Das Grauen bei den Grimms

Herbert Fritsch liest im Pfauen die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm als schwarzhumorige Gaudi – inklusive Trampolingehopse und Hungerleichen-Kollektion.

Gut gelaunt und auf Zombie geschminkt: Szene aus «Grimmige Märchen». Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

Gut gelaunt und auf Zombie geschminkt: Szene aus «Grimmige Märchen». Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

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Es war einmal ein Theaterberserker. Bis er auszog, das Spielen zu lernen – 2007, als er vorderhand wegging von Frank Castorfs Volksbühne. Seither ist er Herbert im Glück. Er hat sie hinter sich ­gelassen, die schweisstreibenden Sinnsuchereien, die schwermütigen Abendland-Abdankungen; und seine munter-monströsen Inszenierungen werden mit schöner Regelmässigkeit ans Berliner Theatertreffen geladen, sein Gesamtwerk wurde mit dem Theaterpreis Berlin 2017 geehrt.

Relevanzhubernde Textreproduktionsmaschinerien mit ihrer «Tristesse» interessierten ihn nicht, sagte Herbert Fritsch einmal im Gespräch mit dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Sondern die lustvolle Übertreibung und Übertretung des Text- und Konventionengefängnisses, «der Luxus der Freiheit» und «der Rausch der Bilder». Was könnte da besser passen, als dass sich diese Theaterscheherazade im Alter von 66 Jahren die gesammelten «Kinder- und Hausmärchen» der Brüder Grimm zur Brust nimmt? Und dabei fröhlich Orient und Okzident in eins imaginiert? Eben.

Darum ist der grosse Guckkasten im Pfauen jetzt auch ganz und gar mit ­märchenhafter, knittriger Goldfolie ausgekleidet; und er ist gefüllt, überfüllt mit einem 1001-Nacht-Kissen im XXXL-Format. Genau so muss ein typischer Fritsch-Freispielraum aussehen! Der Mann wurde schliesslich auch als Bühnenbildner mehrfach ausgezeichnet.

Gegen Goldwände rennen

Auf dem bauschigen Kissen mit dem arabesken Kelim-Muster kann man herumklettern und balancieren. Man kann untendurchkriechen oder auf dem Trampolin herumhüpfen, das in der ­Kissenkuhle versenkt ist – der Clou mit dem Trampolin ist bekanntlich einer der Lieblingstricks des Regisseurs und seines Publikums.

Gegen die Goldwände wiederum kann man anrennen und wird zurück­gespickt wie eine Zeichentrickfigur. Sowieso entpuppen sich die «Grimmigen Märchen» von Herbert Fritsch bei der Uraufführung am Freitag vorwiegend als Gaudi; als ein gut gelauntes Märchen­gehopse von acht tadellosen, auf Zombie geschminkten Theaterartisten. Das bedeutet nicht, dass Fritsch Angst hätte vor dem Grauen, das die Märchen behandeln und zu bannen versuchen: die Not, die Sexualität und die Gewalt – Themen, mit denen sich die Märchenforschung seit langem auseinandersetzt. Im Gegenteil: Fritsch legt beispielsweise eine Kollektion der Hungerleichen an, die bei den Grimms en masse vorkommen. Und die grimmsche Version der sexualisierten «Blaubart»-Geschichte wird mit Klamauk und Höllenfeuerspektakel ausgespielt. Es versteht sich von selbst, dass man sich mit einem Trampolin auch wunderbar durch «Das Lumpen­gesindel» frotzeln kann, wo Hähnchen und Hühnchen sich mit reifen Nüssen «eine Lust miteinander machen».

Die Kostümbildnerin Victoria Behr hat Florian Anderer, Henrike Jörissen, Claudius Körber, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Nicolas Rosat, Markus Scheumann und Friederike Wagner für alle diese schrecklich-scheckigen Lustbarkeiten in ein Schauer-Outfit gesteckt und sie so ausstaffiert, dass man sie kaum erkennt. Die Augen sind rot gerändert, auf der Iris sitzen gruselig weisse Kontaktlinsen. Die hochtoupierten Perücken in Gelb, Lila, Orange und Grau wirken wie grotesk überzeichnete Vampirfilmzitate. Die Hälfte der Männer sind als Frauen unterwegs, seis Prinzessin oder Magd. König und Kind, Zwerg oder Jungfrau, Rapunzel und Jungmann, alle klassischen Rollen rollen hier sportlich durch die 100 Minuten, in denen etwa der Satz «sie hatten kein Brot» jeweils zu den furchtbarsten Szenarien führt.

«Mein Vater, der mich ass»

Bei «Hänsel und Gretel» geht zwar am Ende alles gerade noch gut aus – das entsprechende Kinderlied wird von den acht Schauspielern zum Auftakt des Abends in verzogenem Katergesang ins goldene Boudoir gejault. In «Die Kinder in Hungersnot» aber sagt die Mutter, die vor Hunger wahnsinnig ist: «Ich muss dich töten, damit ich etwas zu essen habe.»

Und ihre Töchter flüchten sich in einen tiefen Schlaf bis zum jüngsten Tag. Anderswo betet sich die verhungernde Mutter mit ihren vielen Kindern zu Tode; die reiche Schwester hatte ihr nicht einen Krumen abgeben wollen. Die Armut und das Auseinanderklaffen der Vermögensschere ist im 18. und 19. Jahrhundert so brutal wie die Krankheit, die noch das herzigste und strahlendste Bübchen dahinrafft («Das Totenhemdchen»). Ohnehin verschlägts dem Zuschauer ob der zahlreichen toten Kinder bisweilen den Atem. Man hört, «Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben»; oder wie das Vögelchen «Von dem Machandelboom» singt über «Mein Mutter, der mich ’schlacht, mein Vater, der mich ass». Die Märchen werden spielerisch nebeneinandergestellt, ineinandergeschnitten, der Schmerz ausgestellt – aber niemals herausgeschrien. Denn Fritsch ist Entertainer auf dem Hochseil, kein Psychoanalytiker in den Untiefen der Seele.

Das ist im Grossen und Ganzen auch gut so. Und gerade, als das Unvermeidliche geschieht und man anfängt, aus der Bezauberung hinauszugleiten und hinein in einen Überdruss, bricht Markus Scheumann die ausgebuffte Märchen-Collage mit einer hinreissend selbstironischen, höchst gegenwärtigen Comedy-Impro, für die allein schon der Besuch der «Grimmigen Märchen» sich gelohnt hat.

Bis 3. Juni (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2017, 11:52 Uhr

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