«Das Theater schlurft zu oft durch die Archive»

Stephan Müller, ehemaliger Leiter am Neumarkt, schaut zum 50. Geburtstag zurück und nach vorn. Theater, sagt er, müsse die gegenwärtige Hilflosigkeit und Nervosität der Menschen widerspiegeln.

«Als Theatermacher muss man spüren, was den Leuten an die Nieren geht», sagt Stephan Müller. Foto: Doris Fanconi

«Als Theatermacher muss man spüren, was den Leuten an die Nieren geht», sagt Stephan Müller. Foto: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

1966 wurde das Theater am Neumarkt gegründet, Felix Rellstab als Direktor mischte die Zürcher Theaterlandschaft auf, holte junge Schauspieler wie Mathias Gnädinger ans Haus und junge Stücke wie das erste von Vaclav Havel. Davor, 1965, war die Bühne im Gastspielbetrieb gescheitert. Bis heute hat das Haus einige Auf und Ab erlebt. Zu den Glanzzeiten gehörten die Jahre unter der Doppelintendanz Volker Hesse und Stephan Müller in den Neunzigern: Die Bühne atmete Aktualität, wurde zum Berliner Theatertreffen geladen und von Zuschauern schier überrannt.

Wie war die Lage zu Beginn?
Kurz bevor wir die Leitung übernahmen, hatte der Stadtrat als Sparmassnahme die Schliessung des Neumarkt-Theaters beschlossen. Aber Josef Estermann, Alexander Pereira und der agitationsbegabte Verwaltungsrat organisierten einen Riesenaufstand. Und nach unserer Eröffnung mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Tony Kushners Aidsstück «Angels in America» gab es eine Explosion ins Positive. Von Schliessung war keine Rede mehr.

Es war die Zeit der Aidsdebatte.
Wir fragten uns bei der Programmierung immer: Was liegt in Zürich auf der Strasse? Was liegt in der Luft, was im Verborgenen? Darum wählten wir «Angels», darum entwickelten wir das Sektenprojekt «In-Sekten» und, mit Urs Widmer, «Top Dogs», den Hit über die arbeitslosen CEOs. In einer Phase, wo das Schauspielhaus vor sich hin dümpelte, konnten wir an unserem flexiblen, fixen Theater mit Novitäten punkten.

Heute gleichen sich alle Spielpläne; «revolutionär» wirkt nichts mehr.
Richtig. Einerseits ist das Schauspielhaus nicht mehr verschnarcht. Andererseits reicht es nicht wie in den Neunzigern, auf eine schlichte Themenbeackerung zu setzen. Damals herrschten, scheinbar, wirtschaftlich goldene Zeiten: Wir akquirierten um die 2 Millionen Franken an Sponsorengeldern, hatten 40'000 Besucher jährlich, waren ein verschworenes Team und wie unter Strom. Heute ist das Lebensgefühl ganz anders: Der Mensch fühlt sich dauerbedroht und überfordert. Es geht nicht um Einzelprobleme wie Aids, sondern die ganze Welt ist aus den Fugen: Die Verteilungsungerechtigkeit ist enorm, Millionen sind auf der Flucht, fast kein Problem wird stabil gelöst. Aber wer Geld hat, kann fast alles machen, auch Kinder mit 70 Jahren. Überhaupt ist die Multioptionalität ein Schicksalshammer, nichts mehr ist selbstverständlich sinngebend. Und alles, was merkantil verwertbar ist, wird merkantil verwertet. Das hält doch keiner aus – und genau davon müsste das Theater erzählen.

«Die Multioptionalität ist ein Schicksalshammer – nichts mehr ist selbstverständlich sinngebend.»

Wie soll so ein Theater aussehen?
Ich zitiere da gern Thomas Hirschhorn: «In einer prekären Welt muss auch die Kunst prekär sein.» Aber leider staubt das Gegenwartstheater häufig vor sich hin. René Pollesch ist einer der wenigen, die gewandt auf die Gegenwart reagieren. Und Elfriede Jelinek, Sibylle Berg. Manchmal kommts mir vor, als sei Theater bloss noch eine Art Liebhaberprojekt für Nerds und Senioren. Die Leute gehen lieber zu Vernissagen, in Clubs oder ins Kino. Die Kunst scheint mir oft viel näher dran am Puls der Zeit. Auch als Theatermacher muss man spüren, was den Leuten an die Nieren geht. Das ist unser Kapital.

Ist die Zeit fürs Ensembletheater mit seinem Repertoire abgelaufen?
Nein! Das darf man auf keinen Fall abschaffen. Aber Theater muss sich so erfinden, dass sich die Frage nach der Relevanz gar nicht stellt – dann stimmen möglicherweise auch die Zahlen. Wir leben in nervösen Zeiten, die Leute sind hellwach für die Fakten der Krisendämmerung. Doch das Theater schlurft heute noch zu oft die Archive ab, wo Brecht und andere Klassiker stehen. Der Münchner Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal dagegen zweifelt die Relevanz eines Tschechow an. Seine Forderung ist, dass wir uns nicht über die Codes einer versunkenen Welt verständigen. Gegenwart soll sich direkter, härter und rascher auf dem Theater durchsetzen, in zeitgemässen Formen ausdrücken. Dazu passt der Satz von Susan Sontag: «Theatre has to make us nervous.» Die Frage ist also, wie machen wir jemanden nervös – und zwar mit Lust?

Und wie macht das Theater nervös?
Neulich sah ich in London «Liaisons dangereuses» in einer Inszenierung, die vom politisch Korrekten ins total Unkorrekte kippte. Sie spielte mit dem Besucher, der auf einmal nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf steht und was der Standpunkt der Inszenierung ist. Alles, was die Hilflosigkeit des Wahrnehmens steigert, uns spielerisch gefährdet, uns unsere eigene Interpretation verdächtig macht, finde ich treffend. Nichts ist schöner, als selber zum Thema zu werden. Und bildenden Künstlern wie ­Goshka Macuga, Aernout Mik oder Hirschhorn gelingen solche Attacken und Gefährdungen oft besser als dem Theater. Ich sehe häufig nur «Theater-Theater». Was soll dieses harmlos sekundäre Zeug? Man muss den Stecker in die Gegenwart stecken, statt ein Theatermuseum zu führen. Man kann ja den Fächer breit öffnen – vom «Faust»-Musical-Kitsch von Wilson/Grönemeyer über den Kongress «Philosophy on Stage» bis zur 24-stündigen szenischen Reise mit Fosters Roman «Unendlicher Spass».

Ist nun der Moment für Doktheater?
Wenn es nicht allein Daten sammelt, kann es wesentlich sein. Milo Rau hat fantastisch erhellende und bedrohliche Reenactments gemacht, und Rimini-Protokoll waren Pioniere des «Expertentheaters». Inzwischen blüht das, was ich «layered performance» nennen würde: Da kommen mehrere Schichten zusammen, wie bei dem BBC-Filmemacher Adam Curtis: In seinen Dokfilmen mischt er neues Bildmaterial, spitze Kommentare, Musik von Massive Attack, ergänzt von gewitzten Zeichentrick­sequenzen. Irre Mixtur statt saubere ­Abgrenzung ist angesagt.

Wie sehen Sie das zukünftige Profil des Neumarkt-Theaters?
Das Neumarkt muss das Haus der Novitäten sein: nur neue Werke, nur Ur- und Erstaufführungen, wie am Royal Court London oder Public Theater New York. Die neuen Stücke entstehen aus Debatten. Der Dialog läuft dabei nicht mehr über eine Autorschaft, sondern über Kreativteams. Etwa wie bei der Gruppe 1927, die jüngst in Zürich gastierte. Da arbeiten die verschiedensten Künstler – Autoren, Komponisten, Trickzeichner, Designer, Ingenieure – von Beginn weg als Team. Man denkt die Zeitachse der Kreation anders, startet ohne Zeitlimit, ohne Premierentermin, weiss nur, dass wiederholt daran gearbeitet wird. So könnte man mit Jean Ziegler, Lukas Bärfuss, Stress und Samuel Schwarz’ Digitalbühne eine Produktion über Ressourcenklau oder Hunger oder Banken anpeilen. Das Material spricht jeden an. Vermag man den Stoff in eine Form zu verwandeln, die den branchenüblichen Bühnen-Doku-Stil umspielt und den Genuss-Punch einer Konzert-Comic-Diskurs-Performance annimmt, dann wäre da vielleicht was Neues.

Nächste Aufführungen der Jubiläums­produktion «Was tun?»: 30. 1., 4./5. 2. Jubiläumsband «Wohin mit dem ganzen Idealismus?» (20 Fr.) an der Billettkasse. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.01.2016, 19:15 Uhr)

Artikel zum Thema

Sehnsucht nach Radikalität

Doppeljubiläum: Das Theater Neumarkt feiert sein 50-Jähriges mit einer Reminiszenz an 100 Jahre Dada. Mehr...

Der Entstauber
Stephan Müller

Der 64-jährige Basler Theater- und Opern­regisseur studierte in den USA Drama und Tanz, wo er u. a. mit Robert Wilson zusammenarbeitete. 1993 bis 1999 war er Co-Leiter am Neumarkt-Theater, dann Dramaturg und Regisseur am Burgtheater Wien. Seit 2005 ist der Vater von vier Töchtern Leiter des Studiengangs Regie an der ZHDK. (ked)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Werbung

Kommentare

Blogs

Blog Mag Lasst den Anzug an!
Sweet Home Das süsse Nichtstun

Anzeigen

Die Welt in Bildern

Wie ein Gemälde: Luftaufnahme von Abu Dhabi, Arabische Emirate. (26. Juli 2016)
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...