Kultur

Dies ist der Bericht einer Reise nach «Rechnitz»

Elfriede Jelinek hat ihn letztes Jahr niedergeschrieben. Das Schauspielhaus Zürich organisiert die Reise nun in der Schweiz. Am Samstag gings erstmals los, geführt von der «Botin» Isabelle Menke.

«Ab in die Schweiz! Auf in die Schweiz!»: Elfriede Jelineks Stück «Rechnitz» erzählt von einer überstürzten Abreise

«Ab in die Schweiz! Auf in die Schweiz!»: Elfriede Jelineks Stück «Rechnitz» erzählt von einer überstürzten Abreise

Der Ort Rechnitz liegt an der österreichisch-ungarischen Grenze. Bis ins Frühjahr 1945 stand dort ein Schloss, bewohnt von der Gräfin Margit von Batthyany, geborene Thyssen. In der Nacht auf den 25. März jenes Jahres organisierte sie ein Gefolgschaftsfest für lokale SS- und Gestapo-Männer, die dann auf Einladung und mit Gewehren der Gräfin 180 jüdische Zwangsarbeiter erschossen.

Wenige Tage später brannte das Schloss, die Rote Armee rückte an und die Gräfin floh - zusammen mit zwei Getreuen - unbehelligt zu ihrem Bruder Heinrich von Thyssen in die Villa Favorita am Luganer See. Thyssen sammelte Kunst und geschäftete - von der neutralen Schweiz ebenfalls unbehelligt - mit den Nazis.

Wo aber blieben die Erschossenen? Ihre Skelette wurden bis heute nicht gefunden. Sie könnten, für ewig verborgen, in Kiesgruben verscharrt worden sein, vermutet Elfriede Jelinek. Rechnitz aber schweigt die Geschichte tot, denn - so die Jelinek - «die Batthyanys gelten hier ja als grosse Wohltäter».

Flucht im Bus

Die österreichische Autorin aber schweigt nicht. In ihrem in München uraufgeführten Stück gibt sie das Wort fünf fiktiven Boten, die in Rechnitz dabei gewesen sind, alles gesehen haben, es aber nicht gewesen sind. «Wir berichten nur», beteuern sie.

In Zürich nun meistert unter der Regie von Leonhard Koppelmann eine Botin das zweieinhalbstündige Stück ganz allein: die fantastische Isabelle Menke. Im Foyer am Pfauen begrüsst sie, hier noch gepflegt uniformierte Reiseleiterin, das Publikum, entwischt dann aber im Taxi, als das Schloss nach dem Massaker zu brennen beginnt.

Auch wir anderen vom Gefolgschaftsfest können fliehen. Ein Bus steht bereit. Während der Fahrt durchs eisige Zürich verfolgen wir auf Video, wie das Schloss brennt, wie Bagger Gräben, Gräber ausheben, und wir hören - als Einstimmung auf das Grauenhafte, das die Botin bericht wird - T.S. Eliots düsteres Gedicht «The Hollow Men», die Höhlenmenschen, die hohlen Menschen.

5 Boten in einer Person

Bei einem Industriekomplex im Kreis 5 endet die Fahrt. Hier, in einem grell erleuchteten Raum (Nadia Schrader) wartet die Botin, dick eingepackt in Kleiderschichten (Kostüme: Agnes Raganowicz), die sie eine um die andere ablegt.

Sie häutet sich wie eine Zwiebel, während sie das Publikum komplizenhaft umgarnt, brillant kalauernd gefangen nimmt, diabolisch, ordinär, irr, grössenwahnsinnig, dann aber wieder ganz nüchtern und selbstverständlich einbezieht in den unbegreiflichen Schrecken, der sich in Rechnitz abgespielt und in der Schweiz überspielt worden ist.

Schliesslich steht die grossartige Menke im leuchtend roten Abendkleid und mit gediegener Feder vor uns wie die Gräfin herself, ganz grande dame, die das Erschiessen Wehrloser unglaublich zynisch mit einer Handbewegung als Nichtigkeit abtut. Was wollt ihr eigentlich? Die Gruben waren ja gar nicht so tief, kein Problem, da rein zu fallen.

Kollektives Gedächtnis

Die anderen Kleiderschichten breitet sie auf dem Boden aus, bewehrt mit Neonröhren. Diese Schichten sind die Hüllen der anderen vier Boten, die über vier Kassettenrekorder immer wieder zu Wort kommen. Die Botin kennt die Texte aller, sie verkörpert das verdrängte kollektive Gedächtnis, in das an diesem unheimlich starken Abend auch wir miteinbezogen werden.

Nach langer Rückfahrt endete die Premiere im Pfauen, wo sich das Publikum bei Isabelle Menke und dem ganzen Team mit stürmischem Applaus bedankte. (tan/sda/)

Erstellt: 20.12.2009, 11:08 Uhr

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