Viktor Giacobbo verhöhnt den «Literaturclub» – zum Totlachen
Von Simone Matthieu. Aktualisiert am 16.02.2009 21 Kommentare
Die Macher des Stücks «Literaturclub, endlich gelesen», das am Samstag im Zürcher Theater Neumarkt als Teil der Reihe «Nachtcafé» über die Bühne ging, wussten selber nicht, ob ihre Idee funktioniert. Daher hatten sie eine Notbremse eingebaut – falls es zu langweilig würde. Das Angebot ans Publikum: «Wenn ihr nach einer Stunde nicht mehr wollt, beenden wir den Abend im Foyer bei Cüpli und Rotwein».
Eins sei vorweg genommen: Die Frage nach dem Stop war hinfällig. Das Publikum wollte keine Unterbrechung. Auf keinen Fall.
Sprung ins kalte Wasser für Darsteller und Publikum
Viktor Giacobbo, Mike Müller, Peter Schneider (DRS3-Presseschau) und die Schauspielerin Alicia Aumüller lasen ohne jegliche vorherige Vorbereitung das wortwörtlich abgetippte Manuspkript des «Literaturclubs» vom letzten Dienstag. Die Darsteller wussten zuvor nicht einmal, welche Rollen sie übernehmen. Das wurde vor der Lesung ausgelost. Giacobbo bekam die von Literaturclub-Moderatorin Iris Radisch zugewiesen, Müller jene des deutschen Schriftstellers Peter Hamm, Aumüller sprach Patrick Frey und Schneider den rumänischen Autor Catalin Dorian Florescu.
Vorgaben für die vier: Einfach nur lesen, was auf dem Papier steht, ohne schauspielerische Überhöhungen oder eigene Interpretationen. Sie denken, das ist langweilig? Schwer getäuscht.
Was ist so lustig an einer nachgesprochenen Buchbesprechung?
Die Lesung entlarvte den Literaturclub als oftmals schlicht übertrieben hochgestochenes Geschwafel. Möchtegern-Weltmännisch (und -fraulich) sehen die ach so Gebildeten auch beim modernsten Roman eine Verbindung zur griechischen Tragödie und den grossen Dichtern unserer Kultur.
Dumm nur, wenn statt vom eigentlich gemeinten Hugo von Hofmannsthal ständig von einem Hoffmann geredet wird. Oder wenn die Metaphern schräg im Raum stehen und die gern und oft eingestreuten Redewendungen einfach nicht richtig kommen wollen. Als «Sturm im Wasser» bezeichnete Radisch mehrmals eine Passage aus einem der vorgestellten Bücher. Zum Schreien komisch, wenn Florescu dann gross gestikulierend drauf eingeht und hoch philosophisch die Frage in die Runde wirft: «Sind wir nicht alle ein Sturm im Wasser»?
Den schwersten Part im Ensemble hatte eindeutig Alicia Aumüller. Patrick Freys «Ähs» und «Öhs» in 75 Minuten «Literaturclub» sind unzählbar. Entsprechend schwer ist der Text zu lesen, entsprechend lustig Freys Schwadronieren, das kein Ende zu nehmen scheint. Ausser Radisch alias Giacobbo greift ein. Herrlich wie sich die zwei den ganzen Abend ein unterschwelliges Duell liefern. Ständig fällt Radisch Frey ins Wort. Als er am Schluss einen Buchtipp abgeben soll unterbricht ihn Radisch erneut: «Ernsthaft?» fragt sie, als Frey Heinz Strunks Buch «Fleckenteufel» empfiehlt. Frey irritiert: «Wie bitte? Ernsthaft? Ja, ernsthaft!»
Ein gelungenes Experiment
Das Publikum brüllte vor Lachen. Und mit dem Publikum die Akteure, die sich teilweise auf die Zunge beissen mussten, um nicht vor Lachen den Faden zu verlieren. Giacobbo brauchte sein Taschentuch mehrmals, um Lachtränen abzuwischen. Und in regelmässigen Abständen schüttelte es einen der vier, den hochroten Kopf hinter den Händen versteckt. Dass man mit so vielen grossen Worten solch sinnleere Sätze sprechen kann - das fiel sowohl dem Publikum als auch den vier Darstellern mitunter schwer zu glauben. Mike Müller hielt deshalb an einer besonders absurden Stelle sein Manuskript in die Höhe und meinte: «Es ist im Fall alles original!»
Beeindruckend, welche Komik eine simpel nachgesprochene Diskussion birgt. Mike Müller, der zusammen mit Viktor Giacobbo die Idee hatte, Sendungen nachzuerzählen (das gleiche Experiment fand schon im Casinotheater Winterthur mit der Politrunde «Arena» statt) meint nach der gelungenen Aufführung: Das würde bei den meisten gesprochenen Dialogen klappen. «Die Alltagssprache besteht halt aus vielen «Ähs», abgebrochenen Sätzen, falsch gebrauchten Bildern.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.02.2009, 19:06 Uhr
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21 Kommentare
Es ist einfach, alles lächerlich zu machen, aber diejenigen, die den Literaturclub als "Geschwafel" abtun, scheinen ein Problem zu haben mit Sprache jenseits des Stammtisches; lugt da vielleicht ein kleiner Minderwertigkeitskomplex durch? Im übrigen würde sich zu ähnlicher Erheiterung ein anderes Programm aufdrängen, damit es endlich "lustig" wird: "Giaccobo/Müller" vom Sonntagabend. Antworten
Es scheint augenfälllig, dass sich diejenigen Zuschauer des Literaturclubs, die die genialen Dialoge und konstruktiven, ernsthaften, wie auch witzigen Streitgespräche nicht verstehen, die Sendung sogleich abwehren und als Geschwafel oder Schrott taxieren! Literaturclub ist so ziemlich die einzige Sendung, die kein Schrott ist, wenn auch nicht jede Ausgabe von gleicher Qualität ist. Antworten
Ausgerechnet diese zwei selbstgefälligen Lachsäcke spielen sich als Humor-Experten auf ! In deren unsäglich langweiligen Sonntagabendsendung gibt's nicht mal unfreiwilligen Humor. Sind die Studiozuschauer eigentlich von einer Peach Weber Fangemeinde oder laufen die Lacher etwa ab Band? Giacobbo ist so was von biss- und harmlos ! Tipp : Schauen Sie mal "Neues aus der Anstalt" auf dem ZDF ! Antworten
Lieber Urs Spörri verstehe nicht ganz wie man 52 Beste Bücher mit dem Literaturclub vergleichen kann, zumal bei 52 Beste Bücher der Autor zu seinem Werk Stellung nimmt. Man kann nicht die Tagesschau mit dem Euro Contest Festival vergleichen! Mehr Präzision! Antworten
Vergleicht den Videoauschnitt hier mit dem Original! Das Manuskript ist nicht "wortwörtlich"! Die Komiker haben den Text verändert. Offenbar war es doch nicht so lustig, im Original. Im Podcast nachprüfbar: Radisch sagt unüberhörbar "Sturm im Wasserglas", und zwar 2x. Nur Florescu sagt Wasser-GRAS statt -GLAS. Das wäre auch so witzig gewesen, aber wohl zu subtil für die eher ungebildeten Besucher. Antworten
Etwas muss man Giaccobo zu Gute halten: in der Sendung machte gerade auch sein Spezi, der Kabarettist und Universaldilettant, Patrick Frey, die übliche Figur. Die Original-Sendung musste ich nach 10 Minuten abstellen, meine Gattin ertrug den Schrott schlicht nicht. Antworten
Tja, wenn einem rein gar nichts mehr einfällt, kann man natürlich stundenlang andere nachäffen. Das ist zwar eine kreative Bankrotterklärung, kommt aber immer gut an. Gute Nachäffer erkennt man allerdings daran, dass sie selbst nicht lachen müssen. Also: Schlecht nachgeäfft, Mäuschen! Antworten
Wenn man den Podcast von SF DRS sich anschaut, wird offensichtlich, dass Giacobbo & Co. falsche Zitate verwenden. Gerade der "Sturm im Wasser" gibt es nicht, im Original wird klar vom "Sturm im Wasserglas" gesprochen. Schlechte Recherche auch vom Tagi einmal mehr, dass dies nicht bemerkt wurde. Antworten
Sich auf Kosten anderer zu belustigen, dazu noch mit falschen Zitaten, ist billig. Literaturclub ist eine der wenigen Sendungen in SF1, die ich regelmässig anschaue. Nicht jede ist von gleicher Qualität, doch diese Art des Umgangs mit "Kollegen" ist unwürdig. Antworten
Die Sendung habe ich 2 x geschaut. 1 x im TV. Und nochmals als Podcast, weil ich es nicht für möglich hielt, was da so hochgestriezelt zusammengeschwafelt wurde. Den Ausdruck "Selbstridikülisierung" war ein Highlight unter vielen. (ist bereits als www.selbstridiculisierung.ch reserviert). Diese Menschen leiden unter akuter Humorphobie. Da ist das Theaterexperiment die beste Medizin dagegen. Antworten
Herrlich, diese ungestellte Wiedergabe eines Dialoges über das Thema Buch. Dieses eifrige, begeisterte und intellektuelle Ritual, dieses kritische hin und her Durchleuchten eines Textes wird durch Giaccobos Lesung mühelos als mühevolle Selbstdarstellung entblösst. Was bleibt ist die Hingabe der Protagonisten an das Geschriebene. Antworten
Da weiß man, warum man keinen Fernseher hat. Das Fazit, dass die Alltagssprache voller Füllwörter, abgebrochener Sätze, falsch gebrauchter Bilder und verstümmelter Redensarten bestünde, ist in dieser Allgemeinheit völlig daneben. Zwar sinkt die Sprachkompetenz in der Bevölkerung und besonders in den Unterhaltungsmedien, wobei auch DRS 2 inzwischen von dem Virus der Qualitätsvernichtung betroffen ist, seit die deutsche, erstaunlicherweise auch sprachlich völlig inkompetente Moderationsleiterin Ossaufski Maria eine ungebildete, aussprachbehinderte Anfängerin nach der anderen einstellt, es gibt aber, sogar beim Tagi/TagI, immer noch Journalisten und Personen der Öffentlichkeit, die in Wort und Schrift keine Worthülsen absondern und durch eine kompakte und stringente, grammatikalisch, klanglich und melodisch tadellose Sprache glänzen. Interessant wär, verschiedene Literatursendungen auf diese Weise zu vergleichen, z.B. die ehemalige von Heidenreich Elke und das frühere Literarische Quartett. Antworten
Ein Tipp für alle Radiohörer und Kabarettliebhaber: Hören Sie mal auf DRS 2 am Sonntagmorgen um 11.00 Uhr die Sendung "52 beste Bücher". Es handelt sich meist nur um hochgestochenes Geschwafel. Am schlimmsten ist es, wenn die Verfasser der angeblich besten Bücher Passagen aus ihren Büchern lesen. Kann mir kaum vorstellen, dass jemand diese Bücher kauft. Vorbehalt: Ausnahmen bestätigen die Regel. Antworten
Herzlichen Dank, Giacobbo Als ich einem dieser Gescheitredner vor einem Jahr schrieb, ich fände seine Expertenbeiträge Geschwafel, bekam ich zuerst keine, dann eine schwer beleidigte Antwort. Da lese und schreibe ich doch lieber Buchbesprechungen auf Amazon. Die Wirklichkeit übertrifft jede Fantasie, das weiss jeder guter Komiker. Antworten
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Peter Bieler
Spannend, Ihre Argumentation. Wenn Giacobbo biss- und harmlos ist, warum jaulen Sie dann auf? Juckts es Sie? Gebildeten Menschen wie Ihnen müsste doch solcher Trash an der zweiten bebackten Seite Ihres Körpers vorbei prominieren... um es ein wenig gebildet und literarischer zu formulieren ;-) Antworten