Kultur

«Epilepsie ist meine Lebensbegleiterin»

Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 14.12.2010 5 Kommentare

Michael Birkenmeier ist einer der bekanntesten Politkabarettisten der Schweiz. Er erzählt, wie ihn seine Krankheit belastet – aber auch inspiriert.

«Die Arbeit ist für mich ein Weg zurück ins Leben. Mit ihr verarbeite ich das Erlebte»: Michael Birkenmeier. (Bild: Christian Flierl)

2011 wieder auf der Bühne

Michael Birkenmeier, 1956 geboren, ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Basel. Zusammen mit seiner Schwester Sibylle tritt er seit 1983 als Kabarettist auf. In den 80er-Jahren gewann das Duo zahlreiche Preise – unter anderem den deutschen Kleinkunstpreis, die Oltener Tanne und den Salzburger Stier. Zwischen 1990 und 1995 zog er sich wegen epileptischer Anfälle aus dem Rampenlicht zurück; er schrieb in dieser Zeit Texte und Musik für seine Schwester. Nächsten Frühling findet die Premiere des neuen Birkenmeier-Theaterkabarett-Stücks «Weltformat» statt

Epilepsie: 40'000 Betroffene in der Schweiz

Epilepsie ist die Bezeichnung für eine Gruppe von Erkrankungen des Gehirns, deren Gemeinsamkeit ist, dass eine erhöhte Neigung zu epileptischen Anfällen besteht, ohne dass dafür jeweils ein aktueller Auslöser erkennbar ist. Die Anfälle werden im Gehirn von abnormen, exzessiven, sich gegenseitig aufschaukelnden elektrischen Nervenzell-Entladungen begleitet. Ursachen können in einer ererbten Anfallsneigung oder erworbenen Schädigungen des Gehirns (z. B. Schädel-Hirn-Traumata) liegen. Es gibt mehr als 30 Epilepsieformen. In der Schweiz sind etwa 40 000 Menschen von einer behandlungsbedürftigen Epilepsie betroffen. Die meisten brauchen medikamentöse, einige chirurgische Behandlung. Zwei Drittel der Betroffenen leben mit Medikamenten anfallsfrei.

Dieses Jahr feiert die Schweizerische Epilepsie-Stiftung (EPI) ihren 125. Geburtstag. In der Jubiläumsschrift «Episoden» interviewt und porträtiert Paula Lanfranconi Menschen, die von Epilepsie betroffen sind oder sich damit beschäftigten.

Schweizerische Epilepsie-Stiftung (Hrsg.): Episoden. Menschen mit und ohne Epilepsie erzählen. NZZ libro, Zürich 2010.152 S., ca. 39 Fr.

Sie sind einer der berühmtesten Kabarettisten der Schweiz. Wieso outeten Sie sich als Epileptiker?
Die Wahrheit ist meist die allerbeste Antwort auf Fragen. 1990 wurde mir klar, dass ich mich wegen der Epilepsie eine Zeitlang von der Bühne zurückziehen muss. Um den Spekulationen keinen Raum zu lassen, outete ich mich als Epileptiker.

Im nun erschienenen Buch «Episoden» erzählen Sie von Ihrer Krankheit. Kämpfen Sie gegen Vorurteile?
Nicht mehr. Aber bis vor ein paar Jahren stand die Epilepsie in einer verschämten Ecke, sie galt als gefährlich und unheimlich. Inzwischen weiss die Öffentlichkeit besser, worum es sich handelt. Ich machte beim Buch mit, weil es eine Herausforderung ist, über Epilepsie nachzudenken. Dem will ich mich stellen.

Es gibt verschiedene Formen der Krankheit. Was haben Sie?
Eine Funktionsstörung im Temporallappen. Früher zeigte sich das in kleinen Anfällen: Ich befand mich in einer Déjà-vu-Situation, fand die Worte nicht mehr.

Wie lebt man mit der Unsicherheit, wann der nächste Anfall kommt?
Das ist nicht einfach – für mich aber sehr lange her. Seit ich die richtigen Medikamente habe, sind die Anfälle glücklicherweise sehr selten geworden und kommen nur noch nachts. Es sind Grand-Mal-Anfälle.

Was erleben Sie da konkret?
Während des Anfalls bin ich bewusstlos. Wenn ich wieder zu mir komme, habe ich manchmal eine verbissene Zunge. Fühle mich entwurzelt. Weg von der Realität. Viele Sinneseindrücke erlebe ich, als wären sie völlig neu, unbekannt, fremd. Ein Lebensgefühl, das mich an meine frühe Kindheit erinnert.

Das tönt ein bisschen nach einem Trip.
Es ist eine Erlebnissphäre, von der man eigentlich nicht erzählen kann.

Hat ein epileptischer Anfall auch seine schöne Seiten?
Nein, es ist ein mächtiger Eingriff. Ich brauche oft mehrere Tage, bis ich mich ganz erhole.

Merkt man Ihnen das an?
Meine engsten Leute schon. Von aussen betrachtet funktioniere ich mittlerweile rasch wieder. Es ist ein innerer Vorgang. Ich höre auf der Strasse Gesprächsfetzen, die für mich zusammen mit dem nahenden Tram und einem Plakat eine perfekte Inszenierung ergeben – manchmal lächle ich über solche Dinge wie ein Kind, wenn es Sachen wahrnimmt, die für andere normal sind.

Inwiefern inspirieren Sie solche Erfahrungen für Ihre Arbeit auf der Bühne?
Sie schärfen eindeutig meinen Blick für die Absurdität der Realität. Ich bin von Berufs wegen sensibilisiert darauf, Stimmungen wahrzunehmen. Und dafür brauche ich alle meine Sinne. Nach einem Anfall nehme ich noch ungefilterter wahr, was die Menschen sagen, wie jemand sich bewegt, welche Nuancen unsere Kommunikation ausmachen.

Wie finden Sie nach einem Anfall zurück zur Arbeit?
Es ist viel mehr so: Die Arbeit ist für mich ein Weg zurück ins Leben. Mit ihr verarbeite ich das Erlebte. Ich suche für unsere Stücke Worte, die ausdrücken, was hinter den Erscheinungen unserer Zeit steht, in welchem Klima wir leben.

Ihr Leiden haben Sie allerdings auf der Bühne nie explizit zum Thema gemacht.
Das ist nicht nötig. Wenn man von etwas redet, macht man es gegenwärtig. Davor möchte ich mich schützen.

Ist Epilepsie für Sie eine Krankheit? Eine Behinderung?
Sie ist meine Lebensbegleiterin und gehört so stark zu mir, dass ich sie nicht mehr als Fremdkörper erlebe.

Weil Sie schon immer mit Anfällen leben mussten?
Nein, den ersten hatte ich erst mit 18 Jahren. Aber eigentlich bin ich mit Epilepsie auf die Welt gekommen. Bereits als Kind kotzte ich wahnsinnig viel – vor lauter Überbeeindrucktheit.

Wo liegen denn die Ursachen?
Das bleibt unklar. Bei mir ist es nicht vererbt. Ich bezeichne es als konstitutionelle Labilität. Das bedeutet: Ich habe Schwierigkeiten damit, mich nach aussen abzugrenzen. Ich sinke zu stark in Eindrücke, Situationen und Menschen. Es ist schwierig, das alles zu verarbeiten; da bleibt manches unter der Haut hängen. Manchmal führt das zu einem epileptischen Anfall.

Vergeht einem als Kabarettist da manchmal der Humor?
Wie Sie sehen: überhaupt nicht. Meine Erfahrungen mit der Epilepsie können mir neue Wege zum Humor öffnen. Ich verstehe Humor so, dass da auch Schmerzliches mitklingen kann. Das heisst, ich muss nicht etwas von mir wegsperren.

Sie sagen, Sie haben keine Angst mehr vor der Krankheit. Welche Rolle spielt sie überhaupt noch?
Sie zwingt mich immer wieder, auf die Bremse zu stehen. Die für diesen Herbst geplante Premiere unseres Stücks «Weltformat» haben wir auf nächsten Frühling verschoben. Die Belastung war zu gross; der Tod unserer Bühnenpartnerin vor zwei Jahren, der Neuanfang wieder als Duo mit meiner Schwester, die Neufassung des Programms mitten in der Spielzeit, die Epilepsie meldete sich wieder. Ich musste den Stress begrenzen.

Stress begrenzen – das versuchen viele. Bloss: Wie schafft man das?
Es geht nicht darum, es zu schaffen. Erreichen werde ich das Ziel nie, das wäre eine Illusion. Es geht darum, es zumindest zu versuchen. Unterwegs zu sein. Am Morgen zu schauen: Wie gehts mir? Im Tag mal mutig auszusteigen, wegzutreten, zu fragen: Ist es mir zu viel? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2010, 07:37 Uhr

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5 Kommentare

Roland Lienhard

14.12.2010, 09:19 Uhr
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Danke für dieses Interessante Interview. Ich erlebe ein ähnliches Krankheitsbild in meiner Familie und erfahre dabei, dass die Krankheit oft falsch wahrgenommen wird. Besonders störend ist dies, wenn Personen im Umfeld herablassend auf diese Situationen reagieren. Dadurch nimmt man den Betroffenen viel Vertrauen und verursacht Verunsicherung, unnötigerweise. Ich wünsche viel Mut im Alltag! Antworten


Sabine Gasser

14.12.2010, 09:57 Uhr
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Ich finde die Beschreibungen von Herr Birkenmeier sehr eindrücklich, poetisch und gleichzeitig wuchtig. Danke, dass Sie uns die Tür mit diesem Interview zu dieser Welt eröffnet und zugänglich gemacht haben. Antworten




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