Die Diva aus drei Körperteilen
Von Thomas Bodmer. Aktualisiert am 14.01.2010
Nach einer Vorstellung der Oper «Dido and Aeneas» von Henry Purcell (1659–1695) kommt eine Zuschauerin aus dem Zürcher Opernhaus und sagt: «Irgendwie e chli truurig, ich han nie müesse lache.» Ist das vorstellbar? Eher nicht, schliesslich gehen wir in die Oper, um dort grosse Gefühle zu erleben. Doch genau dieser Satz war am Dienstagabend im Wädenswiler Theater Ticino zu hören nach der Premiere von «Dido and Aeneas». Offenbar war da jemand mit der Erwartung ins Theater gegangen, ein lustiges Puppentheaterstück zu sehen.
Lustig und zutiefst aufwühlend
Vermutlich wäre der Regisseur des Abends, Neville Tranter, ein bisschen traurig gewesen, wenn er die Zuschauerin gehört hätte, denn seit 1976 hat er eine Form von Puppentheater entwickelt, die zuweilen zwar durchaus lustig, meist aber zutiefst aufwühlend ist. Der 1955 geborene Australier hatte immer schon eine grosse Liebe zur Musik; 2007 inszenierte er Händels Oper «Acis und Galatea» mit dem Berner Orchester Die Freitagsakademie und exzellenten Sängerinnen und Sängern.
Das Besondere an Tranters Operninszenierungen ist, dass die Mitwirkenden nicht nur singen, sondern auch Puppen führen, wobei das Wort «Puppe» hier eine falsche Vorstellung weckt: Die Figuren bestehen aus einem Kopf und zwei Händen, der Rest des Körpers entsteht in unserer Vorstellung durch die Bewegungen der Figuren. Und als wäre das nicht kompliziert genug, werden die Figuren von zwei Menschen geführt: So singt die Sopranistin Susanne Rydén die Rolle der Dido und führt deren rechte Hand, Didos linke Hand und ihr Kopf werden hingegen von Tranter animiert, und siehe da: Auch wenn die Königin von Karthago nur aus drei separaten Körperteilen besteht, erkennen wir die unverkennbare Gestik einer Opernsängerin.
Dido bricht es das Herz
Sie kann einem leidtun, diese Dido: Sie ist seit Jahren verwitwet, da wird durch einen Sturm ein junger Recke an Karthagos Gestade getrieben: Aeneas, der die Zerstörung seiner Heimatstadt Troja überlebt hat. Die beiden verlieben sich, doch eine Zauberin funkt dazwischen: Sie lässt Aeneas einen bösen Geist in Gestalt des Götterboten Hermes erscheinen, der dem Trojaner sagt, er müsse schleunigst weiterreisen, sonst drohe ihm der Zorn von Göttervater Zeus. Der autoritätsgläubige Aeneas sagt Dido, er habe leider andere Verpflichtungen; und auch wenn er es nicht wert ist, es bricht ihr trotzdem das Herz. Wenn Dido zu ihrer letzten Arie ansetzt mit den Worten «When I am laid in earth», ist das mehr als nur «e chli truurig».
Es ist vielmehr so schön gesungen und wird vom Orchester Die Freitagsakademie so differenziert begleitet, dass es sogar die lustigste Puppe des Abends rührt, den gelben Assistenten der Zauberin: Das ganze Stück hindurch war er hinter einer weissen Blume her. Jetzt legt er sie still auf Didos Grab.
Sämtliche Vorstellungen im Theater Ticino sind ausverkauft. Weitere Vorstellungen am 23. 1. um 19 Uhr im Kirchgemeindehaus Liebestrasse in Winterthur und am 30. 1. um 19.30 Uhr im Kurtheater Baden.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.01.2010, 04:00 Uhr
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