Die Füdlibürger werden vorgeführt
Von Andreas Tobler. Aktualisiert am 02.11.2009 1 Kommentar
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Nächste Vorstellung am Donnerstag, 5. November. Weitere Termine unter www.schauspielhaus.ch
Helle Aufregung herrscht in der Stadt: «Mi hei än Inkognito», verkündet der Stadthauptmann, der wie die anderen von Korruption und Dekadenz zerfressenen Honoratioren aus den Sitzreihen des Pfauenparketts aufgetaucht ist und nun über die Köpfe der Zuschauer hinweg darüber berät, wie man sich gegenüber dem inkognito angereisten Kontrolleur verhalten soll. In seiner Inszenierung von Gogols «Revisor» unternimmt Regisseur Sebastian Nübling also den Versuch, das Drama mittels Aktualisierung und derbem Dialekt aus der russischen Provinz nach Zürich, aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart zu überführen. Eine Exekution der verfilzten Füdlibürger.
Das spielfreudige Ensemble des Zürcher Schauspielhauses lässt sich nicht zweimal bitten: Angeführt von der Saftwurzel Michael Neuenschwander, der in der Rolle des Stadthauptmanns Anton Antonowitsch voll und ganz aufgeht, geben sie den Schiessbudenfiguren und Pappkameraden aus Gogols Drama ihr komödiantisches Profil. Flankiert wird Stadthauptmann Neuenschwander unter anderem von seiner dauerwinkenden Gattin (Julia Kreusch) und seiner angesäuselten Tochter (Franziska Machens), die als Inbegriff der verblödeten Dekadenz mit dem Handy in der Strumpfhose und der Champagnerflöte in der Hand durchs Parkett und über die Bühne torkelt. Für den komödiantischen Höhepunkt des Abends sorgen aber Victor Calero und Tim Porath, die als Dobtschinski und Bobtschinski ein wunderbar mit Worten jonglierendes Deppendoppel abgeben.
Ein Reigen der Bestechung
Sebastian Nüblings «Revisor»-Inszenierung ist also ein Klamauk, den man sich anschauen sollte. Aber ist es auch ein unheimlicher, ein doppelbödiger Spass? Leider nein, denn trotz aller schauspielerischen Virtuosität verliert der etwas mehr als hundert Minuten lange Abend schon bald an Kraft. Das liegt nicht zuletzt an Gogol, der in seinem Drama alle Stützen der Gesellschaft – vom Schulinspektor bis hin zum Richter – in ihrer Korruptheit vorführen will und dafür einen nach dem anderen in einem eigentlichen Bestechungsreigen antraben lässt. Matthias Bundschuhs Revisor begreift schnell, was alle von ihm wollen, und treibt das Spiel auf seine Weise weiter. Das Drama zerfällt also in eine Nummernrevue, die bis hin zur Entlarvung des vermeintlichen und der angekündigten Ankunft des richtigen Revisors, mit der alles wieder von vorne beginnen könnte, ohne Entwicklung bleibt, eine Schwäche, die weder Nübling noch sein spielwütiges Ensemble vollständig auszubügeln vermögen.
Das Problem von Nüblings «Revisor»-Inszenierung ist, dass er uns die Aktualität von Gogols «Revisor» mit dem Holzhammer beibringen will. Dabei haben wir durch Muriel Gerstners Bühnenbild, das mit gleichfarbiger Stofftapete eine Fortsetzung des Zuschauerraums bildet, und durch Michael Neuenschwanders konspiratives Geraune – «Das bleibt unter uns» – bereits nach wenigen Minuten verstanden, dass wir mit dem Gezeigten gemeint sein sollen. Wenn sich Neuenschwander dann gegen Ende des Abends nochmals direkt ans Publikum wendet, nimmt man ihm weniger seine Korruptions- und Betrugsvorwürfe denn die Tatsache übel, dass man es dem Publikum nicht zutraut, sich in Gogols «Revisor»-Welt wiederzuerkennen.
Genialer Soundtrack
Ein genialer Coup ist dagegen dem Musiker Lars Wittershagen gelungen, der zur Untermalung des Abends «Samba Pa Ti» aus seinem Plattenschrank ausgewählt hat, also dieses weichgespülte Endlosgedudel von Carlos Santana. Damit macht er auf subtile Weise deutlich, dass Gogols Figurenpersonal nicht nur durch Verfilzung, sondern möglicherweise auch durch die gelebte Wohlfühlharmonie in eine Wiederholungsschleife geraten ist. Das Lied könnte durchaus der Soundtrack des Füdlibürger-Daseins sein. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.11.2009, 07:56 Uhr
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1 Kommentar
Sensationelle und teils virtuose Leistung der meisten Ensemble-Mitglieder, zB Calero/Polath. Aber was Michael Neuenschwander - und dazu noch in deftigem Zürichdeutsch - hinausschrie, mit immer wiederkehrenden sexistischen Zoten war mehr als Klamauk. Das hat dem Stück den ganzen Reiz genommen. Wenn jemand am Schluss gepfiffen hätte, hätte ich mit eingestimmt. Antworten
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