«Als wir probten, brannte der Tahrir»
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Zur Person
Daria Gusberti (geb. 1974) absolvierte ihre
Tanzausbildung in Freiburg i. B. und an der
London Contemporary Dance School «The
Place». Ihre Soli zeigte sie im In- und Ausland.
Mit der Cie. Solo2 kreierte sie «Eine Billigproduktion
», das Stück wurde von der Schweizerischen
Autorengesellschaft SSA unterstützt.
2010 gründete sie das Label «Who’s Berta». Sie ist Mitbegründerin von «PF Motor», einer Plattform für interdisziplinäre
Experimente, und lotet mit Aktionen wie «Flexibler Markt» oder «Berta kocht» die Grenzen im Tanz aus. Mitinitiantin der Kunstbuchgalerie «Lehrerzimmer» im Progr. Mitherausgeberin der Berner Almanache «Tanz» und «Performance». Seit 2011 Präsidentin des Vereins der Tanzschaffenden tap.
Das Kairo-Stück wird am 10./11./12. 2. in der Dampfzentrale gezeigt, ab 28. 2. 12 im Rawabet-Theater Kairo. (mks)
Jahresrapport
Für vier Berner Künstler war 2011 ganz aussergewöhnlich. In der Altjahreswoche fragen wir: Wie wars? Und was wird?
Morgen im Jahresrapport: Der Musiker und Jungfi lmemacher Fabio Friedli.
Wir haben Sie beobachtet, Frau Gusberti: 2011 war für Sie ein aussergewöhnliches Jahr. Sie arbeiteten als Tänzerin und Choreografin zwischen Bern und Kairo. Sogar das
Schweizer Fernsehen SF hat über die Arbeit berichtet. Doch anders als geplant kam das Stück nicht auf die Bühne. Was ist passiert?
Ich arbeitete mit der Ägypterin Karima Mansour zusammen. Unmittelbar vor der Premiere in Bern brach der arabische
Frühling aus. Wir sahen uns gezwungen zu unterbrechen.
Das war im Februar 2011. Sie hätten ein anderes Projekt anpacken
können . . .
An Ideen mangelte es nicht. Aber die neuen Projekte wollten ihre Form nicht finden. Man trägt ein Tanzstück oft im Körper wie ein Kind. Es war fast fertig, wollte raus, durfte nicht. Das ist schwierig, blockiert. Denn Tanz lässt sich nicht
einfach weglegen wie ein Buch oder ein Notenblatt.
Jetzt ist Dezember, Sie kommen erneut von Kairo zurück. Wie fühlen Sie sich?
Ich bin froh, wieder in Bern zu sein. In Kairo zu arbeiten, ist anstrengend. Der Alltag in dieser Stadt raubt einem viel Energie.
Im «Kulturplatz» des Schweizer Fernsehens sah man Sie proben. Der Ort schien extrem eng.
Wir probten zuerst in einem bescheidenen Raum ausserhalb des Kairoer Zentrums. Dann in einem Theater. Wenn die Proben vorbei waren, ging Karima Mansour auf den Tahrir-Platz zu ihren Leuten. Die Aktionen und Demos dauerten meist bis in die frühen Morgenstunden. Karima war abgelenkt und erschöpft.
Wir haben trotzdem gearbeitet.
Wie kann man tanzen, wenn vor der Tür die Revolution tobt?
Dass es neben den Brandherden in Kairo eine Normalität gibt, vermitteln die Fernseh-Bilder im Ausland nicht. Ja, wir haben geprobt, während der Tahrir unter den hochgehenden Emotionen brannte. Die Spannung spürte ich dadurch, dass ich beim Tanzen mehr Zeit
brauchte, um im Körper einzutauchen.
Der Adrenalinschub, den die Betroffenheit auslöst, sollte doch eigentlich mithelfen, die Bewegung auf der Bühne zu intensivieren?
Nicht unbedingt. Wenn ich verdaut habe, was ich tanzen will, bringe ich mehr Intensität in ein Tanzstück. Eine
gewisse Distanz ist besser. Bewegungen müssen sich im Körper einschreiben und reifen. Wenn ich noch zu nahe am Thema bin, kann ich es weniger überblicken, reflektieren und dadurch weniger gut formen und vermitteln.
Heisst dies, die Kunst im Tanz ergibt sich für Sie weniger durch die Bewegung als durch die Reflektion?
Emotion ist für mich nicht der Hauptantrieb zu einem Stück. Das Konzept, die Recherche, die Suche sind mir sehr wichtig. Sie lösen dann Emotionen, Berührungen aus. Allerdings muss ich mich vom allzu Kopflastigen wieder lösen, wenn ich auf die Bühne gehe.
Es gibt Leute, die fragen sich ganz ernsthaft, was denn professionelle Tänzerinnen und Tänzer so tun, wenn sie nicht auf der Bühne sind.
Als Tanzschaffende muss man sich solche Fragen tatsächlich gefallen lassen. Es besteht offensichtlich ein Misstrauen gegenüber der Tanzkunst. Ich denke, oft kommt es aus Unwissen.
Und – was tun Sie?
Ich arbeite. Das Thema eines Stückes geht mir nie aus dem Kopf, egal ob ich auf der Bühne bin oder nicht. Es gibt da keine Trennung zwischen Beruf und Privatleben. Ich kann gut einige Wochen ohne Bewegung sein. Jedoch nicht ohne Inputs und künstlerische Inspiration.
Können Sie sich erklären, weshalb Tanz mehr als jede andere Kunst polarisiert? Entweder wird er heiss geliebt, oder er lässt kalt.
Darüber habe ich schon viel nachgedacht. Ich vermute, dass es vielen unbewusst Mühe macht, dass Tanzen mit
dem Körper zu tun hat. Viele Menschen haben zu ihrem Körper keinen Bezug. Sie kleiden ihn, benützen in wie ein Vehikel, das sie durchs Leben trägt. Aber sich mit ihm befassen wollen sie nicht.
Ausser es sei Klassischer Tanz! Im Ballett werden die körperlosen Tänzerinnen angehimmelt.
Stimmt, beim zeitgenössischen Tanz ist das anders. Da besteht das Problem, dass der Tanz nicht nur flüchtig ist, sondern auch abstrakt. Damit können viele nicht umgehen.
Der zeitgenössische Tanz ist die grössere Herausforderung?
Davon bin ich überzeugt. Im Ballett hat man eine Handlung, der man folgen kann. Ausserdem gibt es Rituale und konkret definierte Formen wie Pirouetten, Pas de deux, Arabesken. Im zeitgenössischen Tanz ist das Spektrum viel breiter. Als Zuschauer weiss man nie,
was einen noch erwartet. Jederzeit ist alles möglich. Das verunsichert.
Sie nicht?
Als Choreografin bin ich an dieser Offenheit interessiert. Sie macht den Tanz kompatibel mit vielem. Zum Beispiel mit anderen Kunstformen. Diese Verbindungen interessieren mich. Ich will als Choreografin Neues ausprobieren und als Tänzerin Grenzen verschieben.
Wenn Sie tanzen, stellen Sie sich vor Fremden aus. Kennen Sie Schamgefühle?
Nicht Scham im üblichen Sinn. Auch wenn ich meinen Körper zum Aktzeichnen den Studenten präsentiere, kenne ich keine Scham. Mehr Probleme macht
es mir, meine Arbeit zu zeigen. Da bin ich viel verletzlicher. Meine Arbeit auszustellen,
macht mich eher nervös.
Überlegen Sie sich, ob das, was Sie als Choreografin interessiert, auch für ein Publikum von Interesse ist?
Ich kann nicht verlangen, dass es alle interessiert. Aber ich hoffe und erwarte vom Publikum Offenheit. Und dass es
sich mitnehmen lässt auf neue Wege. Auch auf Wege, die die Kunst des Künstlers
hinterfragen. Ein Tanzstück muss so gemacht sein, dass es nachvollziehbar
ist. Und relevant.
Also keine Auftragsstücke?
An einfachen, gängigen oder emotionalen
Themen bin ich nicht interessiert. Ausser vielleicht in einer sehr ungewöhnlichen, eigenen Bearbeitung. Es sollte doch für das Publikum spannend sein, mit einem Künstler, der etwas zu sagen hat, unbekannte Wege zu gehen.
Sie plädieren dafür, dass ein Tanzpublikum nicht nur konsumiert?
Ich wünsche mir, dass es mitdenkt.
Sehen Sie sich als politische Künstlerin?
Politik hat mich immer interessiert. Als Jugendliche engagierte ich mich in der WWF-Jugendgruppe, ich habe Transparente aufgehängt, über Gentechnik und Abfallprobleme diskutiert und Frösche
gerettet. Aber in der heutigen Parteipolitik sehe ich mich selber eher nicht.
Sind die Kairoer im Vergleich zu den Bernern das bessere Publikum?
Sie sind engagierter.
Was heisst das?
Laut Karima Mansour, meiner Tanzpartnerin, hat die Revolution zahlreiche neue Kulturprojekte inspiriert. Das Volk ist aufgewacht. Die Künstler wagen mehr und lassen sich weniger verängstigen. Das Publikum strömt in Scharen herbei, nimmt Anteil, diskutiert. Ich hatte das Gefühl, es ist hungrig nach Auseinandersetzung und Kultur.
Ist das in Bern nicht so?
Es ist anders. In Bern spüre ich zuweilen viel Bequemlichkeit. Manchmal ist ein Haus nicht einmal bei grossen Namen voll. Die Leute sind satt. Es gibt eine gewisse Behäbigkeit, das macht es zuweilen schwierig, dass die Diskussionskultur über Sparten hinweg in Gang kommt.
Was erhoffen Sie sich?
Etwas Neues für Bern: Hier soll der konstruktive Meinungsaustausch und die lebendige Streitkultur Platz haben. Deshalb habe ich dieses Jahr «das Lehrerzimmer » mit angeregt, eine Kunstbuchgalerie mit Bar und Küche.
Das Lehrerzimmer?
So heisst der Raum im Progr, wo früher das Lehrerzimmer war. Hier richte ich zusammen mit dem Galeristen Michael Krethlow und der Künstlerin Maia Gusberti einen öffentlichen Diskussions- und Begegnungsort ein. Er soll für Vertreter aller Kunstsparten offen sein. Im März 2012 wollen wir ihn eröffnen.
Mit dem Tanz- und Performance-Almanach haben Sie 2011 ein weiteres
Projekt erfolgreich angerissen . . .
. . . ja, und auch das wird erst 2012 abgeschlossen. Als Standardwerk soll es die Berner Tanz- und Performanceszene abbilden und ihr zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen, die Lebendigkeit der Berner Tanzkunst greifbar machen und ein Gefühl dafür vermitteln, was alles da ist und wofür es sich zu kämpfen lohnt.
Was bedeutet für Sie Erfolg?
Wenn ich mit meiner Arbeit zufrieden bin und beim Publikum eine Emotion auslösen kann. Zustimmung oder Ablehnung, es darf beides sein. Das Schlimmste ist Gleichgültigkeit. Ich will die Leute berühren, ich will sie erreichen. Aber ich messe meinen Erfolg nicht an der Grösse des Publikums, das mir applaudiert.
Erfolg könnte auch bedeuten, von der tänzerischen Arbeit leben zu können?
Zu einem Teil sicher. Ich habe aber nicht den Anspruch, dass es 100 Prozent sein muss. Wenn ich totale finanzielle Sicherheit suchte, müsste ich wohl aufhören zu choreografieren. 2011 war finanziell ein schwieriges Jahr. Ich musste als Lehrerin Stellvertretungen übernehmen und gab – wie seit mehreren Jahren – auch Tanzunterricht. Ich hoffe 2012 ernten zu können, was ich in dem kontroversen Jahr 2011 gesät habe.
Wie beenden Sie das alte Jahr?
Ich werde Silvester mit Freunden in
Brüssel verbringen. Mit Musikern, Künstlern, Tanzschaffenden. Brüssel ist ein spannender Ort, ich freue mich auf anregende Diskussionen und ein gutes Essen. Das neue Jahr beginne ich in Brüssel und Berlin. Danach gehts in Bern ans Eingemachte: Ende Januar kommt Karima Mansour von Kairo nach Bern, und dann wird «Whilst closely gazing at the soup» endlich uraufgeführt. Ich bin froh, wenn ich danach vorwärtsschauen kann und mich frei fühle für neue Projekte.
(Der Bund)
Erstellt: 29.12.2011, 12:33 Uhr
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