Kultur

Auf dem Catwalk der Kojoten

Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 04.01.2012

Als jämmerliche Karikaturen lässt Regisseur Max Merker hohe und niedrige Blaublüter im Lustspiel «Das Glas Wasser» fighten.

Sir Henry (Ingo Ospelt) und die Theaterkönigin (Milva Stark).

Sir Henry (Ingo Ospelt) und die Theaterkönigin (Milva Stark).
Bild: A. Boutellier

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«Das Glas Wasser»

Die Vorstellungen bis 11. 2. sind bereits ausverkauft. Es gibt noch Karten für die Aufführungen vom 19., 25. und 26. 2., www.stadttheaterbern.ch.

Nach den Wahlen sind sie für ein bisschen Rampenlicht zu haben. Artig spielen sie mit, die Damen und Herren unterschiedlicher Parteicouleur, obwohl der rote Teppich im Hotel Bellevue nicht für sie ausgerollt wird. Als Statisten warten der Berner Stadtpräsident und weitere Polit-Promis geduldig auf eine prächtige Theaterkönigin (Milva Stark), die das monarchische Winkewinke heutiger Blaublüter perfekt beherrscht.

So majestätisch wie deren Auftritt ist auch die Kulisse, die das Hotel Bellevue dem Stadttheater für eine wahrhaftig königliche Intrige am Hof der letzten Königin der Stuarts zu Verfügung stellt. Was der wenig resoluten Queen Anne (1665–1714) hätte widerfahren können, hat sich der französische Dramatiker Eugène Scribe in «Das Glas Wasser» (1840) ausgemalt. Bitterbös ist die Komödie, sein erfolgreichstes Stück, das ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Wie zeitlos aber dieses saftige Lustspiel um Krieg und Liebe, Macht und Intrige ist und wie spitzig die Dialoge sind, daran haben sich nicht nur der Berner Schauspielchef Erich Sidler und sein Team erinnert, im Mai bringt das Zürcher Schauspielhaus die Wirrungen um einen jungen Fähnrich in der Regie von Altmeister Werner Düggelin auf die Pfauenbühne.

Die Mechanismen der Macht

Alle – vom Ladenmädchen bis zur Königin – wollen sie ihn, Masham, den tumben Tor mit dem reinen Herzen, der aber, so flüstert man, im Souterrain besser ausgestattet sein soll als im Oberstübchen. Doch der treuherzige Begehrte hat nur Augen für seine Abigail, ein armes hübsches Gänschen, das aber am Hof schnell die Mechanismen der Intrige kapiert. Dass da immer einer ist, der am Krieg verdient, und eine, die alles durchschaut und längst weiss, dass für eine siegreiche Strategie auf dem diplomatischen Parkett der Zweihänder so wenig taugt wie auf dem Schlachtfeld der Begierde, führt Scribe mit sehr französischer Nonchalance vor.

Für diesen Nahkampf auf allen Ebenen hat der junge deutsche Regisseur Max Merker im Bellevue einen Laufsteg (Bühne: Stefanie Liniger) einrichten lassen. Einen veritablen Catwalk, auf dem sich allerdings keine Königstiger tummeln, sondern lauter Hyänen und Kojoten, mit Ausnahme des bettwarmen Schmusekaters Masham (Sebastian Edtbauer), nach dem die Damen schmachten.

Königin am Gängelband

Ihre Krallen fahren sie alle aus, allen voran Lady Churchill (Sabine Martin), die auch die Königin am Gängelband hat, in Sir Henry (Ingo Ospelt) aber einen ebenbürtigen Gegner gefunden hat. Von Begierde und Machthunger zerfressen, mutieren sie auch alle zu jämmerlichen Karikaturen: Der französische Gesandte (Jonathan Loosli) ist so halbseiden wie seine lila Satinhose, mit ihrem endlosen Augenverdrehen und Buckeln nervt Abigail (Nadine Schwitter) als affektiertes Dummerchen, und Marcus Signer irrlichtert als Butler mit seinem weidwunden Herz wie ein untotes Faktotum durch die Gemächer. Doch allen Überzeichnungen zum Trotz will das Intrigenkarussell nicht in Fahrt kommen, findet doch Merker für die gekürzte Fassung keinen überzeugenden Rhythmus. Weder die Leidenschaft noch der Hass kommt zwischen den Figuren zum Knistern. Jede bleibt für sich, gefangen in den Mätzchen, die ihr der Regisseur verordnet hat. Zu oft und zu lang werden die gleichen Gags zelebriert, die mit den Wiederholungen kaum gewinnen, zu willkürlich sind die eingestreuten Witzchen, mal darfs Lady Di sein, mal Monsieur Sarkozy.

Michael Frei am Klavier und die Cellistin Kathrin Bögli grundieren zwar das böse Spiel mit einer überzeugend dunklen abgründigen Patina, doch der Geschmeidigkeit dieses Soundtracks zum Trotz bleibt die Inszenierung hölzern. Und völlig aus dem Takt gerät sie kurz vor Schluss, als noch eine Pause angesetzt wird, auf dass auch das Publikum die letzten 20 Minuten ein bisschen mitspielen darf. Als Hofstaat, eine Rolle, die so unnütz ist wie jene der Politiker. (Der Bund)

Erstellt: 04.01.2012, 08:08 Uhr

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