Auf in die Klanglandschaft

Ruedi Häusermanns neuer Musiktheaterabend «Piano forte» in der Schiffbau-Box arbeitet mit einem Hochsitzklo, einem vertonbaren Fahrstuhl und einer mannsgrossen Viertelpause.

Ruedi Häusermann hat einen sportiven Pianistenwettbewerb erfunden, um seine Kompositionen aufzuführen. Foto: Matthias Horn

Ruedi Häusermann hat einen sportiven Pianistenwettbewerb erfunden, um seine Kompositionen aufzuführen. Foto: Matthias Horn

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Heiter ist, naturgemäss, der Höhepunkt dieses Abends, an dem vor uns ein Museumsraum aufgebaut wird – mit leeren Bilderrahmen. «Wie Sie wissen, wenden wir uns in unserem aktuellen Zyklus der Pause zu», erklärt Johannes Sima, der für uns den kunstpädagogischen Erklärbär mimt. Und wir? Wir sind schon längst von einer entspannten Heiterkeit umfangen an diesem Abend, an dem uns Ruedi Häusermann seine jüngste musiktheatralische Erfindung «Piano forte» zeigt. Sie ist aus einer Vielzahl von Einzel­ideen und Miniaturszenen komponiert. Dazu gehören unter anderem ein Hochsitzklo, ein vertonbarer Fahrstuhl – und die bereits erwähnte Museumsszene, die ihr Finale erreicht, als die Skulptur einer menschengrossen Viertelpause enthüllt wird, also jenes Zeichen aus zwei Zacken und einem Schwung, das Musiker für den Wert einer Viertelnote innehalten lässt.

Die eigentliche Kunst im Leben bestehe darin, die Fröhlichkeit nicht einzubüssen, hat Robert Walser einmal gesagt. Und niemand nimmt dieses Motto so angenehm ernst wie Ruedi Häusermann, der nun seit mehr als 20 Jahren in Theaterräumen flüchtige Kunstwelten erbaut, in denen wir Schutz vor der profanen Wirklichkeit finden können.

Höherer Blödsinn

Ein solcher Abend im Schutzraum der Kunst ist auch die «Piano forte»-Soiree, die Häusermann als Schlaufe ­inszeniert hat: Zu Beginn wie am Ende findet sich das Grossensemble aus Musikern, Statisten und Schauspielern in einem «Tonhalle»-Gebäude ein, das auf der Bühne nicht viel grösser ist als ein Mini-Van. Und in deren Verschlingung aus höherem Blödsinn und Klangkunst auch der «Schöpfer» der Viertelpause sein «Werk» erklärt. «Unlängst», sagt dieser, sei er gebeten worden, einen Beitrag zur «Pausendiskussion» zu leisten. Das habe ihn interessiert, sagt der «Schöpfer» (Christian Baumbach), habe er doch schon in der Schule nichts so sehr geliebt wie die Pause.

Wer diesen Humor mag, wird sehr glücklich vor Häusermanns «Piano forte» sitzen. Und sich dabei vielleicht an den Witz erinnern, den der 67-Jährige bei einer Veranstaltung vor der Premiere erzählt hat. Demnach suchte er vor seiner Theaterkarriere nach Tricks, um Hörer für seine Musik zu finden, nachdem «aufgeflogen» sei, dass «The Immervolle­säle» mehr versprach, als Häusermanns gleichnamige Free-Jazz-Combo leisten konnte. Das ist die kürzeste Fassung von Häusermanns Biografie, die nun in einem Buch mit dazugehöriger Klangspur dokumentiert ist.

Häusermanns «Umwege zum Konzert» sind in den vergangenen Jahren kürzer geworden: Er hat Möglichkeiten gefunden, im Theater seine Kompositionen für Klavier und Streicher zu «optisieren» und zur «szenischen Anhörung» zu bringen, wie er selbst diese Vorgänge nennt. Das sieht man auch bei seinem «Piano forte»-Abend, der seine jüngsten Kompositionen für präparierte Klaviere zur Uraufführung bringt.

Ein High Five im Jenseits

Dafür er hat einen sportiven Pianistenwettbewerb erfunden. Und lässt von ­seinem Ensemble wiederholt andere Räume bauen – vom Musikladen bis hin zu den engen Klavierzimmern, die man kennt, wenn man jemals einen Fuss in ein Musikkonservatorium gesetzt hat. Das erinnert ein bisschen an ferne Stunden in der eigenen Kindheit, als man mit bedruckten Bauernhof-Kartonbögen seine Fantasie spielen liess.

Als grosser Bewunderer Robert Walsers ist Häusermann selbst ein Virtuose darin, wie im Spazierengehen unbekanntes Terrain für seine Fantasie zu finden. So lässt er mit Hellraumprojektoren Notenlinien auf den nackten Betonwänden der Schiffbau-Box erscheinen – und man ertappt sich beim Gedanken, dass man diese Idee doch schon aus dem Bichsel-Abend kennt, der 2007 an gleicher Stelle über die Bühne ging. Damals wurden mit nassen Schwämmen die flüchtigen Töne zwischen die projizierten Linien gemalt. Diesmal greift das Ensemble zu Tennisbällen und schmeisst sie gegen die Linien. Und jeder nasse Fleck, der da auf der Notenwand erscheint, wird von den Musikern gespielt. Sollte Häusermann jemals sterben, ist ihm im Jenseits ein High Five von John Cage auf sicher.

Klangräume erschliessen

«Der Schritt ins Jenseits» war 1992 der Titel von Häusermanns erstem Musiktheaterabend. Und nicht erst seit damals ist es sein vordringlichstes Ziel, neue Klangräume zu erschliessen.

Man darf sich denn auch nicht grämen, dass im «Piano forte»-Abend so vieles in mattem Grau gehalten ist: Der Museumsraum wie auch das Telefon, an dem Rahel Hubacher Bestellungen für das abschliessende Konzert in der «Tonhalle» entgegennimmt, ist aus grau bemaltem Sperrholz – und soll selbstverständlich auch so sein. Denn nichts darf an diesem Abend so vielschichtig und farbig sein wie der Klang von Häusermanns Kompositionen für präparierte Klaviere und mensch­liche Klangkörper. Aber diese musika­lische Landschaft der Zwischenräume muss nun jeder für sich selbst ent­decken. Ganz ohne Erklärbär.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.01.2016, 18:53 Uhr)

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WerkschauBuch zu Häusermanns Schaffen

«In seiner Arbeit lässt dieser Regisseur/Musiker den Text sich selbst fassen . . . Die Musik also lässt die Sprache in ihrer Beredsamkeit ins Leere laufen, und dort, im Nichts, entsteht sie neu, als eine andere», formuliert Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in «Umwege zum Konzert» über Ruedi Häusermann. 2007 hat er in Wien ihren Text «Über Tiere» uraufgeführt; und Jelineks musikalisch-analytisches Mäandern über Sprache und Musik in seinem Werk ist eine Hommage an den 1948 in Lenzburg geborenen Künstler, die weit über einen Knicks hinausgeht. Das Häusermann-Buch ist ein wunderbares Fotoalbum von den Lenzburger Anfängen bis heute und lässt auch ein Stück Schweizer Kulturgeschichte durchscheinen. Häusermanns Weg vom Handwerkersohn und kleinen Klarinettenspieler zum grau melierten Theatermacher zeigt «Umwege zum Konzert» im Bildpanorama und mit klugen Texten von Wegbegleitern, Künstlern und Kritikern, samt ausführlichem Werkverzeichnis und hundertstündiger Klangspur.(ked) Judith Gerstenberg (Hg.): Umwege zum Konzert – Ruedi Häusermann, eine Werkschau. Theater der Zeit, Berlin 2016. 325 S., ca. 60 Fr.

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