Kultur

Handkes Bildersturm als Körpertheater

Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 09.10.2010 1 Kommentar

Laurent Chétouane inszeniert «Publikumsbeschimpfung» im Zürcher Neumarkt.

«Ihre Schaulust wird nicht befriedigt werden»: Was 1965 eine Revolution war, kann heute ziemlich ermüdend sein.

Adrian Ehrat

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Plötzlich fällt ein Schuss – und wir fallen schier von den Stühlen, auf denen wir sanft hinweggedämmert waren. Mit zitternder Hand richtet der Schauspieler den Revolver auf uns. «Sie liessen geschehen. Sie liessen sich bannen», wirft er uns vor und weitere hochkonservative Theaterbesucher-Sünden, die Peter Handke seinerzeit, 1965, in seinem berühmten Sprechstück «Publikumsbeschimpfung» aufs Korn nahm. Damals schwang allerdings noch die braune Vergangenheit mit, die Kritik am Mitläufertum, und Handke stockte seinen Katalog der Verbalinjurien mit Invektiven wie «Ihr KZ-Banditen, ihr Untermenschen, ihr Nazischweine» auf; die Uraufführung der «Publikumsbeschimpfung» durch Claus Peymann wurde zur Legende. Eins kann man schon mal sagen: Die neue Inszenierung durch den Franzosen Laurent Chétouane am Theater Neumarkt wird es nicht.

Dabei ist der Versuch durchaus ehrenwert, Handkes Bildersturm zu reanimieren in einer bildersüchtigen, storybesessenen Epoche. «Ihre Schaulust wird nicht befriedigt werden. Sie werden kein Spiel sehen», heisst es bei ihm – und seinerzeit war das eine Revolution; heute freilich nicht. «Sie sind das Thema. Sie sind im Blickpunkt»: So geht es endlos weiter in den typischen mäandernden Modulationen des österreichischen Avantgardisten.

Laurent Chétouane lässt in seiner «Publikumsbeschimpfung» vier «Sprecher», wie er sie nennt – denn spielen oder agieren sollen sie ja nicht –, gegen die Theaterfiktion anreden. Die Einheit von Zeit, Ort und Handlung gilt für die gesamte Gemeinschaft aus Zuhörern und Sprechern. «Ihnen wird nichts vorgespiegelt. Hier gibt es nur ein Jetzt und ein Jetzt und ein Jetzt.»

Anziehen und umziehen

Das «Jetzt» ist im Neumarkt-Theater ganz körperlich und kreatürlich gemeint. Drei junge Frauen – eine davon Tänzerin (die in Israel aufgewachsene Sigal Zouk) – und ein junger Mann, mit nichts als Badesachen bekleidet, berühren sich, streicheln sich, fassen sich an Brüste, Popos und Gliedmassen, während der Text aus ihnen herausrinnt, als seis ein Körpersaft. Der 1973 geborene französische Regisseur und Choreograf hat alles Zeitpolitische gestrichen und arrangiert die vier zu Laokoon-gleichen Skulpturen. Dann trennt er sie wieder, schickt sie nach vorn an die Rampe, zu den Zuschauern («die Rampe ist keine Grenze»), beordert sie hinter die Bühne, wo sie sich anziehen, später umziehen und nochmals umziehen, Tops tauschen und Röcke, derweil ein kühler Johann Sebastian Bach ab Band läuft und glasklarer Scarlatti.

Glasklar ist rasch auch das Konzept der Soiree: Die aggressive Antitheater-Rede wird durch – zum Teil bestechend schöne! – Bilder zugleich konterkariert und illustriert. Katarina Schröter, Franziska Wulf, Sigal Zouk und Malte Sundermann gestalten Grundfiguren aus dem Garten Eden samt grossem Traubenbüschel. (Vorsicht! Wir «Glotzaugen» haben teil, die grünen Dinger fliegen ins Publikum.) Sie gestatten sich zartfingrige Annäherungen, streichen sich gegenseitig durch die lose zusammengebundenen Haare, üben das zen-buddhistische Bewusstwerden des eigenen Atems und fordern, textgetreu, auch uns zu solchen Etüden auf. Und immer wieder drapieren sich die achtbaren Akteure (denn das sind sie trotz allem) um die Stützen eines Baugerüsts, das die Bühne einrahmt wie ein Käfig: Chétouane weiss, dass es Theater ohne Theater nicht gibt, und sein Bühnenbildner Patrick Koch weiss das auch.

Grundkurs in Improvisation

Viele ermüdende Handke-Sätze verschlingen sich fast zwei Stunden lang mit viel ermüdendem Jugendstil, gebrochen durch ein wenig Comic-Relief, etwa durchs Zitat der Nackte-Hintern-Parade der Kommune 1 von 1967. Als Sundermann schliesslich minutenlang einen Tisch durchsägt, sind wir endgültig angekommen in der Hochschule für Theater, Grundkurs Improvisation. Überdruss reicht nicht als ästhetische Irritation. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.10.2010, 19:58 Uhr

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1 Kommentar

silvie kuemmin

09.10.2010, 18:04 Uhr
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Solch ein dämliches Theaterstück würde ich mir nie ansehen,zu langweilig! Meine kostbare Freizeit, möchte ich mit etwas sinnvollerem verbringen.Solche kunstvolle moderne idiotische Theater- besuche kann ich mir ersparen.Na ja,jedem das seine wenn es ihm gefällt.Viel spass! Antworten




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