Der Waffenfabrikant kauft spielend die Heilsarmee
Von Peter Müller. Aktualisiert am 05.02.2009
Zum Schlussapplaus kommt auch Peter Zadek auf die Bühne. Er schleppt sich, schrecklich abgemagert und gebrechlich, in der Rechten einen Bambusstock, zur Linken gestützt von der Übersetzerin Elisabeth Plessen, seiner Lebenspartnerin. Der Kritiker siehts mit gemischten Gefühlen. Er würde gern aufspringen, dem Altmeister für die wichtigsten Erfahrungen seines Berufslebens mit einer Standing Ovation danken. Und bleibt doch traurig angewurzelt sitzen. Zadek versucht ein schiefes Lächeln, winkt mit dem Stock ins Publikum. Die Geste möchte elegant sein, lässig wie früher, wirkt aber wie ein verrutschtes Adieu.
Teuflisches Glatteis
Immerhin konnte der 82-Jährige noch «Major Barbara» inszenieren. Lange schon stand die Shaw-Komödie auf seiner Wunschliste. Wie der irische Spötter liebt Zadek das moralische Glatteis. In «Major Barbara» lässt Shaw den Waffenfabrikanten Undershaft die blütenreinen Fassaden seiner Familie zum Einsturz bringen. Nicht mit schwerem Geschütz, sondern mit Intelligenz, zynischen Pointen und einem fetten Konto.
Sein künftiger Schwiegersohn Adolphus, der sich vom weltfremden Griechischprofessor zum machtgeilen Erben wandelt, hat schon Recht, wenn er den Kriegsgewinnler als Mephisto bezeichnet. Wie im «Faust» wird auch bei Shaw ein Teufelspakt geschlossen: Während Tochter Barbara, die Heilsarmee-Majorin, glaubt, den Vater fürs Seelenheil gewinnen zu können, setzt dieser auf die Macht des Geldes, um Barbara aus der Heilsarmee zu treiben.
Robert Hunger-Bühler hatte einst als Mephisto in Peter Steins Monumental- «Faust» brilliert. Der Teufel liegt ihm. Auch als Undershaft gefällt er jetzt dank Understatement. Kein lärmiger Beelzebub entflammt da das Höllenfeuer; wenn Hunger-Bühler sich auf dem Ledersofa vorbeugt, ist das bereits eine Eruption. Dezent, knapp, mit trockenem Witz spielt er sich ins Zentrum – «Andrew Undershaft's Profession» hätte das Stück zuerst heissen sollen. Allerdings, allzu schwer hat es der Kanonenkönig nicht mit den Seinen. Die feudale Gattin, die getrennt von ihm lebt, hat sich bequem mit ihrer Doppelmoral eingerichtet. Sie verabscheut die Geschäfte des Gatten und macht gleichzeitig die hohle Hand. Nicole Heesters tut das mit energischer Routine. Keinerlei Hemmungen zeigen auch die dröge Tochter Sarah (Viera Kucera) und ihr Verlobter Charles, den André Meyer als plebejisches Trampeltier spielt.
Etwas mehr zu beissen gibt Sohn Stephen (Michael Ransburg), ein Brävling, der sich gern entrüstet über Rüstungsgeschäfte, bis der künftige Politiker in ihm obsiegt. Beim Griechischprofessor Adolphus wiederum werden die antiken Moralsätze im Alkohol ertränkt; August Diehl lacht dazu. Nur Barbara droht ein schwieriger Fall zu werden. Stramm und strahlend versucht sie, Seelen zu retten. Dass die Penner die Bekehrung nur mimen, mag die Majorin Gottes nicht sehen. Julia Jentsch, die im Kino als Sophie Scholl und demnächst als Effie Briest die Herzen gewinnt, gefällt auf der Pfauenbühne mit züchtiger Inbrunst. Bis ihre Chefin, die Heilsarmee-Generalin (Jutta Lampe), den wohltätigen Bankcheck des Waffenfabrikanten an die fromme Brust drückt – Barbara erholt sich vom Schock so wenig wie die Schauspielerin Jentsch. Ohne Glaube und Uniform welken beide dahin.
Vergilbtes Thesendrama
Der Aufführung geht es nicht besser. So aktuell Shaws Stück scheinen mag, es bleibt anämisch. Elisabeth Plessens erfrischende Neuübersetzung genügt nicht als Blutzufuhr. Das Bühnenpersonal sitzt oder steht herum, redet und redet, tauscht Parolen und Standpunkte aus, und die Familiengeschichte, in die das Thesendrama verpackt ist, wirkt so konstruiert wie vergilbt. Es knistert nicht zwischen den Figuren. Und Zadek fehlt die Kraft, den Staub vom Stück zu blasen.
Als gepflegte Salonkomödie beginnt «Major Barbara» im Schauspielhaus. Ludwig Boettger, der die Herrschaften mit distinguiertem Ekel bedient, setzt einen Glanzpunkt. Neben ihm lässt einzig die Glaswand aufmerken, die Bühnenbildner Karl Kneidl von Akt zu Akt neu positioniert. Trüb ist das Glas, die Transparenz nur vorgetäuscht. Ganz wie bei den Seelen der britischen Grossbürger. Die Penner vor dem Heilsarmeelokal im zweiten Akt sind leichter zu durchschauen. Malerisches Elend, mit östlichem und auch helvetischem Akzent. Die Pappkameraden, die Kneidl dazustellt, reichen nicht als ironischer Zaunpfahl. Und auch auf dem pieksauberen Gelände des Waffenkonzerns ist der Rumpf eines Bombers zu wenig, um wenigstens das Auge zu fesseln. Schlimmer noch als die Langeweile quält die Biederkeit der Inszenierung. Zadek, der Regie-Mephisto, ist zahnlos geworden.
Lieber kneifen
Geld gegen Gesinnung? Ist Armut das grösste Verbrechen, wie Waffenhändler Undershaft meint, die Ursache allen Übels, und kann (oder könnte) sich darum nur der Wohlhabende Moral leisten? Erst das Fressen, dann die Moral? Shaw wusste es wohl selbst nicht so genau. Entsprechend widersprüchlich ist sein Schluss verstanden worden. «Die Zuschauer schreiben mir wutentbrannte Briefe», berichtete der Dramatiker, sie mochten Barbaras finalen Kniefall vor Vater und Geld nicht schlucken. Die Heilsarmee dagegen glaubte an den Endsieg des Guten und spendierte die Uniformen für die Uraufführung.
Zadek bevorzugt die Ambivalenz. Die Familie Undershaft kneift vor den Grundsatzfragen und macht sich nach zweieinhalb Stunden durch den Zuschauerraum davon. Einzig Barbara und ihr Adolphus, der künftige Konzernboss, taumeln glückselig von der Bühne.
Ob sie wirklich durch die Hölle zum Himmel finden, durch Waffenproduktion den Krieg besiegen werden, wie sie meinen, bleibt offen. Auf dem Schlussvorhang reihen sich Einfamilienhäuser mit Garten und Garage.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.02.2009, 21:14 Uhr
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