Kultur

Das Happy End ist pures Kopfkino

Von Mariel Kreis. Aktualisiert am 28.11.2011

«Filmmusik-Papst» Frank Strobel macht die Aufführung des Stummfilms «Der Rosenkavalier» im Berner Stadttheater zum grossartigen Erlebnis.

Eine Tradition: Bereits 2009 stand der Rosenkavalier auf dem Spielplan des Stadttheaters (eine Aufnahme der Inszenierung von Dieter Kaegi).

Eine Tradition: Bereits 2009 stand der Rosenkavalier auf dem Spielplan des Stadttheaters (eine Aufnahme der Inszenierung von Dieter Kaegi).
Bild: Keystone

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Alle Jahre wieder gräbt das Berner Symphonieorchester in den Stummfilmarchiven nach Trouvaillen. Heuer ist die Wahl auf den 1925 entstanden «Rosenkavalier» gefallen. Mit ihm kommt der Münchner Frank Strobel in die Hauptstadt, der «Filmmusik-Papst unter den deutschen Dirigenten», wie ihn die Tageszeitung «Die Welt» bezeichnete. Vor kurzem noch mit Fritz Langs Filmklassiker «Metropolis» an der Mailänder Scala, führt Strobel das Berner Symphonieorchester punktgenau durch die bewegten Schwarzweissbilder. Das Stadttheater offenbart sich mit seiner Atmosphäre als einzigartiger Aufführungsort und setzt dem Abend sein i-Pünktchen auf.

Heute kommen Kassenschlager wie «Der König der Löwen» als 3-D-Erlebnis erneut auf die Kinoleinwände und die Kassen klingeln. Ganz ähnlich habe es sich 1925 mit dem Stummfilm «Der Rosenkavalier» verhalten, erzählt Frank Strobel im Einführungsgespräch. Mit der Technologie Film wollte man am Erfolg der 1911 uraufgeführten Oper «Der Rosenkavalier» von Richard Strauss (Libretto: Hugo von Hofmannsthal) anknüpfen.

Ein Ochs will heiraten

So wurde dieser Stummfilm zu einem frühen Beispiel der multimedialen Verwertung einer beliebten Oper. Im Zentrum des «Rosenkavaliers» steht der verarmte und in die Jahre gekommene Baron Ochs von Lerchenau, der angereist ist, um in Wien die junge, reiche Sophie zu heiraten. Dazu benötigt er nach alter Sitte einen Rosenkavalier, welcher der Braut die Ankunft des zukünftigen Ehemanns ankündigt.

Die Marschallin schlägt dem heiratswilligen Lebemann ihren jungen Liebhaber Octavian vor. Als dieser der schönen Sophie eine silberne Rose überbringt - wie kann es anders sein -, verlieben sich die beiden auf der Stelle unsterblich ineinander. Das Chaos um Intrige, Liebe und Enttäuschung beginnt.

Wie ärgerlich! Wie aufregend!

Richard Strauss selbst adaptierte die neoklassizistische Opernpartitur zu rein instrumentaler Filmmusik. Die Musik bewegt sich unter dem Deckmantel der Romantik, manchmal auch des Barocks, am Rande der Tonalität, verlässt diese sogar ab und zu. Auch wenn die Klänge oberflächlich immer wieder simpel erscheinen, sie sind es nie.

Nur ganz selten bedient sich der Komponist der verpönten Klischees der Stummfilm-Musiken wie beispielsweise dem Nachahmen von Schritten. Vielmehr sorgt Strauss mit seiner ausgeklügelten Instrumentierung und der ausgefallenen Klangsprache immer wieder für Überraschungen und öffnet die Tür zum tieferen Sinn der Handlung. Somit untermalt die Musik nicht nur die Geschichte, sondern erzählt sie gleichsam mit.

Den knapp zweistündigen musikalischen Marathon voller Virtuosität und Tücken meistert das Berner Symphonieorchester erstklassig. Nur für einen kleinen Moment steigt Enttäuschung auf: Tief im roten Sessel versunken, die Augen gebannt auf die Leinwand gerichtet, spürt man - der Höhepunkt steht unmittelbar bevor. Und dann, urplötzlich, flimmert in weissen Lettern über die schwarze Leinwand: «Hier endet der überlieferte Film.»

Wie ärgerlich! Doch die Musik fliesst beharrlich weiter und schlüpft nun notgedrungen gänzlich in die Rolle der Erzählerin. Und es funktioniert: Die letzten zehn Filmminuten spielen sich - unterstützt durch einige kurze Handlungstexte, diverse Standfotografien und einige wenige Szenen aus dem überlieferten Kinotrailer - nur noch im Kopf ab. Denn die letzte Filmrolle des 1925 entstandenen Stummfilms «Der Rosenkavalier» ist verschollen. (Der Bund)

Erstellt: 28.11.2011, 08:02 Uhr

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