Die machen eine ganz schöne Szene
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Seit zwanzig Jahren gibt es Impulse, das Theatertreffen der freien Szene, das alle zwei Jahre stattfindet und das die Stadtund Staatstheater «mittlerweile komplett unterwandert» hat; so steht es im Programmheft. Von der Hand zu weisen ist diese Behauptung nicht: Sowohl die Zürcher Schauspielhaus-Intendantin Barbara Frey als auch Neumarkt-CoDirektorin Barbara Weber waren in früheren Jahren mit Produktionen bei Impulse. Bedeutend ist das Festival aber vor allem deshalb, weil hier schon früh Künstler wie René Pollesch zu sehen waren, die dem Theaterbetrieb tatsächlich wichtige Impulse versetzen.
So reist man also mit der Hoffnung nach Nordrhein-Westfalen, dass man in Köln, Düsseldorf, Mülheim und Bochum Formen und Formationen zu sehen bekommt, die den Theaterbetrieb prägen werden. Nicht zuletzt aber auch, um nebst den Wettbewerbsbeiträgen die Special Guests zu sehen – allen voran René Pollesch, der in «Der perfekte Tag» Volker Spengler und den schlichtweg genialen Fabian Hinrichs die Perfektionssehnsüchte dekonstruieren lässt: Es gibt weder den perfekten Tag noch die perfekte Liebe, sondern nur die perfekte Lüge. Und warum, fragt Pollesch, sollte man sich in der Liebe nicht den Lügen seines Gegenübers hingeben, wo man doch gerade im Theater Erfahrungen machen kann, weil man an lügenhafte Behauptungen glaubt?
Emotionen erzeugen
Und womit beschäftigen sich die Wettbewerbsteilnehmer? Obwohl Impulse kein kuratiertes, sondern ein juriertes Festival ist, lässt sich eine Tendenz ausmachen: Das Gros der eingeladenen Gruppen arbeitet mit biografischem oder dokumentarischem Material – nicht um eine «Wirklichkeit» abzubilden, sondern um mit der szenischen Bearbeitung des Materials etwas sichtbar oder erfahrbar zu machen.
Mit dokumentarischem Grundstoff beschäftigt sich denn auch der Wettbewerbsfavorit: Das Kollektiv She She Pop, das im Rahmen des Impulse-Wettbewerbs sein zum Theatertreffen eingeladenes «Testament» zeigt, jene ebenso überzeugende wie berührende Produktion, in der die Performer zusammen mit ihren biologischen Vätern auf der Bühne den Generationswechsel vorbereiten (Kritik im TA vom 25. Juni).
Mit dem monströsesten Thema des Menschseins beschäftigt sich «Ars Moriendi», ein Theaterabend über die Kunst des Sterbens, den die Regisseurin Anna-Sophie Mahler mit ihrer Capriconnection und der Schola Cantorum Basiliensis erarbeitet hat. Als Material dient ihr das Protokoll einer Theoriediskussion, die 1983 in Auseinandersetzung mit Jean Baudrillards «Der symbolische Tausch und der Tod» ausgetragen wurde. Capriconnection hat Michael Rutschky und weitere Diskussionsteilnehmer von damals befragt. Auf der Bühne, einem museumsähnlichen Raum, wird das dabei gewonnene Interviewmaterial mit den Mitteln des Theaters ausgestellt – zusammen mit dem Protokoll der Theoriediskussion und der «Funeral Music» von Henry Purcell.
Beides – die Barockmusik und die Theoriediskussion – wirkt fremd. Erst am Ende des Abends, als Thomas Douglas in der Rolle von Michael Rutschky sehr ergreifend über den Tod seiner 2010 verstorbenen Frau spricht, wird das Thema Tod an die Gegenwart angebunden. So gewinnt man durch diese alles andere als gefällige und daher sehr mutige Theaterarbeit die bemerkenswerte Einsicht, dass unser Nachdenken über den Tod zeitbedingt ist.
Einen Einblick in unsere emotionale Konditionierbarkeit gibt «Cry Me a River», eine 1-Frau-Konferenz von Anna Mendelssohn, in der die Performerin mit verschiedenen Texten zum Klimawandel an ihre Zuhörerschaft appelliert. Am Ende dieser Lecture-Performance bleibt Betroffenheit, ohne dass dieser dumpfe Gefühlseindruck noch mit dem Thema der Texte in Verbindung gebracht werden kann: Das Ego und seine Emotionen haben sich von der Umwelt und ihren Problemen abgeschält – und dies, obwohl Mendelssohn mit dem wiederholten Griff zum Tränenstift überdeutlich gemacht hat, dass sie Gefühle künstlich erzeugen kann und will.
Luftkissen reiten
Ganz bewusst einen riesigen Aufwand betrieb die Antwerpener Künstlergruppe Berlin, die in «Tagfish» ein Bauprojekt zum Thema macht: Auf einer Brache der Zeche Zollverein sollen ein «Creative Village» und ein Luxushotel entstehen. Berlin führt in ihrer dokufiktionalen Installation erstmals alle am Projekt interessierten Personen – als Videobild – an einem Tisch zusammen und macht mit ihrem Bühnenautomaten – sieben auf Stühlen montierten Bildschirmen – die Kommunikationsprobleme sichtbar, an denen das Projekt zu scheitern droht.
Ebenfalls mit viel Material umgibt sich der amerikanische Choreograf Andros Zins-Browne: In «The Host» besteigt und bezwingt er mit zwei weiteren Tänzern in Cowboykluft riesige Luftkissen. Was auf den ersten Blick wie Hüpfburgspiele von Erwachsenen aussieht, erweist sich als kluge Demontage eines überkommenen Konzepts von Männlichkeit, wenn man sieht, wie die Tänzer während sechzig Minuten in den sich immer wieder anders aufbäumenden Luftkissen reiten, mit ihnen ringen und so mit grosser Kraftverschwendung ihren Mann zu stehen versuchen.
Von Posen bestimmt war auch die Club-Nacht des Hamburger KünstlerKollektivs HGich.T, was für «Hammer Geil ich Tattoo» steht: Mit geöffnetem Hosenstall, lallend und mit einer Zigarette in der Hand liess sich der männliche Leadsänger, der sich Anna-Laura nennt, von den Besuchern abfeiern. Wenn man weiss, dass HGich.T mit ihren Youtube-Clips die Millionengrenze knacken, wird man sich nicht wundern, dass sich ein Livepublikum findet, das sich von Texten wie «Pumuckl, hast du eigentlich Abitur?» unterhalten fühlt.
Aber was gefällt den Fans an HGich.T? Sind sie wirklich begeistert von Nonsense und den simplen Rhythmen, zu denen sie durch den Raum tobten, sobald sie tanzbar waren? Oder sind diese Fans Ironiker, die sich gegenseitig Naivität vorspielen, damit ein am Rande stehender Beobachter glauben könnte, sie hätten einen schlechten Musikgeschmack? Bemerkenswert war dieser Abend nicht zuletzt, weil immer wieder unberechenbare und undurchschaubare Momente entstanden, wenn Anna-Laura von der Bühne in die Menge hinabstieg und rempelnd das Publikum provozierte: Zu vorgerückter Stunde soll es zu einem Handgemenge gekommen sein, das sich als eine simulierte Schlägerei von HGich.T herausstellte. Das hat aber selbst einer der Veranstalter nicht erkannt, und er ging dazwischen.
Die Welt bannen
Daneben gab es sympathische, aber doch eher schlichte Arbeiten wie «Aufplatzen», einen interaktiven Diavortrag der Rabtaldirndln, in dem die fünf jungen Frauen aus der Steiermark als schiessfreudige Weiber kokettieren. Und man verbrachte Nachtstunden mit God’s Entertainment, ebenfalls eine österreichische Formation, die mit den Zuschauern eine Bollywood-Szene inszenierte.
Insgesamt hätten dem Wettbewerb noch weitere experimentelle Gruppen wie HGich.T gutgetan, die mit einer konkreten Situation spielen oder Räume ausserhalb des Theaters erobern – wie etwa Gob Squad, das sympathischste Performerkollektiv der Gegenwart, das 2009 bei Impulse einen Preis gewann und nun nochmals als Special Guest eingeladen wurde. Zu Recht: In «Saving the World», einer Produktion, die kürzlich in der Kaserne Basel zu sehen war, versuchen vier Performer die Welt zu «retten», indem sie an einem belebten Platz mit überwältigendem Charme und mithilfe von Passanten so viel Welt wie nur möglich auf Video bannen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.07.2011, 08:24 Uhr
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