Kultur

«Es ist ein Statement, wie der Hansdampf sich auf die Tänzerin draufschmeisst»

Interview: Linus Schöpfer. Aktualisiert am 29.11.2011 5 Kommentare

Christoph Marthaler ist der bedeutendste Theaterregisseur der Schweiz; eben wurde er mit dem prestigeträchtigen Hans-Reinhart-Ring prämiert. Theaterprofessorin Christina Thurner sagt, warum.

1/5 Träger des preistigeträchtigen Hans-Reinhart-Rings: Daniele Finzi Pasca.
Bild: Keystone

   

Christoph Marthaler

Christoph Marthaler wurde am 17. Oktober 1951 im Zürcherischen Erlenbach geboren. Nach einem Musikstudium (Blockflöte und Oboe) widmete er sich vermehrt der Bühnenarbeit. Sein erstes Stück («Indeed. Ein Interieur») wurde 1980 in der Roten Fabrik uraufgeführt. Berühmte Marthaler-Werke heissen «Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!» (1993), «Die Spezialisten» (1999) und «Die Fruchtfliege» (2005). Marthaler profilierte sich auch als Regisseur zahlreicher fremder Stücke, so inszenierte er Shakespeare ebenso wie Wagner, Tschechow oder Elfriede Jelinek.

Diesen November wurde Marthaler mit dem Hans-Reinhart-Ring ausgezeichnet, dem bedeutensten Theaterpreis der Schweiz. Er wird seit 1957 jährlich von der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur verliehen.

Christina Thurner ist seit 2007 Professorin am Institut für Theaterwissenschaften der Uni Bern. Hauptsächlich beschäftigt sie sich mit den verschiedenen Formen des Tanztheaters. Sie war Mitarbeiterin des Sammelbands «Christoph Marthaler» (Lang-Verlag, 2011), der anlässlich der Hans-Reinhart-Prämierung publiziert wurde. Erstmals mit Marthaler in Kontakt kam sie 1995, als sie als Erasmus-Studentin das Stück «Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!» besuchte. (Bild: Unibe.ch)

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Frau Professor Thurner, für viele Beobachter der Schweizer Theaterszene kommt die Verleihung des Reinhart-Rings viel zu spät. Für Sie auch?
Das kann man so sehen. Vielleicht hat die Auszeichnung aber auch gerade mit dem Generationenwechsel innerhalb der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur zu tun. Ein positives Zeichen.

Was sind für Sie die typischen Erkennungsmerkmale eines Marthaler-Stücks?
Christoph Marthaler hat einen besonderen Stil des postdramatischen Regietheaters geprägt. Typisch Marthaler sind dabei vor allem drei Eigenarten: Musik, Raum und Körperlichkeit.

Wie zeigen sich diese Erkennungsmerkmale?
Erstens: Marthaler stellt Musik der Hochkultur, mit Vorliebe die Oper, in einen neuen Kontext. Andererseits scheut er sich nicht davor, Stücke aus der Unterhaltungsmusik, Volkslieder zu verwenden. Das Bühnensetting ist meist für sich bereits eine starke, selbständige Interpretation, die das Stück häufig aktualisiert, mit der Gegenwart in Beziehung setzt. Eine spezielle Körperlichkeit schliesslich, die mich besonders interessiert, ist bei Marthaler ebenfalls festzustellen. Bei ihm ist Sprache mehr als eine Geste, er bindet die Sprache an den Körper. Da wäre zum Beispiel Marthalers Shakespeare-Interpretation «Was ihr wollt» aus dem Jahr 2001: Es ist ein deutliches Statement über Macht und Ohnmacht, wie sich hier Josef Ostendorf als Hansdampf Sir Toby Belch auf die Tänzerin draufschmeisst. Wenn Marthalers Figuren stolpern, zucken oder umfallen, sagen sie damit immer etwas Bestimmtes aus, das man auch in Worte fassen könnte, aber so wirkt es anders, eben physisch.

Marthaler hat viele eigene Stücke wie den «Murx» oder die «Fruchtfliege» auf die Bühne gebracht, daneben aber auch zahlreiche fremde Werke inszeniert. In welcher Beziehung stehen Eigen- und Fremdproduktion?
Der Unterschied ist kleiner, als die meisten denken. Marthaler erfüllt als Regisseur keine dienende Funktion, die Dramentexte sind ihm vielmehr Ausgangspunkt für eigene, weitgehende Stückinterpretationen.

Häufig ist ja von einem verschworenen Grüppchen die Rede, das der Regisseur um sich schare – die sogenannte «Marthaler-Familie». Was hat es damit auf sich?
Es stimmt tatsächlich, dass sich Marthaler seit Jahren auf ein Ensemble vertrauter Schauspieler stützt, das ist ein eingeschworenes Team. Marthaler entwickelt gemeinsam mit Leuten wie der Bühnenbilderin Anna Viebrock oder dem Theatermusiker Jürg Kienberger seine Regie-Visionen. Schauspieler wie Bettina Stucky oder Ueli Jäggi, die eine gewisse Verschrobenheit ausstrahlen, ausstrahlen können, geben das ihre dazu.

Besteht da nicht die Gefahr der Stagnation, wenn ein Regisseur über Jahre mit dem identischen Ensemble spielt?
Man könnte auch sagen: Marthaler hat eine Handschrift. Natürlich gibt es Leute, die bisweilen sagen: «Das haben wir irgendwo schon mal gesehen bei ihm.» Man muss aber auch sehen, dass sich Marthaler ständig mit neuen Inhalten beschäftigt, dass er sich mit der Oper oder der deutschen Geschichte ebenso intensiv auseinandersetzt wie mit Schweizer Gesellschaftsfragen.

Apropos: Marthaler hat diverse gesellschaftskritische Stücke in seinem Repertoire wie «Wenn das Alpenhirn sich rötet, tötet, freie Schweizer, tötet», «Stägeli uf, Stägeli ab, juhee!» oder «Groundings». Auf den öffentlichen Diskurs hat er damit aber kaum Einfluss.
Das sehe ich anders. Während seiner Zeit im Schauspielhaus nahm Marthaler durchaus öffentlich Einfluss. Aber es stimmt: Er lässt kein deutlich politisches Theater spielen, sondern ein subversives.

Was steckt hinter dieser Subversion?
Marthaler blickt skeptisch auf die Gesellschaftspyramide. Der Vorstellung, dass diejenigen, die am meisten haben und zuoberst sind, die besten seien, misstraut Marthaler zutiefst. Er hat ein sehr genaues Gespür für Figuren am Rand der Gesellschaft, für Gefallene und Gestrandete – abseits der Prinzen, Manager und Herrscher.

Gehören Marthalers gesellschaftskritische Arbeiten zu ihren Lieblingsstücken?
Ja, aber ich war genauso begeistert von der Inszenierung von «Was ihr wollt». Ich sehe Shakespeare seit dieser Aufführung mit neuen Augen. Und Marthalers Produktionen «Murx» und auch die «Stunde Null» sind für mich überaus spannende und subtile Auseinandersetzungen mit der deutschen Geschichte.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.11.2011, 11:38 Uhr

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5 Kommentare

Bruno Waldvogel-Frei

29.11.2011, 12:41 Uhr
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Na ja, in der Kultur zeichnet man sich im Filz immer gegenseitig aus. Das gibt Zugang zu neuen Finanzen. A lobt B und B lobt dafür wieder A. So läuft das im Kulturbetrieb. Ob damit aber der Nachweis erbracht ist, dass Marthaler tatsächlich der bedeutendste Regisseur ist, sei mal dahingestellt. Aber trotzdem: Gratulation! Antworten


karl hans

30.11.2011, 09:35 Uhr
Melden 1 Empfehlung

toll! mit dem ding kann man noch viel besser zuschlagen. Antworten




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