Die Königin der menschlichen Geräusche

Zum Abschluss des Schweizer Theatertreffens sprach Autor Lukas Bärfuss über den Applaus – und darüber, was er über den Wert des Theaters an sich aussagt. Wir drucken seine Rede.

Geklatscht wird bei vielen Gelegenheiten, aber zu Hause ist das Klatschen ganz besonders im Theater. Foto: iStock

Geklatscht wird bei vielen Gelegenheiten, aber zu Hause ist das Klatschen ganz besonders im Theater. Foto: iStock

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FIm Vertrag, der geschlossen wurde zwischen mir, dem Redner, und der Organisation des Schweizer Theatertreffens, der ich an dieser Stelle für diese Einladung herzlich danken möchte – in diesem Vertrag ist definiert, worum es heute gehen soll, nämlich um die Frage, was die Aufgabe des hiesigen Theaterschaffens sei. Es sollen folgende Fragen diskutiert werden: «Was ist die Rolle des Theaters in einer Zeit, wo wir auf verschiedensten Kanälen zu Informationen und Geschichten kommen? Theater ist teuer, warum ist es uns teuer?» Ferner wird nach der Berechtigung staatlicher Subventionen gefragt, welche Leistung das Theater erbringe und was es der Gesellschaft nütze.

Alles Fragen, die zuletzt wieder häufiger gestellt wurden. Und oft wurde mit den Fragen vom Theater eine Rechtfertigung verlangt. So werde ich also das Theater rechtfertigen und jede dieser Fragen beantworten, ein für alle Mal. Das traue ich mir zu. Sonst hätte ich den Vertrag nicht unterschrieben.

Gaumensegel im Atemwind

Bevor ich aber den Kontrakt erfülle, erlauben Sie, dass ich meinen Spielraum nutze und über etwas ganz anderes rede, und zwar über Geräusche. Über menschliche Geräusche, um genau zu sein. Über jene akustischen Phänomene also, die nicht Klang sind und die der Mensch selbst verursacht. Er hat zu ihnen ein zwiespältiges Verhältnis, vor allem zu jenen, die ihm unwillkürlich passieren, die er produziert, ohne sie steuern zu können.

Nachts flattert das Gaumensegel im Atemwind; man schnarcht. Der Kiefer verspannt sich und beisst ins Leere, so knirscht es. Und wenn das Frühstück längst verdaut ist, aber der Mittag noch weit, dann wird der Magen knurren.

Wir hassen diese Geräusche nicht, sondern dass wir sie nicht kontrollieren können. Wer ehrlich ist, wird zugeben, dass manche, still für sich genossen in der Abgeschiedenheit, mit Genuss verbunden sein können. Jedenfalls wird das eigene Geräusch in der Einsamkeit nie zum Problem. Die Peinlichkeit und die Scham haben ihren Ursprung in den anderen, nicht in uns selbst: Wir fühlen uns von ihnen ertappt. In diesem Fall ertappt in einer Natur, die wir mit den Tieren und sogar mit jeder Pflanze teilen. So wenig wie Einzeller kontrolliert der Mensch seinen Stoffwechsel. Der Parasympathikus fragt nicht nach unserer Meinung. Das muss einen Menschen, vor allem den modernen, der etwas auf seine Kultur hält, natürlich beschämen.

Wenn wir mit unserer kleinen Typologie fortfahren, kommen wir zu den Geräuschen, die wir willentlich erzeugen. Auch hier ist das Repertoire bescheiden. Schnippen, stampfen, kratzen, klopfen – vielmehr als auf eine Handvoll kommt man nicht.

Nein, reich an Geräuschen ist der Mensch nicht. Er könnte auf sie verzichten. Sie würden ihm nicht weiter fehlen. Mit einer grossen Ausnahme, natürlich, dem Klatschen.

Anerkennung, Zustimmung, Freude

Klatschen ist die Königin unter den menschlichen Geräuschen. Ein Geräusch mit einer so alten wie lebendigen Kultur. Ein Geräusch, das in vielen Formen und unterschiedlichem Ausdruck erscheint. Klatschen kann Anerkennung bedeuten, Zustimmung, Freude, aber auch das genaue Gegenteil, Häme und Spott. Geklatscht wird bei vielen Gelegenheiten, aber zu Hause ist es im Zirkus, im Konzert und ganz besonders im Theater.

Dort wird aus dem Klatschen der Applaus. Er ist ein eigenes Wesen, fast könnte man denken, er sei nicht Ausdruck des Lebendigen, sondern selbst lebendig. Er ist anders an jedem Abend, anders an jedem Ort. Schauspieler sind darin geübt, den Applaus zu lesen und ihn zu deuten. Freundlich kann er einmal sein, sogar tosend, zu häufig aber ist er zögerlich und unlustig. Er kann aufbranden, abebben und ersterben, etwas, was Schauspieler wenn nicht zu verhindern, so doch zu verzögern suchen. Ihn entgegenzunehmen, ist eine Kunst für sich. Es gehört nicht nur Mut dazu, es braucht auch Geschick, um ihn mit den Auftritten und der Haltung in eine Dynamik zu bringen, die darüber entscheiden kann, ob der Abend ein Erfolg oder ein Reinfall war. Aus diesem Grund gibt es die Claqueure, jene Korrupten unter den Applaudierenden, die nicht aus Überzeugung, sondern aus Berechnung Beifall klatschen.

Seine Geschichte zu schreiben, wäre durch die knappen Zeugnisse schwierig, aber eine Anthropologie dieses einzigen sozialen Geräusches, das der Mensch kennt, wäre reich und lohnend. Trotzdem bliebe eine Frage natürlich offen: Warum ausgerechnet klatschen? Warum kein anderes Geräusch? Wann klatschen wir, und wann unterlassen wir es?

Kein Applaus im Kino

Im Kino klatschen wir nicht. Wir klatschen auch nicht vor dem Fernseher. Applaus scheint an eine Gegenwart gebunden zu sein. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass niemand in der Kirche applaudiert. Dies würde eine Präsenz bestätigen, und welche andere als jene Gottes könnte das sein? Über die Gegenwart des Allmächtigen zu entscheiden, liegt jedoch nicht in der Kompetenz einer Kirchgemeinde. Applaus wäre deshalb eine Anmassung.

Das Geräusch selbst ist unspezifisch. Jedes Klatschen klingt ähnlich, man kann wenig daran ablesen. Nicht, ob ein Mensch gross oder klein, dick oder dünn, reich oder arm, dumm oder klug ist. Im Gegensatz zur Sprache sind wir uns im Klatschen alle gleich. Gleichzeitig sind die Formen des Klatschens vielfältig durch Rhythmus und Laut, zwei Dinge, mit denen die Musik beginnt. Man kann natürlich alleine musizieren, aber wer gemeinsam spielen will, mit einem Instrument oder den Händen, der hat sich mit den anderen abzustimmen.

Der Applaus ist so alt und so weit über die Welt verbreitet, weil er zwei universelle Erfahrungen abbildet: Vor gewissen Erscheinungen sind wir alle gleich. Und Gesellschaft braucht eine wirkliche Präsenz, die Anwesenheit von Menschen.

Im Zentrum steht der Mensch

Applaus ist so egalitär wie das Theater. Jeder hat dieselbe Macht, ob auf oder neben der Bühne, kann reden und mitspielen. Aber niemand kann alleine darüber bestimmen. Theater braucht Verständigung und funktioniert nur, wenn die meisten, nämlich das Publikum, eine Weile auf ihre Macht verzichten. Sie verzichten darauf, um eine gemeinsame Erfahrung zu ermöglichen: die Erfahrung, dass ein Mensch, ob Schauspieler oder Figur, ein anderer werden kann. Wir applaudieren deshalb auch der Verwandlung und der Hoffnung, dass alles auch anders sein könnte und es keine Fatalität gibt. Und wir applaudieren umso stärker, je grösser der Kampf gegen das Schicksal und je gelungener die Verwandlung im Theater war. Das Instrument, mit dem wir die Verwandlung anerkennen, kann jeder spielen, einerlei, welchen Status er besitzt. Applaus trennt Menschen von den Tieren und den Pflanzen, aber er vereint sie untereinander. Klatschen verweist deshalb auf die Menschlichkeit. Und das Theater weiss auch, dass der Mensch nicht immer menschlich ist und manchmal Mord und Totschlag, Folter und Erniedrigung beklatscht.

Lassen Sie mich nun meinen Vertrag erfüllen und die eingangs gestellten Fragen beantworten: Die Aufgabe des Theaters ist das, was im Applaus zum Ausdruck kommt, nämlich Präsenz und Gemein­schaft.

Es ist wahr: Theater ist umständlich, und deshalb ist es teuer. Nicht wegen der Bühnenbilder oder Kostüme. Teuer sind am Theater die Menschen. Man kann auf keinen verzichten. Wenn einer nicht da ist, und hat er auch nur die kleinste Aufgabe zu erfüllen, kann das Theater nicht beginnen, bis Ersatz gefunden ist. Man kann Theater weder vorproduzieren noch downloaden. Am Theater kann man sich nicht vertreten lassen, und Theater lässt sich nicht vertreten.

Im Zentrum des Theaters steht deshalb nie das Stück, niemals die Unterhaltung, in seinem Zentrum steht alleine der Mensch. Der Mensch ist teuer. Man könnte auch sagen, er ist kostbar.

Utopie der Verwandlung

Deshalb irren all jene schrecklich, die behaupten, das Theater sei durch die Entwicklung der Technologie und der vermeintlichen Innovationskraft gewisser neuer Erzählformen aus der Mode gekommen. Falls sie sich denn irren. Denn vielleicht sind jene Kritiker der Ansicht, mit dem Theater sei auch der Mensch aus der Mode gekommen, oder wenigstens die Eigenschaften, die ihm bisher wesenseigen waren: sein doppeltes Bewusstsein als Individuum und als Teil einer Gemeinschaft. Vielleicht will man auf die Theater verzichten, weil man auf Gemeinschaft verzichten will.

«Die Kommunikation besorgt die Angleichung der Menschen durch Vereinzelung.» So schrieben Adorno und Horkheimer in der «Dialektik der Aufklärung», die 1947 erschienen ist. So hellsichtig die beiden Philosophen waren, so wenig hätten sie sich den Grad der Perfektion vorstellen können, die unsere Zeit erreicht hat, die Perfektion in der Kommunikation, die Perfektion aber auch in der Vereinzelung und der Angleichung.

Theater steht im Widerstand zu dieser Entwicklung. Deshalb unterliegen zwar manche seiner Ästhetiken der Mode, sein Prinzip aber steht jenseits des persönlichen Geschmackes. Theater ist die Utopie der Verwandlung, die auf der Bühne zum Ausdruck kommt. Es ist Utopie einer Gemeinschaft unter Gleichen, für die das Publikum und der Applaus stehen. Theater verweist auf den Menschen, dem es nicht genügt, im fahlen Licht der Bildschirme zu ermatten, zu Hause vom Home-Cinema unterhalten zu werden, in vierzig Folgen und in Dolby-Surround, es steht für den Menschen, dem es nicht genügt, alleine zu sein und ohne Applaus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2015, 16:11 Uhr

Lukas Bärfuss

Der 43-jährige Schriftsteller und Dramaturg lebt in Zürich. Für sein literarisches Schaffen und seine Theaterstücke hat er zahlreiche renommierte Preise erhalten.
Foto: Reto Oeschger

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