Der grosse Tabubruch
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 13.11.2009 5 Kommentare
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Es ist ein kühner Vorschlag. Schon in vielen Städten liebäugelte die Politik damit, aus Spargründen grosse Kulturinstitutionen zu schliessen. Sobald es soweit war, krebste sie in der Regel kleinlaut zurück. Schlussendlich sind die Hemmungen dann doch zu gross, Dutzende, gar Hunderte von Mitarbeitern auf die Strasse zu stellen. Nicht zu reden davon, dass sich kaum ein Politiker gerne dem Entrüstungssturm der Kulturschaffenden und des Bildungsbürgertums aussetzt. Deshalb, und wohl weniger aus künstlerischen Motiven, blieb bisher die Schliessung von ganzen Kulturbetrieben im deutschsprachigen Raum mit wenigen Ausnahmen ein Tabu.
Entsprechend ist davon auszugehen, dass auch in Luzern der Vorschlag wieder verworfen wird. Obwohl er eigentlich richtig wäre - gerade aus künstlerischer Sicht. Anders als in anderen Städten geht es nicht um eine Sparmassnahme, sondern um das Setzen von Prioritäten. Das Geld, das bisher ins altehrwürdige Theater floss, soll neu in einen modernen Musiktheaterbetrieb in einem zeitgemässen Neubau fliessen. Festgefahrene Strukturen würden zugunsten von etwas Neuem aufgelöst.
Der Entscheid könnte Massstäbe setzen
Anonyme Gönner haben zugesichert, die Baukosten für das 100 Millionen Franken teure Haus zu übernehmen. Die Betriebskosten von geschätzten 40 Millionen Franken im Jahr muss danach die öffentliche Hand übernehmen. Selbstverständlich ist die Diskussion darüber berechtigt, ob man sich von ein paar reichen Leuten diktieren lassen soll, welche Art von Kultur eine Stadt erhält, wie dies bei der Demonstration mit der Anspielung auf Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» aufgeworfen wurde. Nur: Die meisten Demonstranten und auch der Luzerner Theaterdirektor Dominique Mentha wollen beides: Sie unterstützen das neue Haus und möchten den bisherigen Theaterbetrieb weiterführen.
Nicht nur in der heutigen Wirtschaftslage ist dies eine völlig unrealistische Forderung. In der Regel kommt man in solchen Situationen zu einem unheilvollen Kompromiss: Man baut etwas Neues, behält auch das Alte, mehr Geld gibt es aber nicht, zumindest nicht genug. Die Folge ist ein Finanzdebakel wie beim Zürcher Schiffbau, das dann in der öffentlichen Wahrnehmung weit mehr Raum einnimmt als die künstlerische Arbeit.
Entgegen dem Widerstand sollte Luzern den Tabubruch wagen und den Vorschlag der Regierung durchziehen. Mit dem Resultat, dass die Stadt eine führende Position im Musiktheater einnehmen wird und mit lokalen Künstlern, die dank der versprochenen Aufwertung der freien Theaterszene, ganz neue Möglichkeiten erhalten.
Etwas abzubrechen, nicht um zu sparen, sondern um Neues zu ermöglichen – damit könnte Luzern nicht nur künstlerisch, sondern auch kulturpolitisch eine Vorreiterrolle übernehmen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.11.2009, 14:41 Uhr
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5 Kommentare
Ein Blick ins Programm des Luzerner Theaters kann zwar den Vorwurf "festgefahrener Strukturen" nicht untermauern, sehr wohl hingegen den Verdacht, dass es in diesem Text mehr um Nabelschau der eigenen Progressivität geht als um eine inhaltliche Argumentation am konkreten Fall entlang. Undurchdachte Stimmen schaden wohl dem tollen Projekt der salle modulable. Antworten
Ein Tabu? Mitnichten, gerade jetzt wo der Baselbieter Landrat das Kulturgesetz ablehnt weil vielen Baselbietern der Geldabfluss nach der Stadt stinkt. Auch wir Städter müssen uns die Frage stellen was für welche Kultur wollen wir uns leisten. Wollen wir einen Zuschauer-Platz im Theater mit hunderten von Franken pro Vorstellung subventionieren? Ueber dies darf die Diskusion nie enden. Antworten
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