahr an den deutschen Polit-Kabarettisten Hagen Rether. Programm: www.kabarett.ch
Links
- Schön & Gut, Infos und Tourneeplan
- «Die Patienten» von Marco Rima
- Internetauftritt von Viktor Giacobbo
Stichworte
Dieses Wochenende startet in Zürich das Spektakuli-Festival mit Komikern aus Österreich und Deutschland. Von denen sagt man, sie würden viel schärferes politisches Kabarett machen als die Schweizer.
Viktor Giacobbo: Ach, das alte Klischee von den braven Schweizern! Ein Lorenz Keiser ist genauso scharf wie jeder deutsche Kabarettist. Nur ist eben die politsatirische Form in der parlamentarischen Demokratie Deutschland eine andere als in der Schweiz, wo eine immerwährende Grosse Koalition regiert.
Marco Rima: Ich sehe mich nicht als politischer, sondern als unterhaltender Kabarettist. Ich versenke aber auch gerne ab und zu mal einen.
Wie geht ein politischer Witz à la Rima?
Rima: Ich hatte einmal eine Nummer über politisch korrekte Sprache. Da habe ich mich als Spaghettifresser ausgegeben, ich als Tessiner darf das ja. Da lachten die Leute. Dann habe ich Witze über Polen gemacht, über Frauen, über die Schwarzen. Am Schluss hast du das Publikum so weit, dass du sagen kannst: «Aber darüber lachen, das dürfen wir ja nicht, oder?» Da wurde es plötzlich ganz still.
Gibts Grenzen?
Rima: Ja. Wenn ich etwa mit Klischees über die Kirche herziehen würde wie Ingo Appelt, da würde ich ganz böse Briefe kriegen.
Giacobbo: Wir hatten aber auch schon Ausländer in der Sendung, die sich wunderten, was wir alles bringen können bei einem öffentlich-rechtlichen Sender. Die ganzen religiösen Themen. Oder die Metaebenen: Wenn wir fremdenfeindliche Witze reissen und dabei die treffen, die diese Witze machen. Josef Hader hat unsere, wie er sagte, «jazzige» Art und Weise sehr gefallen.
Schön & Gut, wie erschreckt ihr auf den Kleinbühnen euer Publikum?
Ralf Schlatter: Erst einmal haben die Leute in der Schweiz einen verspielten Umgang mit der Sprache. In Deutschland verstanden die Leute zum Beispiel nicht, warum wir noch Schnörkel machen, anstatt einfach jemanden aufs Korn zu nehmen. Wir haben auch böse Pointen, verbinden die aber mit einem Wortspiel und jubeln sie so den Leuten unter.
Anna-Katharina Rickert: Oder wir lassen eine Figur reden. Wenn eine Figur einen Missstand anspricht, kann sich das Publikum distanzieren. Das scheinen die Schweizer zu mögen.
Marco Rima, Sie gehören zu den wenigen Schweizer Komikern, die auch in Deutschland erfolgreich sind. Wie ist Ihnen der Sprung über die Landesgrenze gelungen?
Rima: Mit Geduld und Glück. Im deutschen Publikum von «Keep Cool»-Aufführungen sassen Produzenten, und denen gefiels. Dort wird das Fernsehen nicht von einem Monopol regiert. Die suchen ständig neue Leute, und wer auffällt, kriegt eine Chance.
Dass Sie ein Schweizer waren, hat keine Rolle gespielt?
Rima: Nein. Wir sind nicht explizit als Schweizer aufgetreten, sondern haben Programme gemacht über allgemeine Befindlichkeiten. Wir lachen und weinen alle über das Gleiche.
Giacobbo: Also ich wäre übrigens der Erste, der dafür ist, dass es mehrere Fernsehsender gibt in der Schweiz. Und mehrere Comedysendungen!
Warum haben Sie es im Ausland noch nicht versucht? Als bekanntester Schweizer Kabarettist?
Giacobbo: Was soll ich denn dort? Den Fredi Hinz oder den Ueli Maurer spielen? Bei mir kommt dazu, dass ich politische Satire mache. Die machst du an dem Ort, wo du lebst, wo du die Leute, die Sprache, die Politiker genau kennst und die Zwischentöne verstehst.
Was ist los mit den Frauen? Die sind in der Kabarettszene noch immer stark in der Minderheit.
Rickert: Komische Frauen irritieren.
Rima: In Deutschland sind die Frauen am Kommen. Da ist diese Münchnerin, irrsinnig lustig. Und hübsch.
Rickert: Siehst du, es geht um Äusserlichkeit. Und du weisst nicht mal ihren Namen!
Rima: Nein, nein. Die hat auch den Mut zur Hässlichkeit.
Rickert: Das kann ich schon nicht mehr hören; eine reine Reduktion aufs Äussere.
Rima: Als Mann musst du auch den Mut haben zur Hässlichkeit.
Rickert: Das ist etwas anderes. Wenn Reto Zeller einen verklemmten Pulli anzieht, denkst du nicht, der ist hässlich, sondern der ist verklemmt.
Rima: Kabarett war lange eine Männerbastion, das braucht Zeit.
Wenn man am Drücker ist wie Viktor Giacobbo, könnte man ja etwas nachhelfen.
Giacobbo: Im Schreiberteam unserer Sendung haben wir leider nur eine einzige Frau. Aber in der Redaktion machen die Frauen die Hälfte aus, und in unseren Sketchen und in der Liveshow treten regelmässig Kabarettistinnen wie Esther Schaudt, Anet Corti oder Frölein da Capo auf.
Schlatter: Beim Jahresrückblick «Bundesordner» im Casinotheater waren gleich viele Frauen wie Männer. Aber damit war auch gleich die ganze weibliche Szene versammelt.
Rima: Gruber heisst sie. Monika Gruber. Die ist der Hammer!
Wo ist eigentlich der scharf schiessende Nachwuchs?
Rima: Es gibt viele Leute, die unbekannt sind und ihr Publikum noch suchen. Ich habe in meinen Anfängen auch vor sieben Leuten gespielt.
Giacobbo: Ich habe mit zwanzig anderen vor acht Leuten gespielt.
Macht der Nachwuchs heute einfach Poetry-Slam? Slammer gewinnen ja vermehrt Kabarettpreise.
Giacobbo: Das ist eine der kreativsten Szenen im Moment. Und die pflegen auch weniger Vorurteile als zum Beispiel meine Generation. Letztes Jahr war Peach Weber in unserer Sendung, für Hardcore-Satire-Fans ist das ja ein Tabu. Einige Slammer freute aber genau das, denn für sie war Weber eine Initialzündung für ihre Poetry. Auch Fabian Unteregger, David Bröckelmann oder Michael Elsener, die auf unserem Mist gewachsen sind...
...Die machen aber nicht Poetry-Slam.
Giacobbo: Stimmt. Aber auch die sehen das nicht so eng. Die drei interessieren sich übrigens sehr für politische Inhalte, arbeiten aber mehr mit Parodie als mit ausgefeilten Texten.
Rickert: Imitatoren sind ja en vogue im Moment. Dabei geht es häufig nur noch um Form, nicht um Inhalt. Das Publikum flippt aus, wenn zum Beispiel Elsener den Kurt Aeschbacher imitiert und mit dem Po wackelt. Aber was der imitierte Aeschbacher sagt, ist sekundär.
Giacobbo: Was sagt er denn?
Rickert: Weiss ich nicht.
Giacobbo: Eben.
Rickert: So was interessiert mich einfach nicht! Mich interessieren Inhalte.
Giacobbo: Wie hast denn du angefangen? Mit der grossen Botschaft? Ich habe Trudi Gerster imitiert. Viele junge Kabarettisten haben Lust zu imitieren. Erst wenn sie eigene Programme gestalten, werden Inhalte wichtig. Dafür muss man ihnen eine Plattform bieten. Das Casinotheater ist eines der wenigen grossen Theater, die das tun.
«Giacobbo/Müller» ist mit rund 600'000 Zuschauern die bedeutendste Plattform für Kabarettisten in der Schweiz. Wer bei Ihnen einen Gastauftritt hat, wird schlagartig bekannt. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?
Giacobbo: Wir sind nicht das schweizerische Kabarettforum, wir sind eine Sendung. Wir haben keine objektiven Kriterien, wen wir einladen: Die Gäste müssen einfach in die Sendung passen.
Man hört ja auch immer wieder, Sie würden eine Mafia anführen, weil Sie auch noch Verwaltungsratspräsident des Casinotheaters sind.
Giacobbo: Ich verdiene keinen Rappen – weder an diesen Gastauftritten noch an denen im Casinotheater. Wir machen bei allen Gästen auf ihre Auftritte aufmerksam, egal, wo sie spielen. Da machen wir Werbung für die ganze Kleintheaterszene.
Kommt man denn an «Giacobbo/Müller» als junger Kabarettist überhaupt noch vorbei?
Schlatter: Wir sind der lebendige Beweis dafür!
Ihr gehört zur kleinen Minderheit, die nicht bei «Giacobbo/Müller» auftreten will. Weshalb?
Rickert: Ich gehe gern zu Viktor in die Sendung als ich, als Aki Rickert, und rede über ein Thema. Aber für das, was wir auf der Bühne machen, ist das Fernsehen nicht geeignet.
Schlatter: Sonst würden wir ja Drehbücher schreiben. Wir schreiben aber Theaterstücke. Das ist ein anderes Medium.
Marco Rima, Sie haben sich auch schon beschwert, dass über Ihre Produktion im Fernsehen nicht berichtet worden sei.
Rima: Ich habe ein gutes Verhältnis zum Schweizer Fernsehen und finde dort auch statt. Aber wenn am Premierenabend meines Musicals «Die Patienten» die «Tagesschau» nach London fliegt und Andrew Lloyd Webber zum 50. Mal abfilmt, dann frag ich mich schon, wo hier der Wurm drin ist. Ich trage meine Produktionen privat, und da bräuchte ich halt zwischendurch mal eine kleine Berichterstattung.
Damit wären wir beim Geld. Wie finanzieren Sie Ihre Programme?
Rima: Ich arbeite seit 20 Jahren ohne Subventionen. Wenn ich mit einer Pro Helvetia spreche, dann habe ich Mitleid mit diesen Beamten. Irgendwelche Politiker entwerfen Statuten, und denen von der Förderung sind die Hände gebunden! Die dürfen dann meine Projekte nicht unterstützen, weil sie zu wenig Kunst sind.
Giacobbo: Bis vor kurzem stand in den Statuten, dass Kabarett nicht gefördert wird.
Rickert: Das steht da immer noch.
Wie ist das in der Kleinkunst?
Schlatter: Bei uns kommen immer diese Fragen: «Könnt ihr denn von dem leben?» Oder noch besser: «Was, davon könnt ihr leben!»
Rickert: Die Antwort ist: Ja, wir können.
Schlatter: In der Schweiz herrschen auch paradiesische Zustände. Wir kriegen Fixgagen, und an den grösseren Theatern gibts Beteiligung. Und da sind Tausende von Freiwilligen, die ehrenamtlich all die kleinen Läden schmeissen, in denen wir dann auftreten können.
Aber das grosse Geld verdient man bei Firmenanlässen, den sogenannten Galas.
Rima: Mich interessieren Galas nicht. Ich habe meinen Preis so hoch angesetzt, dass man mich sicher nicht engagiert.
Giacobbo: Ich konnte nur einen sechsstelligen Betrag ins Casinotheater investieren, weil ich selber an Galas auftrat. Und das Casinotheater kann nur junge und unbekannte Künstler fördern, weil wir solche Galas veranstalten im Haus.
Wer beim Casinotheater Verwaltungsratspräsident ist, erhällt wohl keinen Millionenbonus?
Giacobbo: Nein, auch keinen kleineren.
Rima: Ich fahre mit meinem Bonus herum, einem Porsche. Den verkaufe ich vor jeder Produktion, damit ich ein Polster habe, für den Notfall. Du hast nur dich selbst und deine Gesundheit. Man kann immer wieder etwas Neues machen. Ich finde das auch lustig.
Schlatter: Von den eigenen Ideen leben zu können, das ist das Schönste.
Giacobbo: Find ich auch. Vor einen guten Publikum aufzutreten.
Rima: Und den Humor nie verlieren.
Giacobbo: Ja. Das wäre geschäftsschädigend.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.05.2010, 08:55 Uhr
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15 Kommentare
Ach Viktor, es ist kein altes Klischee, es ist ein Fakt: die Schweizer sind zu brav, jeder wäre sehr froh, wenn er in seinem Schneckenhaus in Ruhe gelassen wird, ab und zu streckt er seinen Kopf raus, schaut sich um und geht wieder ins Haus ... Ausnahmen gibt es natürlich .... Gib es zu ... Viktor Antworten
Wer wirklich bissige, politisch unkorrekte Satire will, welche dennoch bestens unterhält, der führe sich heute Abend auf ORF1 die Sendung "Willkommen Österreich" vor Augen. Stermann/Grissemann verstehen es bestens heikle Themen zu verarbeiten, Ihre Beiträge zum Tode Jörg Haiders sind kult. Liegt es an der Schweizer Mentalität, dass solche Formate hier keine Chance haben, und wir nur Giaccobo haben Antworten
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