Ein afrikanischer Gegenentwurf zu Bayreuth
Von Johannes Dieterich, Johannesburg. Aktualisiert am 22.08.2010 1 Kommentar
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Er selbst verstand es als sein Vermächtnis. Wenige Tage, nachdem Ärzte in seinen Lungen Metastasen gefunden hatten, suchte Christoph Schlingensief das Grab seines Vaters in Oberhausen auf: «Dort habe ich mir geschworen, dieses Opernhaus zu bauen.» Und in der Nacht vor der Operation, in der ihm der linke Lungenflügel entfernt wurde, setzte er mit seiner Rechtsanwältin bis spät in der Nacht sein Testament auf, in dem es offenbar vor allem um das «afrikanische Festspielhaus» ging.
In den letzten zwei Jahren seines Lebens liess ihn dieses Projekt nicht mehr los. Einen «Gegenentwurf zu Bayreuth» wollte er aufbauen und «Afrika als riesiges Reservoir von Kulturgut verstehen. Kurz nach der Operation machte sich Schlingensief nach Kamerun auf: «Nicht als goethereisender Kunstschnösel, der den Afros mal zeigt, was deutsche Kultur so alles kann, sondern als ein blasses europäisches Blatt, das sich zur weiteren Belichtung nach Afrika begibt.»
Erweiterung der Oper in den Alltag
In der Hafenstadt Douala meinte er, geeignete Standorte für sein Opernhaus gefunden zu haben: Es sollte jedoch noch zwei weitere strapaziöse Reisen – nach Moçambique und nach Burkina Faso – brauchen, bis der Theatervisionär schliesslich am Ziel war. Das Goethe-Institut hatte Schlingensief mit dem burkinischen Architekten Francis Diébédo Kéré zusammengebracht: Dessen revolutionäres Schulgebäude in seinem Heimatdorf Gando passte perfekt.
Eine knappe Autostunde von der Hauptstadt Ouagadougou entfernt, wurde Anfang dieses Jahres in dem Dörfchen Laango der Grundstein für Schlingensiefs «Operndorf» gelegt. Bald soll sich das Dorf wie ein Schneckenhaus vom Zentrum der Festspielbühne aus mit einer Schule, Werkstätten, einer Klinik, Gästehaus und Wohnungen ausdehnen: eine mit öffentlichen und privaten Spenden errichtete Siedlung als Erweiterung der Oper in den Alltag.
Schliengensief ein Kolonialist?
Kritiker warfen Schlingensief vor, alte Kolonialideen zu reaktivieren: ein Vorwurf, den Schlingensief nur schon mit seiner von afrikanischen und europäischen Darstellern bestrittenen Oper «Intoleranza 2» widerlegt hat. In dem in Brüssel, Hamburg und München aufgeführten Werk verlassen die mit ihrem Helfersyndrom gescheiterten Europäer schreiend den Nachbarkontinent.
Die Furcht, dass mit Schlingensiefs Tod auch sein Vermächtnis sterben könnte, zerstreut Schlingensief-Partner Kéré mit der Bemerkung, dass Afrika Meister im Improvisieren sei: «Wir werden weiterbauen; nichts ist linear – das würde auch nicht zu Afrika passen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.08.2010, 19:49 Uhr
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Mettler Thomas
Ich wünsche von Herzen viel Erfolg und Kontinuation damit dieses einmalige Projekt in Afrika zu Ende geführt werden kann und somit NEUES entsteht - auch aus dem Tod. Leider gibt es nicht mehr viele Menschen, Leute, Künstler mit wahren Visionen - und diese Visionen zu einer lebendigen Umsetzung zu bringen, verdient Hochachtung und jegliche Unterstützung! Keep going. Antworten