Das Preisgeld fliesst in ihre Produktion

Martin Zimmermann und Dimitri de Perrot sind die erfolgreichsten Tanztheatermacher der Schweiz. Gestern erhielten sie bereits zum dritten Mal den Schweizer Designpreis für ihr Bühnenbild

Zimmermann (r.) und de Perrot proben «Hans was Heiri».

Zimmermann (r.) und de Perrot proben «Hans was Heiri». Bild: Mario del Curto

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Halbe Baumstämme, Stühle, haufenweise Holzlatten und ein zersägter Tisch stehen im Raum, ein rhythmisches Knacken und Knistern kommt vom Plattenteller, und vier fremdsprachige Artisten üben einen schweizerdeutschen Jodel, während zwei andere ihre Körper warmbiegen, um für die nächste Szene bereit zu sein: In einer dem Abbruch geweihten Industriehalle hinter dem Prime Tower probt das Zürcher Regieduo Zimmermann & de Perrot sein neustes Stück «Hans was Heiri», das im Januar Premiere feiern wird. Fünf international bekannte Zirkusartisten und Tänzer werden gemeinsam mit dem akrobatischen Clown und Choreografen Zimmermann und dem Komponisten und DJ Dimitri de Perrot auf der Bühne stehen. Wobei der Begriff «Bühne» nicht annähernd beschreibt, was die beiden jeweils mit ihren Technikern erfinden und zusammenbauen.

Bei ihrer Produktion «Gaff Aff» war es ein riesiger, sich gegenläufig drehender Plattenteller, auf dem Zimmermann als gestresster Businessman ins Schleudern geriet. Bei «Öper Öpis» balancierten die Künstler auf einem wackeligen Plateau, das beständig aus dem Lot geriet. Bei «Chouf Ouchouf» gab es geheimnisvolle Türme, die ganze Szenerien ausspien oder verschluckten. Und bei «Hans was Heiri» ist es ein . . . Nein, das soll hier noch nicht verraten werden. Nur so viel: Den beiden kreativen Köpfen ist auch diesmal wieder Geniales in den Sinn gekommen.

Dass die Bühnenbilder von Zimmermann & de Perrot weit mehr sind als Kulissen, schätzt die Jury des Designpreises der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Bereits zum dritten Mal erhalten die Künstler heute Abend im Cinéma Capitole in Lausanne den mit 25 000 Franken dotierten Preis in der Kategorie Szenografie. Diesmal für «Chouf Ouchouf», die 2009 entstandene Auftragsproduktion für die Groupe acrobatique de Tanger.

Zuerst ist die Kulisse

Das Bühnenbild ist für die Stücke von Zimmermann & de Perrot zentral, es entsteht noch bevor sich die beiden auf die Suche nach der Besetzung oder gar eines Handlungsablaufs begeben. So auch bei «Chouf Ouchouf», als die beiden mit Teilen einer früher benutzten Kulisse nach Marokko reisten: Die beweglichen Holztürme waren in ähnlicher Form bereits in «Anatomie Anomalie» 2005 im Einsatz. Ihre Wiederverwendung geschah nicht aus Spargründen, sondern als Allegorie auf all die Occasionen – Autos, Computer und sogar Brillen – die in den Ländern des Südens ein zweites Leben finden.

Wie die Menschen in die Bühnenskulpturen von Zimmermann & de Perrot hineinwachsen, lässt sich während der Proben zu «Hans was Heiri» gut beobachten. Die Artisten erklettern sich die waghalsige Bühnenkonstruktion und entwickeln mit ihr und um sie herum Bewegungsvorschläge, die zu ihren festgelegten Charakteren passen, während Zimmermann & de Perrot, die selbst mitspielen, das entstehende Material sanft, aber bestimmt in die von ihnen gewünschte Richtung lenken.

Die Idee zum Stück begleitet die beiden Freunde und Arbeitspartner schon seit Jahren. Es sei ja häufig so, dass man sich in Beziehungen einander angleiche, erklärt de Perrot den Initialgedanken: «Das ist bei Ehepartnern und Hundebesitzern nicht anders als bei einem Künstlerduo, wie wir es sind.» Umso wichtiger sei es, sich der Unterschiede bewusst zu sein: «Was verbindet, was trennt uns? Was macht uns, allen Gemeinsamkeiten zum Trotz, zu eigenständigen, einzigartigen Wesen?» Nähe und Abgrenzung, die unklärbaren Geheimnisse zwischen dem Du und dem Ich, sind das immer wiederkehrende Thema, der rote Faden.

Damit der Faden nicht reisst, braucht es Preise und Subventionen. Denn die Künstler stecken jedes Preisgeld direkt in die laufende Produktion. Auch sie spüren die Wirtschaftskrise und den starken Franken. «Ohne Auszeichnungen und die Unterstützungsbeiträge von Bund, Kanton und Stadt, könnten wir keine neuen Stücke mehr erarbeiten», wissen die beiden. Auch «Hans was Heiri» wäre dann gefährdet. Die Auszeichnung gestern Abend ist darum nicht nur verdient, sondern ein überlebensnotwendiger Verdienst.

«Chouf Ouchouf» gastiert noch bis 30. Oktober in der Maag-Halle Zürich. Die Designpreise der Schweizerischen Eidgenossenschaft sind bis zum 12. Februar 2012 im Mudac in Lausanne zu sehen: www.mudac.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2011, 08:19 Uhr

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